Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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26. Juni 1284 Rattenfänger von Hameln nimmt die Kinder mit

Stimmt die Geschichte vom Rattenfänger von Hameln? Gut möglich, wenn auch anders als sie die Gebrüder Grimm erzählen. Aber vielleicht hat eben doch am 26. Juni 1284 ein Mann mit einer Flöte die jungen Leute aus Hameln weggeführt.

Stand: 26.06.2013 | Archiv

26 Juni

Mittwoch, 26. Juni 2013

Autor(in): Xaver Frühbeis

Sprecher(in): Luise Kinseher

Grafik: Angela Smets

Redaktion: Thomas Morawetz

Hören Ratten Flötentöne? Man hat es ausprobiert. Sie hören sie, bloß: Sie kümmern sich nicht drum. Wie schaut's mit Wasser aus? Können Ratten schwimmen? Selbstverständlich können sie das. Viele Ratten leben in Abwasserkanälen, und wenn sie da unten nicht ausgezeichnet schwimmen könnten, wären sie völlig verratzt.

Was also sollen wir davon halten, wenn die Brüder Grimm - und nicht nur sie - uns weismachen wollen, dass vor langer Zeit in der Stadt Hameln ein auffällig gekleideter Mann mit seinem Flötenspiel alle Ratten und Mäuse zu den Toren hinaus und in die Weser hinein gelockt habe, woselbst das Viechzeugs im Flusswasser jämmerlich ertrunken sein soll? Richtig: Davon halten wir nichts. Dieser Teil der Sage kann so nicht funktioniert haben.

Ratten-Story davor gespannt

Aber: Die Geschichte vom Rattenfänger geht ja noch weiter. Der Rat von Hameln prellt den Mann um seinen Lohn, und der rächt sich, in dem er die Kinder der Stadt, hundertdreißig an der Zahl, mit seinem Flötenspiel hinausführt, vor die Tore der Stadt, hinein in einen Berg, wo sie verschwinden und nie mehr wiederkehren.

Auch das geht natürlich nicht. Trotzdem scheint in diesem Teil der Geschichte ein wahrer Kern zu stecken. Historiker haben in einem alten Stadtbuch von Hameln einen handschriftlichen Datierungszusatz gefunden: "nach unserer Kinder Weggang im Jahre 1284". Ein Hausbalken in Hameln will gar ein genaues Datum wissen: "Anno 1284 am Dage Johannis et Pauli, war der 26. Junii". Nur von Ratten ist in den alten Quellen niemals die Rede. Dafür hat man die Geschichte vom Flötenspieler und dem Weggang der Kinder immer wieder erzählt und in alten Stadtchroniken aufgeschrieben, bis dann dreihundert Jahre später in einer süddeutschen Chronik die Ratten-Story mutwillig davor gespannt worden ist. Vielleicht, weil man mit der Zeit vergessen hat, wieso die Kinder verschwanden und dafür eine Erklärung gesucht hat.

Schwerer Schlag für die kleine Stadt

Die jedoch hat man mittlerweile gefunden. Es waren nicht etwa kleine Kinder, die der Pfeifer weggeführt hat. Es waren die schon erwachsenen Töchter und Söhne der Stadt, die mit ihm ausgezogen sind, um ihr Glück anderswo zu machen, in einem wenig besiedelten Gebiet irgendwo im Osten. Es war die Zeit der hochmittelalterlichen Ostkolonisation. Landadelige haben Siedler gesucht für ihre fernen Besitztümer. Abgesandte sind von Stadt zu Stadt gereist, Werber, auffällig gekleidet, mit Trommel und Flötenspiel, sie haben den jungen Leuten ein schönes Leben im neuen Land versprochen. In Hameln scheint der Werber besonders erfolgreich gewesen zu sein, denn hier sind offenbar 130 junge Leute auf einmal losgezogen. Für die aufstrebende kleine Stadt war das ein schwerer Schlag, das hat man sich gemerkt und aufgeschrieben.

Bleibt noch die Frage, wohin die denn wohl alle gezogen sind. Kann man das heute noch herausfinden? Ja, sagt der Namenskundler Jürgen Udolph, das kann man. Man weiß, dass Auswanderer ihre neuen Ansiedlungen gern nach den Orten der alten Heimat benennen. Udolph hat herausgefunden, dass im 500 Kilometer östlich gelegenen Brandenburg auffällig viele Orte heißen wie im Weserbergland. Hamelspringe bei Hameln, Hammelspring in der Uckermark. Dalhausen an der Weser, Dahlhausen in der Prignitz. Udolph ist sich sicher: Die Uckermark und die Prignitz waren die neue Heimat der Kinder von Hameln. Die Stadt selbst hat den Verlust mittlerweile überwunden, betreibt "Rattenfänger"-Rummel für Touristen aus aller Welt und lebt nicht schlecht davon.


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