Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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12. November 1847 Dr. Simpson beschreibt, wie Chloroform wirkt

Die Menschen litten bei Operationen unerträglich, bevor die Medizin eine wirksame Narkose kannte. Am 12. November 1847 beschrieb Dr. James Young Simpson der Fachwelt die Wirkung von Chloroform. Autorin: Christiane Neukirch

Stand: 12.11.2019 | Archiv

12 November

Dienstag, 12. November 2019

Autor(in): Christiane Neukirch

Sprecher(in): Andreas Wimberger

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Thomas Morawetz

Es ist eine seltsame Szene, die der unbekannte Zeichner auf dem Bild festgehalten hat: zwei Männer bewusstlos auf und unter einem Wohnzimmertisch; ein dritter kniet auf dem Boden neben seinem Stuhl. Das Wohnzimmer gehört dem schottischen Arzt James Young Simpson.

… zerstörerisch in seiner Wirkung auf den Menschen

Im Jahr 1840 hatte dieser den Lehrstuhl für Geburtshilfe in Edinburgh übernommen. Er sah und hörte, wie die Frauen bei der Geburt unter unerträglichen Schmerzen litten; wie Patienten für Operationen ohne Betäubung gefesselt und geknebelt wurden, damit sie die Ärzte nicht bei der Arbeit behinderten. Diese Eindrücke wühlten ihn so auf, dass er beschloss, sich mit aller Kraft dem Kampf gegen den Schmerz zu widmen. "Jeder Schmerz", schrieb er, "ist zerstörerisch in seiner Wirkung auf den Menschen."

Das war Mitte des 19. Jahrhunderts eine unerhörte Aussage. Schmerz galt in der tief religiösen Gesellschaft Großbritanniens als gottgewollt. Theologen, Ärzte und sogar Patienten betrachteten einen Eingriff in diese göttliche Ordnung als untragbar. Doch Simpson ließ sich davon nicht abhalten. Jeden Abend nach der Arbeit traf er sich mit seinen beiden Assistenten, um Chemikalien auf ihre einschläfernde Wirkung zu testen - im Selbstversuch.

Eines Abends besuchte er den Chemiker Lyon Playfair in dessen Labor und fragte ihn nach Chemikalien, die er für seine Forschung verwenden könne. Playfair antwortete, er habe zufällig soeben eine Flüssigkeit hergestellt, die für einen Versuch infrage komme. Diese Auskunft versetzte Simpson in solches Entzücken, dass er darum bat, das Mittel sofort im Nebenzimmer ausprobieren zu dürfen. Playfair willigte ein, aber nur unter der Bedingung, dass es zuvor an zwei Kaninchen getestet würde. Nur widerwillig fügte sich Simpson in die seiner Meinung nach unnütze Zeitverschwendung - wo doch im Kampf gegen den Schmerz jede Stunde zähle. Am folgenden Tag zeigte sich, dass sich das Warten gelohnt hatte: Die beiden Kaninchen lagen tot im Stall.

Um ein Haar hätte die Medizin einen ihrer großen Köpfe verloren, bevor dieser die bahnbrechende Entdeckung machen konnte.

Erst heiter, dann bewusstlos

Anfang November 1847 saß Simpson mit seinen beiden Assistenten wieder im Wohnzimmer beisammen. Diesmal versuchte er es mit chloriertem Kohlenwasserstoff, mit Chloroform. Er goss etwas davon ins Reagenzglas. Zwei Minuten später verschwand der erste Assistent unter dem Tisch; der zweite und Simpson selbst folgten ihm nach einem kurzen Moment der Heiterkeit ebenfalls in die Bewusstlosigkeit. Erst am nächsten Morgen kamen sie wieder zu sich. Simpson erwachte als erster - und begriff sofort, dass er gefunden hatte, was er suchte. "Das ist viel besser und stärker als Äther", sagte er, "das wird die Welt auf den Kopf stellen."

Am 12. November 1847 veröffentlichte er seine Entdeckung. Seine Vision war Wirklichkeit geworden; schmerzfreie Eingriffe, Geburten, Zahnbehandlungen waren möglich und befreiten die Patienten von Qual und Angst. Die Rufe der Skeptiker verstummen bald - spätestens als Königin Victoria im Jahr 1853 den Kronprinzen mithilfe von Chloroform gebar, war der Bann gebrochen. Aus aller Welt reisten die Menschen an, um sich von Simpson behandeln zu lassen. Als er im Alter von 59 Jahren starb, war die Trauer groß: Zehntausende begleiteten den großen Arzt und Menschenfreund auf dem Weg zu seiner letzten Ruhestätte, einem Hügel mit Blick auf Edinburgh, der Stadt seines Wirkens.

Das war das Kalenderblatt, heute von Christiane Neukirch, gelesen hat Andreas Wimberger.


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