Bayern 2


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Magazin zum Tag der Muttersprache Kleine bayerische Dialektgeographie

Am 21. Februar ist, wie jedes Jahr, der Internationale Tag der Muttersprache. Wir wollen aus diesem Anlass einmal auf ganz Bayern schauen - und vor allem hören, was da so gesprochen wird, welche Sprachvielfalt es auf bayerischem Boden gibt. Wir wagen sowas wie eine kleine bayerische Dialektgeographie.

Von: Gerald Huber

Stand: 17.02.2022 | Archiv

Bayerisch gibt es nicht. Ein Satz wie Die Einwohner Bayerns sprechen bayerisch ist ebensolcher Unfug wie Briten sprechen britisch oder Europäer sprechen europäisch. Es gibt zwar den Freistaat Bayern und dessen Einwohner, die Bayern, es gibt aber in diesem Land, sieht man einmal vom Standarddeutschen ab, das vorrangig im Schriftverkehr genutzt wird, keine einheitliche Sprache. Das liegt vor allem am einstigen Königreich Bayern, das sich in der Folge der französischen Revolution als moderner souveräner Nationalstaat konstituierte und sein Staatsgebiet erstmals weit über die alten Stammesgrenzen hinaus erweiterte. Als das passierte, hieß das Königreich noch Baiern, so wie all die Jahrhunderte zuvor. Das Ypsilon im Staatsnamen geht bekanntlich erst auf den griechenbegeisterten König Ludwig I. zurück.

Unter Sprachwissenschaftlern hat es sich eingebürgert, Bayern, wenn der heutige Freistaat und seine Einwohner gemeint sind, mit Ypsilon zu schreiben, wohingegen das alte Stammesgebiet mit ai geschrieben wird: Hier reden Baiern Bairisch - die mit über zwölf Millionen Sprechern auf mehr als 150.000 Quadratkilometern Fläche größte Regionalsprache in Mitteleuropa. Und so ergibt sich die nur auf den ersten Blick kuriose Situation, dass Nichtbayern wie Österreicher, Südtiroler und, so noch vorhanden, Egerländer ganz selbstverständlich zu den Baiern gehören, während Ober-, Mittel- und Unterfranken sowie die bayerischen Schwaben zwar Bayern sind, Baiern jedoch nicht.

Im Allgemeinen teilt man das deutsche Sprachgebiet in zwei große Teile: Das sogenannte Niederdeutsche im Norden - dazu gehören heute alle nieder-, bzw. in der dortigen Sprache plattdeutschen Dialekte und das sogenannte Hochdeutsche im Süden, wozu im großen und ganzen die ehemaligen germanischen Stammessprachen der Franken, der Thüringer und der Alamannen beigetragen haben. So finden sich unter dem Dach des bayerischen Freistaats all die großen deutschen Regionalsprachen, die zusammen das Hochdeutsche ausmachen.

Bairisch

Das heutige Altbayern gehörte als Teil der römischen Provinzen Raetien und Norikum, wie schon viele Jahrhunderte zuvor, zum Mittelmeerraum. Neben den einheimischen Keltoromanen siedelte dort schon seit dem dritten und vierten Jahrhundert ein ständig verwirrender werdendes buntes Völkergemisch, das aber bis zum Ende des ersten Jahrtausends lateinisch-romanisch geprägt war. Erst allmählich begannen sich die rätoromanische Sprache der angestammten Bevölkerung und die germanischen und slawischen Sprachen der Neusiedler miteinander zu vermischen, was dazu geführt hat, dass das alte Bairisch in weiten Teilen eine Mischsprache zwischen romanischen und größtenteils germanischen Elementen darstellt. Aber auch Reste des alten Rätoromanischen haben sich bis heute in entlegenen Alpentälern erhalten. Zahlreiche typisch bairisch-süddeutsche Wörter, die im Norden unbekannt sind, gehen auf romanische Wurzeln zurück. Hier nur drei Beispiele: Semmel (lat. simila - Weizenmehl, it. semola), Weichsel (lat. visculus - Sauerkirsche), Bambs (lat. pampinus, Spross, Schössling, it. bambino.

