Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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28. Juni 1807 Anton Philipp Reclam geboren

Anton Philipp Reclams Bücher sind berühmt geworden: Reclam bietet Klassiker zu unschlagbaren Preisen – eine "Universal-Bibliothek“.

Stand: 28.06.2018 | Archiv

28 Juni

Donnerstag, 28. Juni 2018

Autor(in): Xaver Frühbeis

Sprecher(in): Hans-Jürgen Stockerl

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

Kleine Heftchen in gelb, mit den Klassikern. Fremdsprachiges in rot, Sachbücher in modischem Magenta, Unterrichtsmaterialien in blau. Operntextbücher für Musikfreunde: ebenfalls in gelb, und Mehrsprachiges in orange. Das ist Reclams berühmte "Universal-Bibliothek". Die Bändchen: klein und schlank, kein Problem für Handtäschchen und Gesäßtasche, auch die Soldaten im 1. Weltkrieg hatten ihren Reclam im Tornister.

Eine Frage des Urheberrechts

Die Idee für eine weltumspannende Buchreihe war naheliegend. Allerdings war sie erst zu verwirklichen gewesen, als im Deutschen Bund das Urheberrecht geändert wurde. Vorher galt für jedes verlegte Werk eine Schutzfrist von zehn Jahren. Neue Auflagen zogen neue Schutzfristen nach sich, und das hieß, dass einige Verlage einen monopolähnlichen Zugriff auf wichtige Werke ausübten. Im November 1867 ändert der Norddeutsche Bund das, per Gesetz. Von nun an gilt: eine Schutzfrist auf das gesamte Werk eines Schriftstellers, endend dreißig Jahre nach seinem Tod, und nicht verlängerbar. Die Folgen dieser Änderung sind enorm. Mit einem Schlag werden die Werke der berühmtesten deutschen Schriftsteller gemeinfrei. Jeder, der Lust hat, kann sie abdrucken. Und das tut Anton Philipp Reclam, Buchhändler und Verleger in Leipzig. Der Mann ist nicht mehr jung, sechzig schon, geboren am 28. Juni 1807, ebendort, in Leipzig. Die Familie kommt aus Savoyen, der Vater hat vor Jahren in Leipzig eine Buchhandlung für französische Literatur eröffnet. Im frühen Programm des Sohnes finden sich durchaus rebellische Werke, im habsburgischen Österreich etwa waren Reclam-Bücher wegen "verwerflicher staatsgefährlicher Lehren" zeitweise verboten, in Leipzig ist der Verleger aufgrund eines religionskritischen Werks gar zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden.

Bildung für zwei Silbergroschen

Wie wohltuend gefahrlos dagegen die Idee zur neuen "Universal-Bibliothek". Schon am ersten Tag nach der Rechtsänderung liegen die ersten Bände auf den Ladentischen: Goethes "Faust", in zwei Teilen.

Fünftausend Stück die Auflage, eine immens hohe Zahl. Nach wenigen Wochen schon muss nachgedruckt werden. Auch andere Verlage geben Klassiker-Reihen heraus, doch Reclam ist der einzige, der auf Masse setzt. Kleine Heftchen in großer Auflage, damals noch einheitlich rosenholzfarben, rankenverziert der Einband, für nur zwei Silbergroschen. Reclams Konzept geht auf. Die Deutschen sind hungrig nach Bildung, die sie sich leisten können, sie fiebern den Neuerscheinungen entgegen,  Reclam kommt mit dem Drucken kaum nach. 1905 zieht der Verlag um in ein neues Gebäude, mit hauseigener Dampfmaschine, die vierzig Schnellpressen antreibt.

Sieben Jahre später setzt der Verlag eine weitere revolutionäre Idee in die Tat um. Buchverkaufsautomaten. Man wirft zwei Groschen in einen Schlitz, und unten fällt Weltliteratur heraus. Die Automaten stehen an Bahnhöfen, in Krankenhäusern und auf Atlantikdampfern und werden von reisenden Monteuren gewartet und befüllt. Und - mindestens ebenso großartig - "Reclams Export-Bücherei", für Deutsche, die in den Tropen leben. Fünfzig ausgewählte Romane in einer kleinen Blechkassette, sicher geschützt gegen Regen, Staub und gefräßige Insekten.

Diese beiden weltbewegenden Novitäten jedoch kann der Verlagsgründer nicht mehr miterleben. Anton Philipp Reclam stirbt im Januar 1896, mit 88 Jahren. "Er ging seinen geraden Weg", schreibt sein Sohn, "und ließ sich weder von oben noch von unten das Geringste gefallen."


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