Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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16. April 1992 Verbot des Selbstmordtangos

Sonntage sind bisweilen traurig. So traurig, dass man sich umbringt - wenn man die entsprechende Musik hört, nämlich Gloomy Sunday. Um die Lebensgefahr abzuwenden verbietet Ungarn die Ausstrahlung des Lieds 1992. Autorin: Susanne Tölke

Stand: 16.04.2015 | Archiv

16 April

Donnerstag, 16. April 2015

Autor(in): Susanne Tölke

Sprecher(in): Andreas Wimberger

Illustration: Angela Smets

Redaktion: Frank Halbach

Der Sonntag ist traurig, schlaflos vergeht die Zeit, endlos der Reigen der Schatten, die mich umzingeln … Gloomy Sunday - trauriger Sonntag. So nannte der ungarische Pianist Reszo Seress die Melodie, die ihm am Morgen nach der Katastrophe einfiel. Am Morgen, nachdem ihn seine Geliebte verlassen hatte.
Die Melodie war gut, das fand jedenfalls Seress, aber es dauerte drei Jahre, von 1933 bis 1936, bis er eine Plattenfirma fand, die Gloomy Sunday produzierte.
Die Produzenten, die das Lied abgelehnt hatten, fanden es alle zu melancholisch, und dass sie damit instinktiv richtig gelegen hatten, zeigte sich schon drei Wochen nach Erscheinen der Platte.

Gloomy Sunday

Josef Keller, Schuhmacher in Budapest, wurde tot in seiner Werkstatt aufgefunden. Er hatte Selbstmord begangen und hinterließ einen Abschiedsbrief. Darin zitierte er die Verse des “Traurigen Sonntag“. Von da an hieß das Lied
“die Selbstmordballade“, und es übte ganz offensichtlich einen starken Sog auf verzweifelte Gemüter aus. Immer wieder nahmen sich Menschen zu den Klängen des “Gloomy Sunday“ das Leben. Der rätselhafteste Fall war der eines jungen Mannes in Rom, der einem Straßenmusikanten lauschte, der den
“Traurigen Sonntag“ geigte und sang, ihm dann seinen Geldbeutel schenkte und anschließend in den Tiber sprang.

Das Lied schien unheimliche Kräfte zu haben. Die Rundfunksender gingen dazu über, nur noch Instrumentalfassungen zu spielen. In den USA versuchten sogar 200 betroffene Familien mit einer Sammelklage das Lied völlig verbieten lassen - doch ohne Erfolg. Die Klage wurde abgewiesen. Ein halbes Jahr später begann der Zweite Weltkrieg, und die Selbstmordwelle ging von selbst zurück. Ein Phänomen, das in der Suizidforschung schon lange bekannt ist - in Kriegszeiten sinkt die Zahl der Selbstmorde ganz drastisch. So konnte es denn die berühmte Jazzsängerin Billie Holiday, deren Version sie gleich hören werden, 1941 auch wagen, “Gloomy Sunday“ in ihr Repertoire aufzunehmen.

…aber nicht in Ungarn

Allerdings - nach dem Krieg übte die Ballade aufs Neue ihre unheilvolle Wirkung aus, wenn auch nur in Ungarn. Immer wieder gab es Abschiedsbriefe, die sich auf den “Traurigen Sonntag“ bezogen. Und der wirtschaftliche Aufschwung nach dem Ende des Kommunismus änderte daran auch gar nichts. Deshalb beschloss der ungarische Rundfunk, die Ausstrahlung der Ballade im Radio zu verbieten.
Seit 16. April 1992 wird sie nicht mehr gesendet. Bei uns aber können Sie ein Stückchen hören, also sagen wir mal, dreißig Sekunden...


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