Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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30. Oktober 1793 Revolutionäre Republikanerinnen verboten

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - und die Schwestern? Die sollten den Mund halten in der Französischen Revolution. Doch einige streitbare Frauen gründeten selbst politische Clubs, die prompt am 30. Oktober 1793 verboten wurden.

Stand: 30.10.2018 | Archiv

30 Oktober

Donnerstag, 30. Oktober 2014

Autor(in): Prisca Straub

Sprecher(in): Ilse Neubauer

Illustration: Angela Smets

Redaktion: Julia Zöller

Sommer 1793 - seit gut einem Jahr ist die Monarchie in Frankreich abgeschafft, und seitdem gibt es in Paris noch weniger zu essen als in den Revolutionsjahren zuvor. Lange Schlangen bilden sich vor den Lebensmittelgeschäften. Um in aller Herrgottsfrühe einen Laib frisches Brot zu ergattern, müssen sich die Frauen schon mit Einbruch der Abenddämmerung anstellen. Zwar sind die Sommernächte warm - doch die Warterei ist zermürbend: Manchmal treten sie mitten in der Nacht die Ladentüren ein und reißen die heißersehnten Nahrungsmittel aus den Regalen.

Frauen, zu den Waffen!

Doch seit dem Frühjahr patrouillieren neben den langen Schlangen der Wartenden plötzlich bewaffnete Wachen - andere Frauen! - in den knöchellangen Hosen der Sansculotten und mit der roten Freiheitsmütze auf dem Kopf. Sie greifen ein, wenn die Ungeduld der Hungernden um sich greift. Sie verhindern Plünderungen, bewachen das Abladen und den Verkauf der Waren. Die sogenannten Revolutionären Republikanerinnen sorgen mit verbindlichen Lebensmittel-Höchstpreisen sogar dafür, dass das Brot, für das die Frauen eine ganze Nacht lang angestanden haben, wenigstens halbwegs erschwinglich bleibt.

Bewaffnete Frauen - vor der Revolution schlicht undenkbar, doch auch jetzt nicht nach jedermanns Geschmack. Noch werden die couragierten Streiterinnen mit Säbel, Pistole und Messer im Gürtel von den Männern geduldet. Die soziale Ordnung ist prekär, ein schlüssiges Konzept für die Zukunft noch lange nicht in Sicht. Nur so viel ist sicher: Die Reformen sind Männer-Sache: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - Frauen sind in dieser Formel nicht vorgesehen. Die Revolutionären Republikanerinnen sowie die Mitglieder anderer neugegründeter Frauenclubs wollen dringend wissen: Beziehen sich die Menschenrechte denn auch auf das weibliche Geschlecht? Gelten Frauen jetzt ebenso viel wie Männer? Steht den Frauen jetzt Widerstand zu gegen ihre Unterdrücker? Die Herren in der Nationalversammlung zeigen sich höchst irritiert: Das Weibsvolk solle doch vermeiden, mit solch unsachgemäßen Fragen den Schwung der Revolution zu behindern!

Revolution nur für Männer

Doch die Frauen beobachten genau, was die Männer an der Spitze so tun. Beim Aufbruch in eine neue Zeit kann doch die Hälfte der Gesellschaft nicht einfach vergessen werden! Mit Feuereifer unterstützen sie die Revolution: In den Debattierklubs der Frauen entstehen Streitschriften und Flugblätter. Eine Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin wird verfasst. Die Händlerinnen, Näherinnen und Wäscherinnen fordern die Ausbildung an der Waffe, das Frauenwahlrecht, eine Reform des Scheidungs- und Erbrechts. Und die Ehe - sie soll zukünftig kein Sakrament mehr sein, sondern ein ziviler Vertrag zwischen gleichberechtigten Partnern. Kurzum: Was die Frauen da im Visier haben, ist nichts anderes als eine Revolution in der Revolution.

Doch der Aufbruch ist nur von kurzer Dauer: Am 30. Oktober 1793 hat der Konvent das Störgetöse endgültig statt und schneidet den engagierten Streiterinnen das Wort ab: Die politischen Frauenclubs werden verboten. Das ist das Ende auch der Revolutionären Republikanerinnen. Als die sich beschweren, greift der Vorsitzende des Pariser Stadtrats ein: Seit wann es eigentlich erlaubt sei, dem eigenen Geschlecht abzuschwören?! Wer Brüste habe, der gehöre an die Wiege der Kinder: "Schamlose Frauen - was braucht ihr mehr?"


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