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Mythos Moor Geheimnisse, die im Torf schlummern

Moore waren einst Wildnisse und galten als gefährlich. Heute geht es vornehmlich um die Erhaltung der Moore als Ökosysteme, die dem Klimaschutz dienen. Über diesem neuen Nützlichkeitsdenken dürfen die Bilderwelten und Sagen, die sich um die Moore ranken, aber nicht vergessen werden.

Author: Elmar Tannert

Published at: 21-10-2021 | Archiv

Wie auch immer der Untergrund beschaffen ist, eines ist den heutigen Wegen durchs Moor gemeinsam: Sie sind gut gesichert und gesäumt von ansprechend gestalteten Informationstafeln, welche die Moorspaziergänger in Bild und Text mit reichlich Faktenwissen versorgen. Man erfährt, dass Moorlandschaften zahlreiche Funktionen im Naturhaushalt erfüllen und für die Erforschung der Erdgeschichte eine große Bedeutung haben. Man kann sich über allerlei kundig machen: über den Zellaufbau des Torfmooses, über die harte Arbeit des Torfstechens oder das Paarungsrad der Libellen.

Nicht mehr schaurig, sondern belehrend ist es, übers Moor zu gehen, und nicht nur der vielzitierte Knabe im Moor von Annette von Droste-Hülshoff, auch andere Moorlyrik, wie das Gedicht "Am Moor" von Georg Trakl, könnte an den heutigen Schauplätzen womöglich gar nicht mehr entstehen, weil Dichterin wie Dichter das Moor mehr informiert denn inspiriert verlassen würden.

Moore – Heimat vieler Sagen

Das Schwarze Moor in der Rhön

Moore haben nicht nur Dichter inspiriert, sondern sind lange schon Heimat einer Vielzahl volkstümlicher Geschichten, von Sagen, die von Geistern, Irrlichtern und versunkenen Orten erzählen und über Generationen hinweg weitergegeben wurden. Aus den Sagen kann man sich noch heute das mystische Moorerlebnis holen, das bei der realen Begehung auf Lehrpfaden zu kurz zu kommen droht. Einige dieser Sagen beruhen auf wahren Begebenheiten, wie etwa diejenigen um sündhafte, versunkene Dörfer in der Rhön, die sowohl im hessischen Teil, im Roten Moor, als auch im fränkischen Teil, im Schwarzen Moor, beheimatet sind; sie laden zur Spurensuche ein.

"Dieses Dorf Moor hat nur einhundert Jahre gelebt. Also gestanden. Das war 1534 bis 1645, so in dem Dreh. Und zwar gab es in der Nähe noch ein zweites Dorf, genauso arm wie dieses hier, das zunächst nur aus vier Häusern bestanden hat, am Ende dann waren es 36. Die Sage spricht davon, dass in dem Dorf Moor unter der Dorflinde sich drei Nonnen niedergelassen hatten, zum Ausruhen, weil sie einen Wagen mit Reliquien zu ziehen hatten, und mit einem Klosterschatz, und dass dann die Menschen aus dem Nachbardorf diese Nonnen überfallen haben, ausgeraubt haben, verhöhnt haben ob ihres christlichen Glaubens und ihrer Tätigkeiten, also caritativen Tätigkeiten, und haben sie im Dorfteich ertränkt. Und dann ist wohl der Teich übergelaufen, und das Wasser hat sich auf die Umgebung ausgeströmt und das Dorf ist eben zugrunde gegangen."

Regina Rinke, Autorin

Regina Rinke war von 1989 bis 2011 Präsidentin des Rhönklubs und ist als Autorin von Wanderführern über märchenhafte Orte mit den Sagen der Rhön vertraut. Sie kennt oftmals ihren wahren Kern. So soll das untergegangene Dorf Moor in einer anderen Sage von den Einwohnern des benachbarten Dorfs Poppenrode überfallen worden sein.

