Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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20. August 2000 Zaren-Familie heiliggesprochen

Wie heilig muss das Leben eines Heiligen gewesen sein? Die Frage stellt sich durchaus, beim Lebenslauf der Zarenfamilie. Die russische Kirche diskutierte lange, bevor sie Zar Nikolaus II. am 20. August 2000 heiligsprach.

Stand: 20.08.2014 | Archiv

20 August

Mittwoch, 20. August 2014

Autorin: Isabella Arcucci

Sprecher: Hans-Jürgen Stockerl

Illustration: Angela Smets

Redaktion: Julia Zöller

Als Zar Nikolaus II. im Jahr 1917 abdankte, schien er beinahe erleichtert. Er hatte ja versucht, Zar zu sein. Autokratisch, konservativ - wie sein Vater. Aber im Grunde war schon in seiner Kindheit klar gewesen: er taugte nicht zum Regieren.

Schwächling, Despot, Heiliger

Für seinen Vater, ebenso wie für viele moderne Historiker, war Zar Nikolaus von klein auf ein Schwächling. Millionen seiner Untertanen erschien er dagegen als unnahbarer Despot, der keine Reformen zuließ, und die russischen Juden fürchteten seine antisemitische Haltung. Für seinen engsten Familienkreis jedoch war er ganz einfach "Niki", der hingebungsvolle Ehemann und liebevolle Papa.

Für die Bolschewiken schließlich war er nur eines: "Nikolaus, der Blutige", ein Feind, den es mit einer Salve von Gewehrschüssen umzubringen galt. Doch nachdem sie das getan hatten war Zar Nikolaus nicht vergessen, im Gegenteil. Spät - aber leidenschaftlich - schlossen ihn viele Russen ins Herz.

Als 1991 die Großmacht Sowjetunion zusammenbrach, stellte sich auf einmal die Frage: was ist Russland eigentlich? Wie unter Hypnose ging die russische Elite in ihrer kollektiven Erinnerung zurück, bis in die Zeit als Russland ein stolzes Kaiserreich war und die russisch-orthodoxe Kirche ein Ausdruck der russischen Kultur und Seele. 1993 wurde das sowjetische Nationalemblem Hammer und Sichel durch den doppelköpfigen Adler der Zaren ersetzt.

In einem Waldstück nahe Jekaterinburg hatte man inzwischen Knochen sichergestellt, die sich mittels DNA-Tests eindeutig als die sterblichen Überreste der Zarenfamilie erwiesen. Nur die russisch-orthodoxe Kirche behielt Zweifel. Der Grund: einige Vertreter des Klerus forderten, man solle den Zaren und seine Familie heilig sprechen, so wie es die russische Auslandskirche schon vor Jahren getan hatte. In ihren Augen war Zar Nikolaus ein Märtyrer, den die Kommunisten nicht nur für seine Politik, sondern auch für seinen Glauben ermordet hatten.

Doch, wenn Zar Nikolaus wirklich ein Heiliger war, und die in Jekaterinburg gefundenen Knochen wirklich die seinigen, müssten sie dann nicht Wunder bewirken? Mehr als seine Regierung das getan hatte?

Trost in der Vergangenheit

Der Streit um die Heiligsprechung Nikolaus II. dauerte mehrere Jahre. Konnte, bei aller zaristischen Nostalgie, eine umstrittene historische Persönlichkeit, die in erster Linie aus politischen Gründen erschossen worden war, ein Heiliger sein? Die russische Kirche beantwortete diese Frage schließlich mit "Ja".
Am 20. August des Jahres 2000 wurden Zar Nikolaus II., seine Frau, seine Kinder und 1.100 weitere Personen, die während der Sowjetherrschaft für ihren Glauben gestorben waren, heilig gesprochen. In Jekaterinburg, wo einst die Zarenfamilie ermordet wurde, steht heute zu ihrem Gedenken die "Kathedrale auf dem Blut".

Für die Pilger, die jene Kathedrale besuchen, ist Zar Nikolaus ein goldenes Ikonengesicht, das auf tröstliche Weise an die Vergangenheit erinnert. An eine glorreiche russische Vergangenheit, als die Diamantcolliers auf der rosigen Haut der Petersburger Aristokratinnen funkelten, wie der frische Schnee auf der zugefrorenen Newa und im Sommer der hohe Weizen so golden in der Sonne leuchtete, wie die dicken blonden Zöpfe der russischen Bauernmädchen - an eine Vergangenheit also, die es so wohl nie gegeben hat.


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