Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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24. September 1826 Goethe erhält Schillers Schädel

Goethe trug einen geblümten Hausrock, während er in Schillers Mundhöhle nach dem Zwischenkieferknochen suchte. Am 24. September 1826 wurde ihm der Schädel des Ex-Kollegen ins Haus geliefert.

Stand: 24.09.2013 | Archiv

24 September

Dienstag, 24. September 2013

Autor(in): Justina Schreiber

Sprecher(in): Ilse Neubauer

Illustration: Angela Smets

Redaktion: Thomas Morawetz

Stellen Sie sich vor: Die Türglocke läutet und zwei Herren bringen Ihnen den Schädel eines hoch geschätzten Kollegen, der vor gut zwanzig Jahren starb. So geschah es Goethe am 24. September 1826. Der Dichterfürst war jedoch nicht weiter überrascht, als die beiden Männer ihm Schillers Schädel auf einem blauen Samtkissen überreichten. Schließlich hatte er selbst um das gute Stück gebeten, das damals eigentlich im Fuß der lebensgroßen Schillerbüste in der Großherzoglichen Bibliothek sozusagen zwischengelagert war. Denn man wusste nicht so recht, wohin damit, nachdem das Gebein von eifrigen Verehrern aus dem modrigen Kassengewölbe des Weimarer Jakobskirchhofes ausgebuddelt worden war. Einerseits stellte der Schädel des viel zu früh verstorbenen Dramatikers eine Art Reliquie dar. Andrerseits fand es nicht nur die Geistlichkeit pietätlos, dass man dem schon zu Lebzeiten recht geplagten Schiller keine letzte Ruhe gönnen wollte.

Schon auch Emotionen

Goethe scherte sich nicht um dergleichen sentimentale Einwände - zumindest solange sie nicht die eigenen "Exuvien", also die eigene sterbliche Hülle betrafen. Er stellte den Kopf in seinem Studierzimmer auf, um ihn ausgiebig zu betrachten und nach der damals topaktuellen Gallschen Schädellehre zu vermessen. Bei allem wissenschaftlichen Interesse - der Anblick muss in ihm dann doch auch Emotionen ausgelöst haben. In der übernächsten Nacht schrieb er jedenfalls unter dem sperrigen Titel "Bei Betrachtung von Schillers Schädel" eins seiner bekanntesten Gedichte nieder. Aber es war eben nicht - wie die erste Zeile suggerierte - "im ernsten Beinhaus", wo er den Kopf des Kollegen "beschaute", sondern der Geheimrat befand sich in seinem Gartenhaus, bequem auf einem Stuhl sitzend oder auf und ab gehend, das Glas Rotwein wahrscheinlich griffbereit.

Boden der Realität

Natürlich darf und muss sich ein Dichter (und Goethe allemal) dichterische Freiheiten erlauben. Wer will schon Banalitäten hören? Etwa, dass der Autor einen geblümten Hausrock trug, während er in Schillers Mundhöhle nach dem Zwischenkieferknochen suchte ... und selbstverständlich auch fand. Ein bisschen merkwürdig mutet es jedoch an, dass "das geheim Gefäß" unter dem abnehmbaren Glassturz dem Weimarer Großdichter schließlich sogar den Charakter der sogenannten "Gott-Natur" offenbarte, die nämlich Festes zu Geist verwandelt und umgekehrt. Es offenbarte ihm jedoch nicht, dass es gar nicht Schillers Schädel war, der ihn da zu Terzinen und allen möglichen tiefgründigen Gedanken inspirierte. Moderne Genuntersuchungen entzogen Goethes weihevoller Stimmung nachträglich nämlich komplett den Boden der Realität, nachdem bereits Ende des 19. Jahrhunderts erste Zweifel an der Echtheit des Gebeins aufgekommen waren. Aber das ist ja das Tolle an Goethes Geist, dass ihm letztlich alles zum Anlass für große Kunst und edles Pathos werden konnte. Während unsereins beim Anblick eines auf einem blauen Samtkissen dargereichten Schädels höchstens den eigenen Kopf geschüttelt hätte. Ohne dass dabei etwas Schlaues herausgekommen wäre.


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