Bayern 2 - Hörspiel


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Die Serapions-Brüder Das literarische Sextett der Fantasten

Stand: 15.10.2011 | Archiv

Am Anfang sind es vier, später dann sechs Freunde, die sich abends in einer Berliner Stadtwohnung, fernab vom „Gewühl der großen Stadt“, versammeln und sich gegenseitig ihre selbstverfassten Erzählungen, Märchen und Novellen vorlesen und sich in Debatten über Kunst, Literatur, Musik und Gesellschaft ergehen oder verlieren. Frei überlassen sie sich dem Spiel ihrer Laune und den Eingebungen ihrer Fantasie.

Lothar, Theodor, Ottmar, Cyprian, Sylvester und Vinzenz sind ‚Die Serapions-Brüder’, eine Figurenkonstellation bzw. eine Gesellschaft literarischer Freunde, die der Romantiker E.T.A. Hoffmann erfunden hat, um für seine „Gesammelten Erzählungen und Märchen“ einen geeigneten Handlungsrahmen zu schaffen.

„Der Einsiedler Serapion sei unser Schutzpatron, er lasse seine Sehergabe über uns walten, seiner Regel wollen wir folgen, als getreue Serapions-Brüder!“ Nicht unverbindliche Geselligkeit soll die dichtenden Freunde verbinden, vielmehr geht es um die gemeinsame Verpflichtung, höchste literarische Qualität zum Maßstab des eigenen Schaffens zu erheben: „Es kann nicht fehlen, daß wir, einer nach dem andern, nach alter Weise manches poetische Produktlein, das wir unter dem Herzen getragen mitteilen werden. Laßt uns nun dabei des Einsiedlers Serapion eingedenk sein! – Jeder prüfe wohl, ob er auch wirklich das geschaut, was er zu verkünden unternommen, ehe er es wagt laut damit zu werden. Wenigstens strebe jeder recht ernstlich darnach, das Bild, das ihm im Innern aufgegangen recht zu erfassen mit allen seinen Gestalten, Farben, Lichtern und Schatten, und dann, wenn er sich recht entzündet davon fühlt, die Darstellung ins äußerste Leben [zu] tragen. So muß unser Verein auf tüchtige Grundpfeiler gestützt dauern und für jeden von uns allen sich gar erquicklich gestalten.“

E.T.A. Hoffmanns ‚Serapions-Brüder’ erschienen in vier Bänden in den Jahren von 1819 bis 1821. ‚Die Serapions-Brüder’ sind heute in Vergessenheit geraten. Die Titel einzelner Erzählungen und Märchen dieser Sammlung dagegen sind bekannt geblieben oder geworden: ‚Die Bergwerke zu Falun’, ‚Nussknacker und Mausekönig’, ‚Die Automate’, ‚Das Fräulein von Scuderi’ oder ‚Meister Martin der Küfner und seine Gesellen’.

Mit der zyklischen Form, die E.T.A. Hoffmann für seine ‚Serapions-Brüder’ wählte, stellte sich der Dichter in eine große europäische Tradition, die von Bocaccios ‚Decamerone’ über Goethes ‚Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten’ bis zu Ludwig Tiecks ‚Phantasus’ reicht. Das Erzählte und die Kunst des Erzählens sind gleichermaßen Gegenstand des Werks. Dichtung und Reflexion, Fantasie und Alltagserleben erscheinen vielschichtig miteinander verknüpft.

Diese Form des Erzählens bietet sich wegen ihrer Vielstimmigkeit für das Radio und das Hörbuch besonders an. Sie war ein wesentlicher Impuls, ein fast zwölfhundert Seiten umfassendes Werk, der Vergessenheit zu entreißen und in einer großen Hörspielform und Hörbuch-Edition der Öffentlichkeit neu zu präsentieren: Für den Bayerischen Rundfunk bearbeitete Klaus Buhlert – u.a. Regisseur der großen Produktionen ‚Moby-Dick oder Der Wal’ und ‚Der Mann ohne Eigenschaften. Remix’ – eine zwölfteilige Fassung der ‚Serapions-Brüder’. Herbert Fritsch, Felix von Manteuffel, Bernhard Schütz, Stefan Wilkening, Werner Wölbern und Manfred Zapatka leihen den ‚Serapions-Brüdern’ ihre Stimmen.

Für den Komponisten Klaus Buhlert spielen bei der Umsetzung der ‚Serapions-Brüder’ ins akustische Medium aber auch musikalische Aspekte eine wichtige Rolle: Zwar hat E.T.A. Hoffmann als Komponist – von seiner Oper ‚Undine’ abgesehen – nicht wirklich Musikgeschichte geschrieben; sein Werk bot aber vielfältige Anregungen für musikalische Auseinandersetzungen und Adaptionen – von Robert Schumann, Jacques Offenbach, Peter Tschaikowsky, Ferruccio Busoni bis Paul Hindemith.

Buhlert bringt sein musikalisches Konzept im Kern auf die Aussage: „Das musikalische Umfeld wird zum akustischen Raum.“ Aus Hoffmanns musikalischem Umfeld oder Einflussbereich wählte Buhlert einige Komponisten aus und testete deren Werke auf musik-dramatische Wirkung  für die geplante Hörspiel-Produktion. Übrig blieben – entsprechend der Anzahl der Serapions-Brüder – sechs Komponisten mit jeweils einem ausgewählten Thema. Dieses kompositorische Grundmaterial wurde dann zum Ausgangspunkt für die akustischen Räume der ‚Serapions-Brüder’. Es stammt von Jean Baptiste Lully, Giovanni Battista Pergolesi, Henry Purcell, Wolfgang Amadeus Mozart, Peter Tschaikowsky und Giacomo Puccini.

Vielleicht liefert dieses Hörspiel für sechs Stimmen auch Anregungen, E.T.A Hoffmanns Werk neu zu entdecken: Neu zu hören und neu zu lesen, zumal ‚Die Serapions-Brüder’ in verdienstvollen Klassiker-Ausgaben vorliegen und mit der sprichwörtlichen Geduld des Papiers künftiger Leserschaften harren.

Herbert Kapfer


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