"In Wirklichkeit waren es die Schweden, die sich im Dreißigjährigen Krieg hier in der Nähe, nur fünf Kilometer von hier, verschanzt hatten und das Dorf überfallen haben und niedergebrannt haben. Es wurde nie wieder aufgebaut; die wenigen Leute, die diesen Brand überlebt haben, sind weg und haben irgendwo in tieferen, anderen Gegenden wieder neu begonnen."

Regina Rinke, Autorin

Vor rund fünfzig Jahren, als noch keine Tafel auf das untergegangene Dorf Moor hinwies, hat sich Regina Rinke mit ihrem Mann auf Spurensuche begeben, um Überbleibsel zu finden. Beide waren sie damals Neuankömmlinge in der Rhön und wollten sich mit ihren Erkundungsgängen die neue Heimat erobern.

Ein Moor im Sperrgebiet

Nicht in jedem Moor indes lässt es sich ungehindert auf Spurensuche gehen, insbesondere dann nicht, wenn das Gebiet dem öffentlichen Zugang entzogen ist, wie im Falle der Moorlandschaft um den oberpfälzischen Röthelweiher. Sie liegt seit 1910 auf dem Gebiet des Truppenübungsplatzes Grafenwöhr. Wilhelm Buchfelder ist 1. Vorsitzender des Heimatvereins Grafenwöhr und war bei der Bundeswehrdienststelle lange Jahre als Platzmeister beschäftigt. Zu seinem Aufgabenbereich gehörten auch Führungen über das Gelände.

"Das Interesse ist in Grafenwöhr und Umgebung riesengroß, weil, es ist ja Sperrgebiet, man kommt so net rein, und da, um diesen Röthelweiher, ranken sich natürlich viele Sagen, und die bekannteste is die von der versunkenen Stadt. Also, es soll so gewesen sein, dass damals am Rande des Röthelweihers eine große Stadt war, und die Bewohner der Stadt haben in Saus und Braus gelebt, also so ungefähr wie damals Sodom und Gomorrha, und des is a Zeitlang gut gegangen, und dann is die große Strafe gekommen: Die Stadt ist in den Fluten des Röthelweihers versunken. Mit ihr die ganzen Bewohner und alles. Und es wird erzählt, daß ma öfter amal, wenn ma nachts vorbeiganga is an dem Röthelweiher, dann hat ma oft aa sowas wie Stimmen gehört, die angeblich ausn Wasser kumma. Und man hat auch feurige Zungen angeblich aufm Wasser gsehn, und des solln dann die Bewohner gwesn sei, die dort in den Fluten mit versunken san. Und an besonders heiligen Tagen, hoaßt‘s, is die Stadt wieder aufgetaucht, also nicht die ganze Stadt, sondern nur die Turmspitzen vom Kirchturm, Rathaus, oder was halt so war. Und zur Mitternacht, um zwölf, ist der ganze Spuk wieder vorbeigwesn."

Wilhelm Buchfelder, Heimatverein Grafenwöhr

Vom Oberpfälzer Röthelweiher, der seinen Namen dem rotbraunen Moorwasser verdankt, sind noch drei weitere Sagen überliefert, von denen zwei das Moor als Behausung des Teufels schildern. In der Sage vom Teufel in der Fischerhütte heißt es, dass die Fischer, die sich manchmal mehrere Tage und Nächte am Weiher aufhielten und von denen man munkelte, dass sie dort ein liederliches Leben führten, in der Stunde ab Mitternacht mit dem Teufel Karten spielen würden. Die andere Sage schildert, wie der Teufel überhaupt in den Röthelweiher kam:

