Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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27. Mai 1668 Drache von Henham gesichtet

Wie das kleine Dorf Henham mitten in der Grafschaft Essex zuerst von einem Drachen bedroht wird und das Untier dann gemeinsam vertreibt, das war ein großes Ding im Jahr 1668. Sogar eine Flugschrift mit beeindruckendem Holzschnitt wurde im Jahr drauf angefertigt und verkauft. Autorin: Anja Mösing

Published at: 27-5-2024 | Archiv

27.05.1668: Drache von Henham gesichtet

27 Mai

Montag, 27. Mai 2024

Autor(in): Anja Mösing

Sprecher(in): Irina Wanka

Redaktion: Susi Weichselbaumer

Links oben die Sonne! Die muss hell gestrahlt haben.
Heißt: Ist wohl bei Tag passiert… Ein Ritter in glänzender Rüstung? Fehlanzeige. Kein Ritter. Aber da sind, eins, zwei… 10 Bauern zu sehen: Manche mit Dreschflegeln, manche mit Spießen und welche mit Mistgabeln. Feuer hat das Ungeheuer wohl nicht gespien. Keine Flammen. Dafür… zwei Zungen! Die eine wie ein Pfeil auf einem Verkehrsschild. Zack schießt sie waagerecht heraus aus dem Maul mit den vielen Zähnen! Die zweite Zunge flattert fröhlich nach oben, rein in den sonnigen Himmel. Und natürlich hat das Viech Flügel und einen gewundenen, schuppigen Leib, aber keine Füße. Eine riesige fliegende Schlange!

Was ist denn das bitte?

Naja, schaut eigentlich ganz genauso aus, wie viele Drachen zu der Zeit:
So, wie Menschen die Drachen in der kleinen Grafschaft Essex im 17. Jahrhundert sonst auch zu sehen bekamen: In ihren Kirchen, wo Drachen Kapitelle von steinernen Säulen umschlängelten. Oder auf Gemälden und Skulpturen, wo sie im Kampf vom heiligen Georg getötet werden, oder auf den Fahnen von Wales, wo der rote Drache seine Pfeilzunge herausschießen lässt.

Aber unser Drache hier wurde exakt am 27. Mai im Jahr 1668 gesehen. In der Grafschaft Essex, im kleinen Dorf Henham on The Mount, also Henham auf dem Berg.Und darum wurde er auch einfach so genannt: Henham Dragon - Drache von Henham!

Den Ort gibt es heute noch, liegt nördlich von London, auf halbem Weg nach Cambridge, auf einer kleinen Anhöhe.

Was war da los?

Wie der Drache ausgesehen hat, das können wir immer noch genauso anschauen und nachlesen wie alle, die auch damals zufällig gerade woanders waren. Denn im Jahr drauf, also 1669, wurde eine Flugschrift gedruckt mitsamt einem Holzschnitt von der ganzen Szene! Und mit genauer Beschreibung wie dick das Ungeheuer war – an seiner dicksten Stelle so breit wie der Oberschenkel eines Mannes! Und wie lang sein Körper war: ungefähr zweieinhalb Meter lang. Und ganz klar wurde in der Flugschrift auch beschrieben, wie die Bauern es nach mehreren Versuchen geschafft hatten, den Drachen mit Steinen endlich doch in den Wald zu treiben.
Für immer!

Gut, dieser Bericht erschien erst ein ganzes Jahr nach dem unerhörten Ereignis. Aber so war das damals: Erstmal mussten sich alle vom großen Schreck erholen. Und bis dann so ein Holzschnitt geschnitzt und der Text für die Flugschrift gesetzt war und alles endlich gedruckt: Das hat gedauert!
Aber dann war der Stolz offenbar groß. Die Bewohner von Henham begannen sogar, jährlich ein Drachenfest zu feiern, wo extra gebrautes Drachenbier ausgeschenkt wurde. Ein neuer fröhlicher Brauch! 

Und dass man heute sagt: Naja, die ganze Geschichte mit dem Drachen, die kann doch gar nicht sein! Und liest sich der Text nicht doch irgendwie so, wie andere Schriften von diesem Satiriker, der damals in Essex lebte?
Dieser William Winstanley? Und dass man heute weiß, alle in der Schrift genannten Augenzeugen waren dicke Freunde vom Winstanley?
Geschenkt!
Wer seinen Landsleuten mit einem gekonnten Scherz über Jahrhunderte hinweg einen Eintrag in Drachenbücher verschafft, auf den wollen wir auch heute noch gern einen Toast ausrufen: Lang lebe der Drache von Henham!


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