Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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16. April 1811 Erste Ballonfahrt einer Frau in Deutschland

Wie die Welt wohl von oben aussieht? Als erste Deutsche erobert Wilhelmine Reichard den Himmel im Gasballon - und veranstaltet kommerzielle Luftfahrten mit umfangreichem Rahmenprogramm. Autorin: Prisca Straub

Stand: 16.04.2019

16 April

Dienstag, 16. April 2019

Autor(in): Prisca Straub

Sprecher(in): Johannes Hitzelberger

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

Sie ist eine Meisterin des Riesen-Spektakels. Wilhelmine Reichard kennt sich aus mit Windverhältnissen, sie weiß alles über die Herstellung von Wasserstoffgas - und hat als Startplatz ihrer ersten Luftreise den Garten der königlichen Tierarzneischule in Berlin gewählt. Am 16. April 1811(!!) - um drei Uhr nachmittags, so melden die Zeitungen - will die 23-jährige "Madame" aus Braunschweig es wagen, "allein das Luftschiff zu besteigen".

Ballonfahrer-Karriere

Der Himmel über Berlin ist trüb. Trotzdem hat das Publikum Eintritt bezahlt: Wird Wilhelmine wirklich fliegen? Die Verwegene trägt einen plissierten, weißen Krauskragen und eine Kappe mit Straußenfedern. Ihre Gondel, einen geflochtenen Weidenkorb, hat sie mit Blumen dekoriert. Sorgfältig kontrolliert sie ein letztes Mal das Gas-Ventil. Der birnenförmige Ballon ist inzwischen prall gefüllt und lässt sich kaum noch auf dem Boden halten.

Dann geht alles ganz schnell: eine knappe Verneigung, Wilhelmine Reichard kappt das Halteseil, schwankt einen Augenblick bedrohlich hin und her - und steigt rasch auf. Gerade bleibt ihr noch Zeit, eine Handvoll bunter Fähnchen in den Wind zu schleudern, da hat sie der feuchtkalte Nebel auch schon verschluckt. Für anderthalb Stunden treibt sie in der Luft - dann landet die erste deutsche Luftschifferin - sanft, rund 30 Kilometer südlich von Berlin.

Schon drei Wochen später klettert Wilhelmine wieder in den Korb: 16 weitere Luftreisen wird sie in den kommenden zehn Jahren unternehmen - in vielen deutschen Städten, Dresden, Hamburg, Lübeck, Bremen, aber auch in Brüssel, Prag und Wien. Wo sie aufsteigt, steht das Publikum Schlange. Die Polizei muss Tribünen errichten und das Gelände absperren. Halb Europa ist im Ballon-Fieber.

Ballonfahrt mit Geschäftssinn

Und nicht nur für Thermometer und Barometer hat Wilhelmine ein gutes Händchen. Gemeinsam mit Ehemann Gottfried stellt sie eine professionelle Öffentlichkeitsarbeit auf die Beine: Die Berufs-Ballonfahrerin nimmt jetzt sogar zahlende Gäste mit an Bord. Gottfried hält Vorträge über "Füllungsmethode und Behandlung eines Luftballs während der Luftreise" und fachsimpelt über "verschiedene Luftarten". Sie verschickt Pressemitteilungen, er experimentiert mit Schwefelsäure, um das Füllgemisch zu optimieren. Und zu jeder Schaufahrt erscheinen Luftfahrtberichte, in denen es um "Kopfdruck und Ohrenschmerzen in großer Höhe" geht oder um "die Freude, im reinen Äther zu schiffen". Nur einmal gibt es eine riskante Bruchlandung, nachdem die Aeronautin in großer Höhe ohnmächtig geworden war. Wilhelmines Lufttouren sind ein Nervenkitzel und ein erstrangiges Show-Geschäft.

Dann ist Schluss. Gottfried gründet bei Dresden eine chemische Fabrik für Schwefelsäure - und Wilhelmine kümmert sich um die Familie, zieht Kinder groß. Die Überfliegerin wird bodenständig. Sie, die tausende von Metern über der Erde dahinzog und als eine der ersten die Welt von oben sah. Oder wie sie es selbst empfunden hat: "gleich einem Sonnenstäubchen im Weltall" schwebte.


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