Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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16. März 1944 Der junge Soldat Joseph Beuys stürzt mit dem Flugzeug ab

Geborgen von Tartaren nach einem Flugzeugabsturz auf der Krim, will Joseph Beuys im Zweiten Weltkrieg seine Liebe zu Fett, Filz und Honig entdeckt haben. Autorin: Brigitte Kohn

Stand: 16.03.2021 | Archiv

16 März

Dienstag, 16. März 2021

Autor(in): Brigitte Kohn

Sprecher(in): Hans-Jürgen Stockerl

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

Joseph Beuys, deutscher Künstler von Weltruhm im 20. Jahrhundert, verarbeitete in seinen Werken häufig Filz, Fett oder Honig, manchmal auch Bonbons, Schokolade oder Waschpulver. Diese Materialien vermitteln Wärme oder verflüssigen sich unter dem Einfluss von Hitze; und darin aktualisieren sich für Beuys jene chaotischen, energetischen, sinnstiftenden Kräfte, die alles Existierende prägen, verbinden und formen, das Belebte und das Unbelebte, das Geistige und das Materielle. Beuys war ein Aufklärer, der die Vernunft durchaus schätzte, und gleichzeitig ein Mystiker, der den entseelten Materialismus der Moderne in die Schranken wies.

Der Mythos von Fett, Filz und Honig

Seine Kritiker halten dieses Kunstverständnis für irrational. Ganz besonders ärgern sie sich über einen Mythos, den er über sich selbst verbreitet hat. Beuys will seine Liebe zu Fett, Filz und Honig im Zweiten Weltkrieg entdeckt haben, als er als junger Soldat auf der Krim stationiert war. Bei einem Fliegerangriff auf eine russische Flakstellung sei er mit dem Flugzeug abgestürzt. Tartaren hätten ihn schwerverletzt aus den Trümmern geborgen, ihn in ihre Zelte geschafft, dort in Filz eingewickelt, mit Fett eingerieben, mit Honig gespeist und auf diese Weise geheilt und gerettet.

Diese Geschichte wurde längst einem Faktencheck unterworfen, und das Ergebnis ist ernüchternd. Ja, am 16. März 1944 stürzte ein Flugzeug ab, der Pilot starb, der Funker Beuys aber tauchte tags darauf mit äußerlich leichten Verletzungen in einem Feldlazarett auf. Tartaren waren wohl keine im Spiel, denn die wenigen, die es auf der Krim noch gab, standen meist im Dienst der deutschen Wehrmacht und lebten nicht mehr autonom in Zelten.

Dichtung und Wahrheit

Da kann man sich nun fragen, ob Beuys‘ Erzählung eine Lüge ist. Eine Mystifikation, mit der er seine eigene Schuld als deutscher Kriegsteilnehmer vernebelt und verdrängt hat.

Oder ob man sie als kreativen Akt verstehen kann, als bildhafte, symbolische Umschreibung jener Kräfte, die ihm geholfen haben, ein schweres Trauma zu überwinden und zu einem Künstler heranzureifen, der sich früher und intensiver als viele andere mit Auschwitz auseinandergesetzt hat.

Für Beuys war Sprechen ein kreativer Akt. Es soll an eine tiefere Wahrheit rühren, auf die harten Fakten kommt es da nicht immer an. Seine Selbstinszenierung als moderner Schamane mit Filzhut und Anglerweste, das Spinnen von Legenden um die eigene Person verstand er als Werkzeug und Bestandteil seiner Kunst, mit der er die Welt heilen wollte. Das war für ihn die Aufgabe des Künstlers und die Aufgabe jedes Menschen. Denn jeder Mensch hat Anteil an den weltenformenden energetischen Kräften, jeder Mensch kann bei allem, was er tut, Sinn und Wärme in die Ordnungen der Welt bringen, selbst beim Kartoffelschälen oder beim Straßenfegen. Beuys hat sich immer für eine bessere Welt ohne Unterdrückung und Ausbeutung eingesetzt. Ob sein mythisches Denken dieses Ziel befördert oder nicht auch Gefahren in sich birgt, ist umstritten, und der Konflikt ist bezeichnend – für seine und für unsere Zeit.


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