Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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19. Juli 1812 Beethoven spielt Goethe an die Wand

Zwei ganz große Kaliber der Musik und der Literatur treffen aufeinander und man möchte meinen, solch hohe Herren der Kunst verstünden sich eh – weit gefehlt: Goethe und Beethoven schenken sich nichts! Autor: Simon Demmelhuber

Stand: 19.07.2019 | Archiv

19 Juli

Freitag, 19. Juli 2019

Autor(in): Simon Demmelhuber

Sprecher(in): Hans-Jürgen Stockerl

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Susi Weichselbaumer

Teplitz brummt! Wie jeden Sommer geben sich Aristokraten, Diplomaten, Künstler, Gelehrte im böhmischen Heilbad ein illustres Stelldichein. Man kurt, soupiert, promeniert, man plaudert, lästert, tratscht. Goethe ist dieser "Zauberwelt" seit Langem verfallen und lässt sich das Vergnügen auch 1812 nicht nehmen. Als er Mitte Juli in Teplitz eintrifft, wartet eine Überraschung: Beethoven ist da, der Linderung für seine Koliken, Kopfschmerzen und Hörprobleme sucht.

Gipfeltreffen

Goethe und Beethoven! Zur selben Zeit am selben Ort! Das klingt nach Gipfellicht, nach Funkenschlag und Sternenluft! Doch das Treffen des Doppelgestirns braucht Anlauf. Fast eine Woche vergeht, bis Goethe Beethoven am 19. Juli erstmals empfängt. In den Folgetagen begegnen sie sich mehrmals: zum Spaziergang, zur Kutschfahrt, zur musikalischen Soirée. Aber der Funke springt nicht über. Beethovens Musik ist dem Geheimrat zu laut, zu grell, sie ist maß- und gesetzlos, gärend, bedrohlich. Ebenso ungenießbar dünkt ihn ihr Schöpfer: ein grober, polternder Sonderling, ungebändigt, ohne Schliff und Eleganz. Beethoven wiederum hat in Goethe den Herz- und Seelenbruder gesucht, den glühend verehrten, rebellischen Dichter des Sturm und Drang. Doch den gibt es nicht mehr. Der hat sich in Weimar zur geschmeidigen Exzellenz verschliffen und genießt die Hofluft in vollen Zügen. Statt Sphärenmusik und Schöpfungsfeuer also nur Missklang und laue Höflichkeiten. Am Ende legen Apoll und Dionysos sogar eine volle Bruchlandung hin.

Auftakt…

Der Showdown beginnt idyllisch: Zwei Herren promenieren untergehakt im Schlosspark. Vielleicht spricht der eine sehr laut, weil der andere fast taub ist. Vielleicht schweigen sie auch, und man hört nur die Sonne summen. Da schlendert ihnen auf engem Weg eine elegante Gesellschaft entgegen: Hell hingetupfte Roben, leuchtende Uniformen, müßiges Stimmengewirr.

Goethe erkennt die Kaiserin von Österreich, windet den Arm frei, tritt zur Seite, zieht den Hut, verneigt sich tief, verharrt gebückt. Ganz anders Beethoven. Der baut sich breitbeinig auf, drückt den Hut ins Gesicht, spreizt die Brust, steht da wie eingerammt, ein schwarzer Pfeiler, den die bunte Kleiderflut umströmt. Die Kaiserin grüßt als erste, der Erzherzog lüpft den Zylinder, Goethe buckelt, Beethoven triumphiert.

Was für eine Geschichte! Angeblich hat Beethoven sie selbst erzählt, in einem Brief an Bettina von Arnim. Aber diesen Brief gibt es nicht. Bettina hat ihn erfunden, wie so viele andere auch! Sie sammelt Berühmtheiten, die sie in verstiegene Fantasiebeziehungen verstrickt und vereinnahmt. Goethe ist eins ihrer Beutestücke, das wertvollste, reputierlichste, bevor er sie 1811, zu vieler Zudringlichkeiten überdrüssig, eiskalt abserviert. Das nagt, das will Vergeltung. 1839, als alle Akteure tot sind, ist es so weit: Mit dem fingierten Beethovenbrief setzt Bettina das Treffen von Teplitz in die Welt, ein ebenso blitzgescheites wie abgefeimtes Tableau, das ihre beiden Großtrophäen nun für immer gegeneinander ausspielt: Da der Fürstenknecht, dort der Freiheitsheld! Das ist Revanche vom Feinsten - eine Rache für die Ewigkeit!


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