Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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22. Januar 1633 Borromini wirft Arbeit am Petersdom hin

"Das bricht ja zusammen!", muss sich Francesco Borromini gedacht haben, als er die Entwürfe seines Chefs für das Grab des Heiligen Petrus sieht. Also korrigiert er die statischen Schnitzer, bis es ihm am 22. Januar 1633 endgültig reicht. Autorin: Prisca Straub

Stand: 22.01.2019 | Archiv

22 Januar

Dienstag, 22. Januar 2019

Autor(in): Prisca Straub

Sprecher(in): Andreas Wimberger

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Susi Weichselbaumer

Der Schauplatz des Zerwürfnisses hätte spektakulärer kaum sein können: Direkt unter der gewaltigen Kuppel des Petersdoms - direkt über dem Märtyrergrab des Apostel Petrus. Die Kontrahenten: Gian Lorenzo Bernini und Francesco Borromini. Zwei ungleiche Stars des römischen Barock, vereint in der Aufgabe, über dem vermuteten Petrusgrab einen monumentalen Baldachin aus Bronze zu errichten. Bernini, der Bildhauer - Borromini, der Steinmetz. Der eine, Chef der Bauhütte von Sankt Peter - der andere, ein einfacher Handwerker. Bernini, der Intrigant. Borromini, der Choleriker. Dass dies nicht lange gut gehen konnte, lag auf der Hand. Unter der mächtigen Kuppel Michelangelos war einfach kein Platz für sie beide.

Bernini hat keine Ahnung von Statik

Als der elegante Bernini den Auftrag für den Überbau des Zentralaltars im Petersdom erhält, hat er keine nennenswerte Erfahrung in Sachen Architektur. Aufgefallen war er dem Papst vor allem durch hochdramatische Bilderhauerarbeiten in Marmor - Apollo und Daphne, lebensgroß, fleischlich, erregend. Von den Gesetzen der Statik hat der junge Bernini nicht den leisesten Schimmer - ebenso wenig wie von der Arbeit mit Bronze.

Und Borromini, damals noch sein Gehilfe, der fast gleichaltrige, unwirsche Einzelgänger? Er springt ein, als er erkennt, dass sich Bernini mit dem schweren Überbau, den noch dazu eine Christusfigur krönen soll, völlig verkalkuliert hat. Der einsilbige Assistent korrigiert detailversessen, wo sich der in das Spektakel verliebte Chef verrechnet. Hinter den Kulissen macht Borromini aus Berninis eilig hingeworfenen Zeichnungen brauchbare Pläne: Er entwirft einen graziösen Aufbau und setzt statt des Erlösers eine kleine Weltkugel mit Kreuz an die Spitze. Jetzt würde das Monumentalwerk aus Bronze der Schwerkraft trotzen!

Papst Urban VIII. - aus der Familie der Barberini - ist so begeistert, dass er angeblich sogar das altehrwürdige Pantheon plündern lässt, um genügend von der wertvollen Bronze herbeizuschaffen. Nur die Römer sind entsetzt: "Was die Barbaren nicht schafften, das schafften die Barberini!"

Borromini ist einfach zu mürrisch

Borrominisvorausschauende Korrekturen haben Bernini vor einer Blamage gerettet. Doch nur dieses eine Mal. Als Jahre später aufgrund einer weiteren Fehlkalkulation plötzlich Risse in der Fassade von Sankt Peter auftauchen - da hat er Bernini längst den Rücken gekehrt: Sein letzter Zahlungsbeleg ist datiert vom 22. Januar 1633 und verzeichnet 25 Scudi. Keine geringe Summe, doch Bernini bekommt für denselben Zeitraum das Zehnfache! Als Borromini davon Wind bekommt, schmeißt er hin und kehrt nicht nur dem Petersdom den Rücken, sondern allen Baustellen des verhassten Rivalen. Der Bruch ist endgültig.

Doch gegen den weltmännischen Bernini hat der missmutige Eigenbrötler auf Dauer kaum eine Chance. Bis zu seinem Lebensende werden Borromini in Rom nur sehr wenige eigenständige Bauwerke vergönnt sein. Eine Ausnahme: San Carlino auf dem Quirinal, ein exzentrisches kleines Wunderwerk mit kühn geschwungenen Wänden und so gut wie keinem einzigen rechten Winkel. Ein Kirchlein im Taschenformat! Der Grundriss von San Carlino passt problemlos in einen einzigen Vierungspfeiler unter der Kuppel von Sankt Peter.


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