Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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1. Juni 1792 Die Pianistin Rebecca Schröter lädt Papa Haydn zum Schäferstündchen

Zeitlebens habe er schöne Frauen gerne gesehen, meinte der Komponist Joseph Haydn. Aber beim bloßen Hinschauen ist es nicht immer geblieben. Weder bei der Sängerin Luigia Polzinelli, noch bei der Pianistin Rebecca Schröter. Denn Haydn war zum gefeierten Superstar avanciert. Autor: Simon Demmelhuber

Published at: 1-6-2021 | Archiv

01.06.1792: Die Pianistin Rebecca Schröter lädt Papa Haydn zum Schäferstündchen

01 Juni

Dienstag, 01. Juni 2021

Autor(in): Simon Demmelhuber

Sprecher(in): Hans-Jürgen Stockerl

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

Der doch nicht! Nicht Papa Haydn! So einer hat keine Geheimnisse. Und solche schon gar nicht!

Hat er doch! Da ist zum Beispiel Luigia Polzinelli. Die nicht übermäßig begabte Sängerin stößt 1779 zum esterházyschen Hofensemble. Dass ihr kränkelnder Gatte Antonio im fürstlichen Klangkörper geigt, dass ferner Herr Hofkapellmeister Haydn ebenfalls verheiratet und schon 47, sie jedoch erst 19 Jahre zählt, hindert Amor nicht am Pfeile-Schießen. Das Ziel ist gut gewählt. Haydns Haussegen hängt notorisch schief, erotisch steht er unter strengster Diät. Weil aber der Hunger vom Essen träumt und offensichtlich auch Luigia unerfüllte Sehnsüchte hegt, finden Topf und Deckel rasch zusammen. Obwohl es die Spatzen von allen Dächern pfeifen, reibt sich keiner am austro-italischen Kammerduett. Als Liugia 1783 ein Knäblein zur Welt bringt, spricht der fürstliche Haushalt dem Komponisten fortan und durchaus wohlwollend nicht nur musikalische Zeugungskraft zu.

Das Geheimnis des Superstars

Und dann ist da noch Rebecca Schröter, Josef Haydns womöglich größtes Séparée- und Seelengeheimnis. Der Komponist lernt die Witwe des angesehenen Pianisten Johann Schröter kennen, als er von 1791 bis 1792 in London lebt. Haydn ist jetzt knapp 60 und ein absoluter Superstar. Er wird gefeiert, hofiert, umschwärmt, alle suchen seine Nähe.

Doch nur Rebecca schafft es bis ganz nach oben im Haydndevotionstheater. Was vielleicht eine späte amour passionnel, vielleicht eine Näscherei des alternden Strohwitwers, vielleicht auch nur backfischhaftes Starstalking einer Vierzigjährigen ist, skizzieren 22 Briefe Rebeccas, die Haydn in sein Notizbuch übertragen hat. Im ersten ersucht sie scheu um die Gunst gelegentlicher Klavierstunden.

Schon bald wird der Ton vertrauter und zupackender. Rebecca schmeichelt, gesteht zärtlichste Wallungen und wachsende Neigungen, gelobt ewige Treue.

Schöne Frauen zeitlebens

Vor allem aber erhebt sie Anspruch auf Haydns Zeit, lädt zum Frühstück, zum Tee, zum Dinner.

Auch am 1. Juni 1792 bittet Mrs. Schröter schriftlich zum Abendessen. Doch dieser Brief ist anders. Nicht wegen etwas, das da steht, sondern wegen etwas, das da stehen könnte. Der Anfang ist unauffällig. "Ich hoffe, Sie, liebster Haydn am Dienstag wie immer zum Dinner zu sehen". Dann kommt es, dann kommt, was fehlt: Haydn hat etliche Worte unter heftig hingekratzten Tintenbalken begraben, nur wenige Ober- und Unterstriche spitzen noch durch. Und da springt sie an, die schiere Lust am Schlüsselloch: Was hat Haydn versteckt? Was hat Rebecca ihm zugeflüstert, versprochen? Stand da "die ganze Nacht mit mir" oder - huch! - gar "schlaf mit mir"?

Ach, wir wissen es nicht. Werden es nie wissen. Ganze Scharen philologischer Schatzgräber und detektivischer Unterleibskundler haben sich an der erstickten Rosenbotschaft abgemüht. Vergeblich. Das Schlüsselloch ist einfach zu schlecht ausgeleuchtet, und auch Haydn lässt uns im Finstern tappen. Mehr als "ich habe schöne Frauen zeitlebens gern gesehen" ist dem verschwiegenen Schwerenöter nicht abzupressen. Schade. Man hätte die Musik gewiss gleich ganz anders gehört.


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