Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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5. September 1928 Alexander Fleming entdeckt das Penicillin

Der englische Arzt Alexander Fleming entdeckte, dass ein im Schimmelpilz enthaltener Stoff Bakterien abtötet. Er nannte ihn Penicillin. Bakteriellen Infektionskrankheiten hatten damit ein für alle Mal ihren Schrecken verloren. Fleming erhielt für seine Entdeckung den Nobelpreis.

Stand: 05.09.2011 | Archiv

05 September

Montag, 05. September 2011

Autor(in): Florian Hildebrand

Sprecher(in): Florian Hildebrand

Redaktion: Thomas Morawetz / Wissenschaft und Bildung

"Wissen Sie, was Penicillin ist?"
"Klar."
"In Wien gibt es natürlich nicht genügend Penicillin. Nur im Schwarzhandel ist es zu kriegen. Gestohlenes Penicillin. Aus unseren Lazaretten. Aber es wird nicht rein verkauft, sondern verdünnt. Verstehen Sie?"
"Hm."
"Männer mit faulenden Gliedmaßen, Frauen mit Kindbettfieber, und dann die Kinder. Verwässertes Penicillin gegen Hirnhautentzündung. Die glücklicheren sterben, die anderen können Sie in der Irrenanstalt besuchen, wenn Sie Lust dazu haben. Harry Lime ist der Organisator dieser Verbrechen."

Harry Lime, der Bösewicht aus dem Filmklasser "Der dritte Mann", Ort der Handlung: Wien 1947. Kein Szenario hätte genauer beschreiben können, welchen Segen der Mann in die Welt brachte, der dieses Penicillin entdeckt hatte. In New York waren öffentliche Abfallbehälter mit Plakaten beklebt, auf denen stand: "Penicillin cures Gonorrhea in 4 hours", "Penicillin heilt Gonorrhoe innerhalb von vier Stunden". Gonorrhoe heißt auf Deutsch Tripper und ist die häufigste Geschlechtskrankheit, ausgelöst und übertragen durch Bakterien. 

Kein Film wie der "Dritte Mann" hätte aber auch besser bebildern können, warum Penicillin erst lange nach seiner Entdeckung den Siegeszug durch die Krankenhäuser dieser Welt angetreten hat. Daran war Alexander Fleming, der Entdecker des Antibiotikums nicht ganz unschuldig. Fleming, ein schmaler, hoch gewachsener Doktor mit randloser Brille, kurzen, glatten Haaren und leicht vornüber geneigter Haltung war leitender Arzt in der Bakteriologischen Abteilung im St. Mary’s Hospital in London.

1928. Die Sommerferien nahten. Fleming legte auf einer Nährstofflösung eine Kultur von Staphylokokken an, das ist ein bestimmter Typ von Bakterien. Während seines Urlaubs sollten sie sich kräftig vermehren, denn er wollte nach seiner Rückkehr mit ihnen experimentieren. Am 5. September jenes Jahres 1928 kam er aus den Ferien in die Klinik und zu seinen Kulturen zurück und musste verärgert feststellen: einige der Bakterienkulturen waren verschimmelt. Das konnte vorkommen und kommt auch jetzt noch in den Labors vor. Man warf sie dann halt weg und legte neue an. Das hatten hunderte Forscher vor Fleming getan und er war bislang auch nicht anders verfahren.

Vielleicht hatte sich Fleming aber in jenem Sommer 1928 am Strand von Cornwall den frischen Küstenwind besonders kräftig durchs Hirn blasen lassen. Jedenfalls nahm er eine der verdorbenen Kulturschalen genauer in Augenschein, und ihm fiel auf, wie dieser Schimmelpilz die Vermehrung der Bakterien einfach gestoppt hatte. Keiner der Mikroorganismen konnte sich in dem Pilz halten, kein einziger. Dieser vermaledeite Schimmel tötete die Bakterien offenbar ab. Er brachte, nur mal so, andere Bakterien-Stämme mit dem Pilz zusammen: das gleiche.

Es war, wie gesagt, der 5. September 1928, und an diesem Tag verloren Tripper und Diphtherie, Wundbrand und Blutvergiftungen, Hirnhautentzündungen und viele andere bakterielle Infektionskrankheiten ein für alle Mal ihren Schrecken. Aber, und das ist immer noch das Eigentümliche an dieser medizinischen Erfolgsgeschichte, nicht sofort. Natürlich, Fleming musste noch einige Versuche machen, um herauszufinden, ob der Schimmelpilz verlässlich Bakterien abtötete und welche. Und er entlockte dem Pilz auch die Substanz, mit der der Schimmel das machte, jenen Stoff, den Fleming später Penicillin nannte. Aber er kam nicht auf die Idee, aus dem Wunderstoff ein Medikament zu machen. Obwohl er Arzt war, obwohl man damals längst wusste, was Bakterien im Körper von Mensch und Tier anrichten können und obwohl auch klar war, welche Typen gewissermaßen für welche Krankheiten zuständig waren.

So wurde Fleming zum dritten Mann, oder sagen wir richtig, zum ersten von drei Männern, die das Penicillin auf den Weg in die Kliniken brachten. Und später dafür den Nobelpreis bekamen.

Erst zehn Jahre nach Flemings Entdeckung nahmen andere Forscher die Sache mit Nachdruck in die Hand, probierten Penicillin an Mäusen und Menschen aus und kümmerten sich um die industrielle Produktion der Substanz. In der Zwischenzeit war der Zweite Weltkrieg ausgebrochen. Da war der Bedarf nach einem wirksamen Antibiotikum immens gestiegen.


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