Bayern 2


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Asthma ohne Bakterien? Aufgaben des Mikrobioms

Stellen Sie sich vor, Sie haben Zwillinge. Eines der Kinder stecken sie zum Spielen auf den nächsten Bauernhof, wo es im Heu liegen und Katzen streicheln oder Kühe füttern darf. Das zweite Kind spielt immer zuhause in der Großstadt-Wohnung. Jahre später stellen Sie fest, dass das "Großstadt-Kind" an Asthma leidet, eine Neurodermitis bekommt oder vielleicht sogar eine Blutzucker-Krankheit entwickelt, während das "Bauernhof-Kind" kerngesund ist. Zufall?

Von: Moritz Pompl

Stand: 05.07.2019

Je besser sich unser Immunsystem mit "Schmutz" oder "Keimen" auseinandersetzen darf, desto besser reift es. Das gilt auch bei der Mikrobiom-Forschung.  Im Bild: Kind spielt in einem Beet. | Bild: colourbox.com

Nicht, wenn es nach zahlreichen wissenschaftlichen Erkenntnissen geht, die die sogenannte Hygiene-Hypothese untermauern. Sie besagt: Je besser sich unser Immunsystem mit "Schmutz" oder "Keimen" auseinandersetzen darf, desto besser reift es. Im Klartext: Das "Bauernhof-Kind“ hat tatsächlich ein geringeres Risiko für allergische Erkrankungen oder Autoimmunleiden als eines, das "zu" sauber lebt. Und selbst für Krankheiten, für die ganz verschiedene Ursachen diskutiert werden - etwa Typ I Diabetes – erhärtet sich der Verdacht, dass ein Zusammenhang mit übertriebener Hygiene besteht.

Nicht jede Wurmerkrankung ist ungesund

All das wiederum hängt unmittelbar mit dem Mikrobiom zusammen. Denn die Keime vom Bauernhof gelangen auch in den Darm und stimulieren dort die Lymphknoten in der Schleimhaut. Erst so kann sich die körpereigene Abwehr richtig entwickeln. Übrigens gilt das nicht nur für Bakterien, sondern insbesondere auch für Würmer: Die können über bestimmte Botenstoffe das Immunsystem „umdirigieren“ und so etwa eine Asthma-Erkrankung abmildern. Das heißt nicht, dass jede Wurmbesiedelung automatisch gesund ist, aber manche sind eben auch nicht von vornherein zu verteufeln.

"Früher haben ja unsere Omas immer gesagt, man soll ruhig mal Dreck essen. Die moderne Mikrobiom-Forschung würde da noch hinzufügen: Es muss aber der richtige sein."

Prof. Dr. Dr. André Gessner

Ohne funktionierendes Mikrobiom drohen Nahrungsmittelallergien

Bei allergischen Kindern übrigens finden die Forscher häufig eine veränderte Darmflora, die das Immunsystem vermutlich nur unzureichend anspornt. Und bei Mäusen konnten Wissenschaftler Nahrungsmittelallergien auslösen, wenn sie ihnen nach der Geburt Antibiotika gaben und damit die natürliche bakterielle Besiedlung des Darmes verhinderten.

Für den gesamten Stoffwechsel entscheidend

Das Mikrobiom hängt aber nicht nur mit Allergien oder Autoimmunerkrankungen zusammen, sondern es bestimmt auch über eine ausreichende Vitamin-Versorgung des Körpers. Bestimmte Darmbakterien nämlich produzieren Vitamin K, und das ist unter anderem lebenswichtig für eine gesunde Blutgerinnung. Außerdem produziert das Mikrobiom eine ganze Reihe an Enzymen, die in unterschiedlichster Weise auf den Körper wirken. Manche davon sind zum Beispiel an der Verdauung beteiligt und sorgen dafür, dass der Nahrung besonders viel Energie entlockt werden kann. Eigentlich ideal, allerdings kann das zu einer massiven Gewichtszunahme führen, weil der Betroffene nicht zwangsweise weniger isst – obwohl das völlig ausreichend wäre.

"Man wird nicht nur dick, weil man die falschen Bakterien hat, sondern man muss schon auch zu viel essen."

Prof. Dr. Dr. André Gessner

Hier gibt es übrigens Parallelen zur Tiermast: Manchmal bekommen Schweine Antibiotika, damit sie schneller an Gewicht zulegen. Das funktioniert, indem die Antibiotika bestimmte Bakterien abtöten und so Platz schaffen für genau die Bakterien, die bei der verstärkten Verdauung und besserer Nahrungsverwertung helfen.

"Das sehen wir Mediziner natürlich gar nicht gern, weil dadurch resistente Bakterien entstehen. Für die Medizin hat das riesige Konsequenzen – weil uns dann im Zweifel die Antibiotika ausgehen."

Prof. Dr. Dr. André Gessner

Beeinflusst das Mikrobiom eine Depression?

Andere Bakterien-Enzyme aktivieren bestimmte Medikamente, die sonst unwirksam wären – etwa Östrogene oder bestimmte Herzmedikamente wie Digitalis. Allerdings gibt es auch den gegenteiligen Fall, also dass Bakterien Arzneimittel deaktivieren. Wieder andere Enzyme des Mikrobioms sind an der Produktion von Botenstoffen für das Nervensystem beteiligt, beeinflussen also direkt unser Gehirn. Deshalb forschen Mediziner inzwischen daran, ob das Mikrobiom nicht mit Erkrankungen wie Depression oder Autismus zusammenhängen könnte – auch wenn hier noch vieles unklar ist.


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