Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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21. April 1610 Erster dokumentierter Kaiserschnitt in Deutschland

Unter Schmerzen und Lebensgefahr sollten Frauen gebären, das sei gottgewollt, meinten die Herrn der Schöpfung. Der ersten Kaiserschnitt in Deutschland führte Jeremias Trautmann am 21. April 1610 durch – ohne Narkose. Autorin: Isabella Arcucci

Stand: 21.04.2020 | Archiv

21 April

Dienstag, 21. April 2020

Autor(in): Isabella Arcucci

Sprecher(in): Johannes Hitzelberger

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

Große Männer sorgen schon bei ihrer Geburt für Aufsehen. Der spätere römische Diktator Julius Caesar beispielsweise, war von Anfang an ein solcher Dickschädel, dass er seiner Mutter Aurelia angeblich aus dem Leib geschnitten werden musste.  "Sectio caesarea" –  "Kaiserschnitt", heißt der Eingriff heute. Eine sehr fragliche Anekdote. Aurelia starb erst 46 Jahre nach der Geburt ihres Sohnes. Einen Kaiserschnitt aber, überlebte damals kaum eine Mutter und nur selten ein Kind. Das römische Gesetz befahl hingegen, einer verstorbenen Schwangeren den Bauch aufzuschneiden, um das Ungeborene nach Möglichkeit zu retten.

Von Thronfolgern und Desinfektionsmitteln

In Deutschland war es der Arzt Jeremias Trautmann, der am 21. April 1610 in Wittenberg den ersten historisch verbürgten und erfolgreichen Kaiserschnitt an einer lebenden Frau ausführte. Ohne Narkose! Die gab`s noch nicht. Wozu auch? Die Frau sollte "unter Schmerzen und Bedrohung ihres Lebens gebären", das war gottgefällig,  sagte auch Luther und der musste es wissen, hatte er doch selbst sechs Kinder gezeugt.

Ein riesiger Kraftakt war die Geburt für jede Frau. Als die französische Königin Marie Antoinette im Jahr 1778 ihr erstes Kind zur Welt brachte, stürmte der halbe Hofstaat in ihr Schlafgemach und drängte sich, nach Schweiß und Parfüm stinkend, um das Bett der vor Schmerzen schreienden Königin. Nur ja nicht das erste Quäken des Thronfolgers verpassen! Schließlich ging es bei einer Geburt in erster Linie um den ersehnten Sohn und nur zweitrangig um das Wohl der Mutter. Die französischen Hebammen waren daher von der Kirche dazu angehalten, im Zweifelsfall  durch einen schnellen Kaiserschnitt das Leben des Kindes zu retten, auch wenn das mit ziemlicher Sicherheit den Tod der Mutter bedeutete. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts betrug die mütterliche Sterberate nach einem Kaiserschnitt fast 100%. Erst durch den konsequenten Einsatz von Desinfektionsmitteln um 1900 sank sie auf drei 3%.

Wunschkaiserschnitt und Hausgeburt

Heute ist der Kaiserschnitt ein sehr sicherer Routineeingriff - der laut Weltgesundheitsorganisation in Deutschland viel zu oft ohne medizinische Notwendigkeit vorgenommen wird. Denn bei aller Sicherheit: der Kaiserschnitt ist eine große Bauch-Operation und eine natürliche Geburt, das legen zumindest diverse Studien nahe, auch gesünder für das Kind. Schuld an der hohen Kaiserschnittrate sind, neben vielen anderen Punkten, angeblich die Frauen! Sie haben heute die Wahl, wie und wo sie gebären wollen. Und einige wollen nicht mehr demutsvoll  "gottgewollte" Wehen ertragen, sondern verlangen gleich nach einem Kaiserschnitt, der auch noch perfekt in den Terminkalender passt.  Andere dagegen sehnen sich nach einer intimen Hausgeburt, romantisch, im Kreise der engsten Familie! Manche machen aus dem freudigen Ereignis dann gleich noch ein Youtube-Video. Was hätte Marie Antoinette darum gegeben: eine Livestream-Videoübertragung ihres Gebärens, statt dem ganzen stinkigen Hofstaat in ihrem Zimmer! Nur knapp überlebte sie die Geburt. Und dann die Enttäuschung: es war "nur" ein Mädchen.


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