Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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3. Oktober 1940 Kinderlandverschickung im Deutschen Reich

Sommerfrische auf Staatskosten versprach die NS-Führung den Kindern, als die Bomben der Alliierten auf die deutschen Städte fielen. Am 3. Oktober 1940 begann die Kinderlandverschickung im Deutschen Reich.

Stand: 03.10.2013 | Archiv

03 Oktober

Donnerstag, 03. Oktober 2013

Autor(in): Carola Zinner

Sprecher(in): Johannes Hitzelberger

Illustration: Angela Smets

Redaktion: Thomas Morawetz

"Kinderlandverschickung", das klingt nach Ferien auf dem Bauernhof und frisch gemolkener Milch, nach Spielen im Heuschober und Indianercamp im Tannenwald. Und so war es wohl ursprünglich auch gewesen, damals, in den armseligen Jahren nach dem Ersten Weltkrieg, als bleiche und unterernährte Stadtkinder hinausgeschickt wurden aufs Land, um sich dort einige Wochen lang zu erholen.

Sommerfrische auf Staatskosten?

Organisiert wurde das Ganze von einem Verein mit dem klingenden Namen "Reichszentrale Landaufenthalt für Stadtkinder", der mit den Kirchen und  Wohlfahrtsverbänden zusammenarbeitete. Und ab 1933 auch mit der NSV, der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt, die sich dieses Propaganda-Schnäppchen nicht entgehen ließ:  "Der Führer schickt hunderttausende von Kindern auf Staatskosten in die Sommerfrische" - das war eine großartige Schlagzeile, und sie blieb es auch, als es in Wahrheit schon längst nicht mehr um "Sommerfrische" ging, sondern um die Flucht vor Luftangriffen.

Im Mai 1940, fielen bei Hagen in Westfalen die ersten englischen Bomben, und am 3. Oktober 1940 begann die so genannte "erweiterte Kinderlandverschickung". Ein Schreiben aus der Reichkanzlei informierte die Gauleiter, was laut Führerbefehl darunter zu verstehen war: "Die Jugend aus Gebieten, die immer wieder nächtliche Luftalarme haben", hieß es da, solle "auf der Grundlage der Freiwilligkeit in die übrigen Gebiete des Reiches" geschickt werden. Der Begriff Evakuierung sei zu vermeiden. Kleinere Kinder seien in Gastfamilien unterzubringen, ältere in Jugendherbergen, Gaststätten oder Lagern, die von der Hitlerjugend organisiert und betreut würden.

Das war ein geschickter Schachzug, denn Sammelunterkünfte boten die idealen Bedingungen, um den Nachwuchs in nationalsozialistischer Denkungsart zu schulen, ganz ungestört von der Kirche oder einem womöglich kritischen Elternhaus.

Keiner weiß, wie viele Kinder es insgesamt gewesen sind, die im Laufe des Krieges in vermeintlich sichere Gebiete verfrachtet wurden: nach Dänemark oder Siebenbürgen, ins Sudetenland und auch nach Bayern, wo folglich Kinderlandverschickung nicht etwa hieß, dass jemand wegfuhr, sondern dass jemand kam. Rund zwei Millionen waren es nach vorsichtigen Schätzungen, und wäre es nach den Organisatoren gegangen, wären es noch viel mehr gewesen. Doch das mit der "Freiwilligkeit" stellte sich schnell als Hürde heraus: trotz massiver Werbung, in der die Massenevakuierung als "größtes Jugenderholungswerk der Welt" bezeichnet wurde, trotz Druck und Drohungen weigerten sich zahlreiche Eltern, ihre Kinder fortzulassen.

Zum Schluss in Uniform

Mit Recht, wie sich am Ende herausgestellt hat. Denn in den letzten Kriegswirren, als auch die angeblich sicheren Regionen plötzlich nicht mehr sicher waren, wurden viele der Lager einfach aufgelöst; die Kinder mussten schauen, wie sie auf eigene Faust nach Hause kamen. Nur für die halbwüchsigen Buben hatte man noch etwas organisiert, nämlich Uniformen und Waffen, mit denen sie dem Krieg im letzten Moment noch die entscheidende Wende geben sollten.

Und so haben sie es am Schluss noch erfahren, wie trügerisch das sein kann mit den großen Worten und Heilsversprechungen, und dass man in solchen Fällen meist gut daran tut, auf den Volksmund zu hören: Der nämlich sprach bereits seit Jahren nicht mehr von Kinderlandverschickung, sondern von - Kinderlandverschleppung.


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