Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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14. April 1758 Clara, erstes Nashorn in Europa, stirbt

Clara war das erste Nashorn, das die Reise nach Europa überlebte, und die Menschen waren hingerissen vom “Wunder-Thier“. Zwölf Ochsen zogen Clara in einem Kasten über die Straßen Europas, fast zwanzig Jahre lang, bis das Tier starb, am 14. April 1758. Autorin: Sarah Khosh-Amoz

Stand: 14.04.2015 | Archiv

14 April

Dienstag, 14. April 2015

Autor(in): Sarah Khosh-Amoz

Sprecher(in): Hans-Jürgen Stockerl

Illustration: Angela Smets

Redaktion: Frank Halbach

Woher hätten die Europäer damals auch wissen sollen, Mitte des 18. Jahrhunderts, wie ein echtes Nashorn aussieht. Freilich, Gedanken gemacht hatte man sich darüber schon. Von Albrecht Dürer zum Beispiel gab es bereits einen Holzschnitt, bloß hatte der Meister selbst auch nie ein Nashorn gesehen. So ist das Ergebnis zwar künstlerisch wertvoll, aber biologisch niederschmetternd: Dürers Nashorn hat zwei Hörner, eins auf der Nase und eins auf dem Rücken.

Gold-Nashorn

Die Lage änderte sich erst ab 1741, als das erste Nashorn die Seereise nach Europa lebend überstand und nicht sofort an Erschöpfung starb. Nun war also Clara da - und Europa war platt. Clara war in Bengalen aufgewachsen, im Haus des Direktors der Niederländischen Ostindien-Kompanie. Der hatte sie aufgezogen, nachdem Jäger ihre Mutter getötet hatten. Doch das Schoßtier wurde bald zu groß, und der Direktor verkaufte sein Nashorn an einen gewissen Kapitän Van der Meer.

So ist Clara drei Jahre alt, als Van der Meer mit ihr den Hafen von Rotterdam erreicht. Eine Sensation! Die Zeitungen jubeln über das "hässliche Tier weiblichen Geschlechts", und die Menschenmassen sind begeistert.

Das bleibt so - für die nächsten siebzehn Jahre. So lange tourt Clara durch ganz Europa, von Wien bis in die Schweiz, dann nach Frankreich, später nach Italien. Der Hochseekapitän hat seine wahre Berufung gefunden, als Impressario der Landstraßen. Wo er kann, führt er seine Clara vor, am liebsten vor königlichem Publikum. Clara, das Nashorn, wird für Van der Meer zum Goldesel.

Claramanía

Freilich muss Clara einiges an Beschwerlichkeiten aushalten. Für ihren Transport hat der Kapitän ein spezielles Fuhrwerk entworfen, einen massiven Holzkasten mit einem kleinen Fenster für Licht und Luft.

Mehr Aussicht nach draußen gibt’s nicht, denn der Kasten muss ja auch schützen vor den neugierigen Blicken nach drinnen. Eines ist Van der Meer nämlich eine Lehre, das Pech, das in Wien ein gewisser Inder mit seinem Elefanten hatte. Zwar war dem Manne beschieden, dort den ersten Elefanten vorführen zu können, aber sein Dickhäuter war einfach zu groß zum Verstecken. Die Bilanz des Inders war niederschmetternd: Die Schaulustigen konnten sich gar nicht sattsehen am Riesen, aber der Inder ging leer aus, keine Münze klingelte in seinem Beutel.

Van der Meer dagegen und seine Clara rollen und rumpeln mit dem düsteren Fuhrwerk über elende Straßen durch die Lande; zuerst gezogen von acht Pferden, später sogar von zwölf Ochsen, kein Wunder, Clara wiegt gute zwei Tonnen!

Und das Geschäft boomt! Eine regelrechte Claramanía setzt ein. Gedichte und Lieder werden über sie verfasst, auch in Briefen ist sie ein beliebtes Thema.
So schreibt Melchior Grimm an Diderot: "Paris, so leicht berauscht von kleinen Dingen, ist nun gefesselt von einem Tier genannt Rhinozeros!" Wo Clara auftaucht, ist sie die Attraktion. Nach einem Auftritt stehen die Leute Schlange, um Clara-Souveniers zu kaufen, und für jeden Geschmack ist etwas dabei: für die Herren etwa eine exquisite Tischuhr, getragen von Clara, im Porzellanverschnitt. Die Damen schmücken sich mit Bändern à la rhinocéros. Und auch die Meißener Nashornfiguren sind seit Clara nicht mehr an Dürers Holzschnitt angelehnt.

Bis ins Alter von ungefähr zwanzig Jahren bleibt Clara in Europa das viel bestaunte "Wunder-Thier". Dann, nach zwei Jahrzehnten Gefangenschaft und fast ebenso langem Tourleben stirbt sie in London - am 14. April 1758.


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