Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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18. Juli 1976 Erste Turnerin der Welt erhält bei Olympia die 10,0

Sie ist ein Turnfloh, der die Herzen der Sportfans höherschlagen lässt. Millionen Mädchen eifern ihr nach. Doch Nadia Comănecis steile Karriere ist ein harter Kampf. Autorin: Justina Schreiber

Stand: 18.07.2019 | Archiv

18 Juli

Donnerstag, 18. Juli 2019

Autor(in): Justina Schreiber

Sprecher(in): Johannes Hitzelberger

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Susi Weichselbaumer

Ein Traum, der nicht einmal eine Minute dauert. Fantastisch gegrätscht geht es über den unteren Holm, ein gekippter Felgaufschwung am oberen, ein Umschwung, dann der Stütz – alles federleicht! Graziös fliegt sie weiter, mit unfassbarem Schwung vom unteren zum oberen Holm und wieder zurück, gestreckt bis in die Zehenspitzen. Jede Bewegung, jede Figur wirkt kraftvoll, sicher und anmutig. Faszinierend! die blitzschnellen Handwechsel, die atemberaubend weiten Riesenfelgen und zum Schluss: der anderthalbfache Salto rückwärts. Und dann steht sie wieder auf der Matte wie eine Eins. Die erst 14-jährige Rumänin mit der Startnummer 73 zeigte eine perfekte, um nicht zu sagen, übernatürliche Leistung am Stufenbarren. So urteilten die Kampfrichter einstimmig. 

Traumnoten erturnt

Am 18. Juli 1976 erhielt Nadia Comăneci als erste Turnerin der Welt bei den Olympischen Spielen in Montreal die Bestnote 10. Und im Verlauf der Wettkämpfe noch weitere sechs Mal. Ihr phänomenaler Auftritt sprengte den Rahmen der Erwartungen und Ansprüche. Nicht einmal die Anzeigetafel war auf eine zweistellige Zahl eingerichtet. Stattdessen erschien als Wertung "1.0". Aber alle verstanden: hier passierte Sensationelles. Ein Mädchen aus einem kleinen unbedeutenden Ostblock-Land hob die Gesetze der Schwerkraft auf. Es schien keine Angst zu kennen, nur pure Freude an den diversen Schrauben, Überschlägen und Sprüngen. Das freie hohe Rad mit nahtlos anschließendem Flic-Flac auf dem nur 10 Zentimeter schmalen Schwebebalken. Die temporeiche übermütige Kür am Boden. Die kleine Sportlerin mit der Pferdeschwanzfrisur bescherte dem Publikum Momente des Glücks und der Hoffnung: der Mensch konnte sich also doch von seinen Fesseln befreien. Wenn er sich denn traute wie dieses Kind, das alle Disziplinen mit uneitler Bravour bewältigte… ach, mehr noch: als sei nichts einfacher als das bisschen Akrobatik.

Der Schein trügt

Was für eine Illusion! Zwar profitierte die 14-Jährige von den biomechanischen Vorteilen ihres jungen Körpers. Je geringer nämlich Masse und Trägheitsmoment sind, umso besser funktionieren Spindeldrehungen um die eigene Achse oder Hebelwirkungen. Und die Regelung, dass olympische Turnerinnen mindestens 16 Jahre alt sein müssen, führte man erst später ein. Aber trotzdem. Obwohl es so aussah, als spiele sie lediglich mit den Geräten: Nadia Comănecis Alltag bestand aus hartem Drill und strenger Diät.  Dass der rumänische Staatspräsident Nicolae Ceaușescu die Siegerin mit dem Titel "Held der Arbeit" ehrte, verbesserte nichts. Im Gegenteil: nun lastete auf ihr auch politischer Druck. Das kommunistische Regime benutzte sie als Aushängeschild für die Leistungsfähigkeit seines Landes. Und plötzlich hing die geniale Turnerin wie eine Marionette an den Fäden einer Diktatur. Erst im November 1989 fand sie einen Weg, der übermächtigen Kontrolle zu entkommen. Nadia Comăneci floh in die USA. Aber das ist fast schon eine andere Geschichte.


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