Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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20. April 1899 Medizinstudium offen auch für Frauen

Eine Frau am Seziertisch? Unmöglich!, fanden viele männliche Ärzte, bis im Deutschen Reich am 20. April 1899 Frauen zum Studium von Medizin, Zahnmedizin und Pharmazie zugelassen wurden.

Published at: 20-4-2011 | Archiv

20 April

Mittwoch, 20. April 2011

Autorin: Brigitte Magiera-Fermum

Sprecherin: Krista Posch

Redaktion: Thomas Morawetz / Wissenschaft und Bildung

"Gelehrte und künstlerische Frauen sind Ergebnisse der Entartung" schreibt der Psychiater und Hirnforscher Dr. Paul Möbius in seinem Aufsatz "Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes". Das war im Jahr 1900. Erst ein Jahr zuvor, am 20. April 1899, hat der Bundesrat beschlossen, Frauen im Deutschen Reich offiziell zum Medizin-, Zahnmedizin- und Pharmaziestudium zuzulassen. Vielen Männern passt das gar nicht, sei es, weil sie die weibliche Konkurrenz fürchten, sei es, weil sie wirklich überzeugt sind, dass Frauen nicht zu einem Hochschul-Studium fähig seien. - Wie der Münchner Anatomie-Professor Theodor von Bischoff, der seine ablehnende Haltung gegenüber weiblichen Medizin-Studenten so begründet:

"Die Beschäftigung mit dem Studium und die Ausübung der Medicin widerstreitet und verletzt die besten und edelsten Seiten der weiblichen Natur, die Sittsamkeit, die Schamhaftigkeit, Mitgefühl und Barmherzigkeit, durch welche sich dieselbe vor der männlichen auszeichnet."

Theodor von Bischoff

Außerdem hat der Anatom schon verschiedenste Messungen an Knochen und Kreislauf durchgeführt, die belegen sollen, dass Frauen ein Medizinstudium rein körperlich niemals bewältigen könnten. Und dann stelle man sich bitteschön die jungen Damen am Seziertisch vor, neben ihren männlichen Kommilitonen, vor einer völlig entblößten, männlichen Leiche - ungeheuerlich.

Professor von Bischoff hat die ersten Medizinstudentinnen an der Ludwig-Maximilian-Universität in München 1903 nicht mehr erlebt. Durch sie ist das Königreich Bayern nun zusammen mit dem Großherzogtum Baden Vorreiter im Deutschen Kaiserreich. "Es ist ein geistiger Fortschritt vom Süden aus" schreibt damals die Frankfurter Zeitung. Den geistigen Fortschritt befördert auch Adele Hartmann aus Neu-Ulm. Sie habilitiert 1919 an der Münchner LMU in Medizin und darf damit als erste deutsche Frau überhaupt an einer Hochschule unterrichten. Unter der Hand sind Frauen als Lehrerinnen und Assistentinnen an den Kliniken und Instituten längst etabliert, doch sie werden in den Vorlesungsverzeichnissen nicht erwähnt. Der Lehrkörper bleibt bis zu Dr. Adele Hartmann "weiberrein".

Im Vergleich zu anderen Ländern setzte sich in Deutschland die Idee, dass Frauen und Wissenschaft zusammenpassen könnten, spät durch. Fast zwei Generationen früher haben bereits Schweizer Unis begonnen, Studentinnen zuzulassen, ähnlich wie viele andere europäische Nachbarn, zum Beispiel Frankreich.

Dort wurde mit der Idee von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit auch bald die Gleichheit zwischen Mann und Frau diskutiert. In Deutschland dagegen war es Frauen über Jahrzehnte verboten, auch nur an politischen Versammlungen teilzunehmen oder Zeitschriften herauszugeben. Seitdem ist viel passiert: 2006 waren fast zwei Drittel der Medizinstudenten Frauen ... Oder vielleicht ist weniger passiert als wir meinen: Unter den leitenden Krankenhausärzten und Hochschulprofessoren ist nur jeder zehnte eine Frau.

In der Festschrift zum 500. Geburtstag der Münchner LMU sind genau zwei Frauen erwähnt: die mutige Sophie Scholl, die in der NS-Zeit Regime-kritische Flugblätter verteilt hat; und die verführerische Lola Montez, die wegen ihrer skandalösen Liebesbeziehung zum König für Studenten-Unruhen gesorgt hat. Die herausragende Medizinerin Adele Hartmann, Deutschlands erste Frau im Professorenrang, bleibt unerwähnt.


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