"Drei Zechkumpane beschworen eines Nachts mithilfe eines Zauberspruchs den Teufel herbei und erschraken zutiefst, als er wirklich erschien und nicht mehr von ihnen wich. In ihrer Not ließen sie einen Priester holen. Dieser stellte eine leere Glasflasche auf den Tisch, setzte sich hin und begann, in einem Buch zu lesen. Der Teufel wurde mit jedem Wort kleiner und fuhr schließlich mit einem Seufzer in die Flasche hinein. Der Geistliche verschloß die Flasche, bestieg die Kutsche, mit der er gekommen war, und wies den Kutscher an, die Pferde laufen zu lassen, so viel und wohin sie wollen. Nach einer rasenden Fahrt machten die Pferde am Röthelweiher halt. Der Priester ließ vorsorglich die Kutsche wenden, schleuderte die Flasche mitsamt dem Zauberbuch ins Wasser und befahl dem Kutscher, schleunigst abzufahren. Hinter ihnen kochte brausend das Wasser auf, eine turmhohe Wassersäule erhob sich und stürzte wieder zusammen, begleitet von einem vielstimmigen Heulen und Schreien. Ein mächtiger Sturm kam auf, und nur mit Müh und Not konnte das Pferdegespann dem Bannkreis der Hölle entfliehen." stark gekürzt zitiert aus Eckehart Griesbach: 'Truppenübungsplatz Grafenwöhr – Geschichte einer Landschaft'

Bewohnt von übernatürlichen Mächten

Moore galten als Regionen, die nicht zu dieser Welt gehören. Ein Zwischenreich, weder eindeutig Wasser noch eindeutig Land, das weder urbar gemacht noch besiedelt werden konnte. Eine von übernatürlichen Mächten bewohnte Welt, aus der manch ein Mensch, der sich hineinwagte, nicht wieder zurückkam. Es nimmt daher nicht wunder, dass Moore in Sagen zu Orten der Strafe wurden, wo frevlerische Taten oder ein frevelhafter Lebenswandel gesühnt wurden. In ihnen wird die vielfältige Symbolik des Wassers offenbar, das für Leben, Erneuerung und Reinigung ebenso steht wie für Tod und Vernichtung, das als Sintflut den Untergang brachte, aber die Arche Noah zu neuem Leben führte. In den Moorsagen wird die himmlische Strafe direkt über dem tief im Moor verborgenen Eingang zur Hölle vollzogen.

Moorleichen – bis heute geheimnisvoll

Über Jahrhunderte hinweg fand man beim Torfstechen außerdem Moorleichen. Wegen ihres konservierten Zustands waren sie nicht geheuer. Heute weiß man natürlich, dass keine übernatürlichen oder gar dämonischen Kräfte am Werk sind, sondern dass die Leichen durch den Mangel an Sauerstoff und das extrem saure Milieu gewissermaßen von einer Schutzschicht umhüllt sind, die den Verwesungsprozess aufhält. Doch ist bis heute nicht zweifelsfrei geklärt, was es mit den Moorleichen auf sich hat. An manchen von ihnen wurde eine sogenannte Übertötung festgestellt, wie im Fall des Lindow-Manns aus England, der durch Axtschläge auf den Schädel, Messerstiche in den Brustkorb sowie Erdrosselung zu Tode gekommen war. Dies führte zur Hypothese, dass im Moor entweder Verbrecher hingerichtet oder Menschenopfer dargebracht wurden. Es gibt aber auch Leichen, die nach einem natürlichen Tod im Moor bestattet wurden. In diesen Fällen wird vermutet, dass das Moor als letzte Ruhestätte für sozial ausgegrenzte Menschen diente; möglich ist aber auch, dass es sich um Notbestattungen handelt. Damit bewahrt sich das Moor bis heute einen Rest Geheimnis.

Moore – eine sagenhafte Welt

Wenn man heute von Mooren als schützenswert spricht, folgt normalerweise ein "weil" – zum Beispiel, weil sie Kohlenstoff binden und weil sie dadurch zum Klimaschutz beitragen. Damit ist das Moor, das in früheren Zeiten außerhalb der Welt stand, vom menschlichen Zweckdenken vereinnahmt worden. Die Worte und Bilder hingegen, die vom Moor inspiriert wurden und von seinen Geheimnissen erzählen, kennen keinen Zweck, und niemand würde sagen, man müsse Moore schützen, weil sie Teil einer Welt von Sagen und Mythen sind. Und genau in diesem ungeschützten Raum, der kein "warum" und "weil" kennt, hat die sagenhafte Moorwelt die beste Chance, zu überleben.


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