Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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6. August 1897 Dracula erreicht England

Eine Seefahrt, die ist lustig? Aber wie viel kann da schief gehen. "Titanic", "Costa Concordia" etc. Die "Demeter" kommt sicher im Hafen an. Gottseidank! Aber: vor starkem Blutverlust bei Schiffsreisen muss gewarnt werden. Autor: Johannes Roßteuscher

Stand: 06.08.2015 | Archiv

06 August

Donnerstag, 06. August 2015

Autor(in): Johannes Roßteuscher

Sprecher(in): Andreas Wimberger

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

Da machen die Leute immer ein Getue mit ihrer Flugangst - doch wirklich riskant sind Fahrten übers Wasser. Wenn man mal bedenkt, was auf einer Schiffreise so alles schief gehen kann... Seekrankheit, Sturm, Pest an Bord, Eisberg, Piraten, Bermuda-Dreieck, Decksgymnastik, Kapitäns Dinner, Meuterei ... Immernoch Beispiele nötig??, Titanic, die “Mary Celeste“ … Die war ein amerikanischer Zweimaster, der zwischen den Azoren und Portugal treibend aufgefunden wurde - ohne eine einzige Seele an Bord.

Ein Toter am Steuer

Und natürlich - die “Demeter“. Das Geisterschiff unter den Geisterschiffen.

Ein russischer Schoner, unterwegs von Warna im Schwarzen Meer nach Withby in England. Eingeschifft Anfang Juli 1897. An Bord: ein Kapitän und acht Mann Besatzung - zumindest am Anfang der Reise. Außerdem Kisten mit Erde. Was es damit auf sich haben könnte, scheint niemanden an Bord zu interessieren. Jedenfalls nicht den Kapitän, aus dessen Logbuch wir die ganze Geschichte kennen.

Als dieses Logbuch gefunden wird, ist der Kapitän allerdings schon tot:
am 6. August 1897. Von seinem grausigen Ende erfahren wir aus dem Daily Telegraph:

“Ein Suchscheinwerfer folgte dem orientierungslosen Schoner, den der Sturm vor sich herjagte - und ein Schauer überlief alle, die dem Lichtkegel folgten. Das Schiff wurde von einem Toten gesteuert! An das Steuerrad gefesselt stand eine Leiche. Bei jeder Bewegung des Schiffs wurde der herabbaumelnde Kopf auf schreckliche Weise hin und her gerissen.“

Das besagte Logbuch fand man in der Tasche des Kapitäns, als Papierrolle in einer Flasche verwahrt. 

Alles Aberglaube…oder...?!

Der Daily Telegraph indes muss eine sehr akribische Zeitung gewesen sein, denn er druckte das vollständige Logbuch ab.

Und so erfahren wir, dass bereits kurz nach Abreise der “Demeter“ die ersten unheimlichen Dinge geschehen. Die Matrosen - ohnehin eine abergläubische Spezies - werden unruhig, bekreuzigen sich, behaupten, da sei irgendetwas an Bord. Plötzlich wir einer von ihnen vermisst. Ein anderer sieht auf dem Vordeck einen großen, dunkel gekleideten Mann, der nicht zur Besatzung gehört. Fast täglich nun verschwindet ein weiterer Matrose, neun Tage später sind nur noch der Maat und der Kapitän übrig. Der Maat scheint den Verstand verloren zu haben und springt über Bord. Um seine Seele zu retten, wie er dem Kapitän noch zuruft.

Der macht sich noch Sorgen, wie er später erklären soll, warum er die ganze Mannschaft verloren hat. Doch das hätte er sich sparen können: kurz darauf sieht er nämlich selbst den schrecklichen Unbekannten. Im Logbuch beschreibt er die Gestalt nicht näher, aber er scheint zu ahnen, dass er es mit einem gottlosen Monster zu tun hat. Denn mit letzter Kraft bindet er sich selbst mit Seil und Rosenkranz ans Steuerruder.

Als vier Tage später die “Demeter“, gelenkt vom toten Kapitän im Hafen von Whitby aufläuft, springt ein riesiger Hund von Deck an Land und verschwindet in der Dunkelheit. Der Hund ist, wie der Leser an dieser Stelle des berühmten Romans längst ahnt: ein Vampir, der bekanntlich die Gestalt mancher Tiere annehmen kann. Graf Dracula hat seine Schiffsreise beendet und England erreicht. Aber das ist jetzt eine andere Geschichte.


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