Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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1. April 1919 Die 17-jährige Koreanerin Yu Gwan-Sun organisiert Demo gegen die japanische Kolonialherren

Yu Gwan-sun ist eines der prominentesten Gesichter Koreas, obwohl kaum mehr als zwei Fotos von ihr existieren. Am 1. April 1919 organisierte sie eine Demonstration gegen die Kolonialherren aus Japan.

Stand: 01.04.2021 | Archiv

01 April

Donnerstag, 01. April 2021

Autor(in): Isabella Arcucci

Sprecher(in): Christian Baumann

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

24 Dörfer. Yu Gwan-sun  hat sie alle abgeklappert. Zu Fuß ist die 16 Jährige von Ortschaft zu Ortschaft gelaufen – bis zur völligen Erschöpfung. Unter den Armen selbstgebastelte Flaggen. Die verbotene Flagge ihrer Heimat Korea. Korea, das ist Anfang des 20. Jahrhunderts eine unterdrückte, ausgebeutete Kolonie des japanischen Kaiserreichs.

Ohne Waffen gegen die Besatzer

Yu Gwan-sun wird im christlichen Glauben erzogen. Schon als kleines Kind muss sie mit ansehen, wie die japanische Armee brandschatzend und mordend durch ihr Dorf zieht. Lehrer und Freunde werden Gwan-sun später als schüchtern beschreiben. Keiner ahnt damals welches Feuer in dem stillen Mädchen lodert. Mit Gottes Hilfe will Gwan-sun ihr Land befreien. Frühmorgens klettert sie über die Mauer ihrer Missionsschule in Seoul und schließt sich dem Protestmarsch der 1. März-Bewegung an. Die friedliche Demonstration wird vom japanischen Militär blutig niedergeschlagen.

Yu Gwan-sun flieht in das Dorf ihrer Eltern - und organisiert selbst den Widerstand. Am 1. April 1919 versammeln sich über 2000 Menschen aus den umliegenden Dörfern auf dem Aunae-Marktplatz in Cheonan. Die 16 Jährige Yu Gwan-sun führt die Menge an. Statt Waffen schwenken die Demonstranten ihre selbstgebastelten Nationalflaggen und rufen "Manse! Manse!", "Lang lebe Korea!" Ein gewaltloser Protestmarsch p-– bis die japanische Armee das Feuer eröffnet. 

Yu Gwan-suns Eltern werden erschossen, Gwan-sun selbst ins Gefängnis nach Seoul gebracht und in eine Zelle gesperrt, so schmal, dass selbst ein zierliches Mädchen wie Gwan-sun darin weder aufrecht stehen noch ausgestreckt liegen kann.

Aber sie kann mit ihren Zellennachbarinnen kommunizieren. Auf ihr Kommando brechen alle Insassinnen des Frauentrakts in laute "Lang lebe Korea!"-Rufe aus. Die Stimmen der Frauen dringen durch die Gefängnismauern hindurch. Auch die Menschen auf der Straße stimmen in den Chor ein.

1945 endet die japanische Kolonialherrschaft über Korea mit der Kapitulation des Tennos im 2. Weltkrieg. Yu Gwan-sun kann die Befreiung ihres Landes nicht mehr miterleben. Sie wird im Gefängnis zu Tode gefoltert.

Die Stimme eines geteilten Landes

Heute ist Yu Gwan-sun die Nationalheldin eines geteilten Landes. Im Norden eine Diktatur, im Süden eine noch junge Demokratie, die um ihre Identität ringt und deren Verhältnis zum einstigen Besatzer Japan nach wie vor konfliktreich ist. Von Yu Gwan-sun, die den Koreanern bis heute Selbstbewusstsein schenkt, existieren kaum mehr als zwei Fotos aus den Gefängnisakten. Ein pausbackiges Mädchen, das trotzig in die Kamera blickt. Vor kurzem gelang es dem Wissenschaftler Prof. Bae Myeong-jin  anhand dieser Bilder 350 Koreanerinnen im Alter Gwan-suns und mit ähnlichen Gesichtszügen zu finden. Die Stimmen dieser Probandinnen vermischte er zu einer einzigen mädchenhaft hohen Stimme, die nicht so recht zu der ernsten Gwan-sun auf den Fotos passen will, und die in sanftem Ton die Worte spricht: "Oh Herr, die Zeit ist gekommen. Hilf uns Japan, unseren Feind, zu besiegen und gib uns Freiheit und Unabhängigkeit!"


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