Bairisch unterteilt sich in drei Großdialekte: Nordbairischwird gesprochen in der Oberpfalz, in Teilen Frankens, Oberbayerns und in Resten auch in Tschechien. Mittelbairisch wird gesprochen in den größten Teilen Oberbayerns, in Niederbayern, dem Norden des Salzburger Lands, Ober- und Niederösterreich bis über Wien hinaus. Südbairisch wird gesprochen in Kärnten, der Steiermark, Tirol mit Südtirol und im Werdenfelser Land in Oberbayern. Genauso also wie es kein Bayerisch gibt, gibt es auch kein oberbayerisch oder niederbayerisch, kein mittel-, ober oder unterfränkisch, kein schwäbisch oder oberpfälzisch.

Günther Grewendorf

I mog di obwoist a Depp bist. - Warum Bairisch genial ist
Verlag Antje Kunstmann München 2021
ISBN 978-3-95614-434-9
€ 20,-

Rheinfränkisch und Ostfränkisch

Nicht nur das Bairische reicht weit über das heutige Staatsgebiet Bayerns hinaus. Auch die beiden anderen im Freistaat vertretenen Regionalsprachen greifen über die Grenzen hinweg nach Norden und Westen. In den drei fränkischen Regierungsbezirken Bayerns beispielsweise werden im Großen und Ganzen die östlichsten Versionen des Fränkischen gesprochen, einer umfangreichen Sprachgruppe germanischen Ursprungs, die von Bayern quer durch Deutschland bis zu den Niederlanden reicht. Einmalig an dieser alten Stammessprache ist, dass sie Anteil an sämtlichen Lautentwicklungen hat, denen die deutschen Sprachen in den vergangenen über 1500 Jahren unterworfen waren: Vom Hochdeutschen im Süden über das Mitteldeutsche bis hin zum Niederdeutschen im Nordwesten. Während man in den südlichen Teilen des Sprachgebiets hochdeutsch, sogar oberdeutsch spricht (Apfel, Zeit, Schiff, Wasser, machen) haben die nördlichen und westlichen Teile, wie der ganze niederdeutsche skandinavische und angelsächsische Sprachraum, die sogenannte althochdeutsche Lautverschiebung (p zu pf oder f, t zu z oder s, k zu kch oder ch) nicht mitgemacht. Hier heißt es Appel, Tid, Schipp, Water, maken.

Schwäbisch-Alemannisch

Bayerisch Schwaben schließlich hat Anteil an einem weiteren großen deutschen Sprachraum, der übrigens, ebenso wie das Bairische, von der UNESCO als eigenständige Sprache anerkannt ist: Das Schwäbisch-Alemannische oder Westoberdeutsche, das von der Schweiz und dem südlichen Elsass über Vorarlberg und Baden-Württemberg bis Bayern verbreitet ist. In Bayerns westlichem Regierungsbezirk gibt es Sprecher dreier Dialekte: Des Schwäbischen und des Bodenseealemannischen, bzw. des Hochalemannischen im Allgäu. Auch im Alemannischen finden sich vergleichsweise viele romanische und keltoromanische Wörter, wie etwa Feel für Mädchen (lat. filia = Tochter); Gotte, Gutte, Guttel für Rinnsal (lat.-rom. gutta = Tropfen); Kinz, Chinz, Kinzge, Chinzge für Hohlweg (gallisch quentica = Tal, Einschnitt); Krischbl für schwacher Mensch (lat. crispus = kraus, zitternd, schwach, runzlig; vgl. bair. Krischperl.

Mischgebiete

Selbstverständlich gibt es auch eine Reihe von Mischgebieten der Regionalsprachen, Dialekte und Mundarten untereinander: Der Lechrain im Westen Oberbayerns etwa ist ein solches Mischgebiet zwischen mittelbairischen und schwäbisch-alemannischen Mundarten und in einem weiten Gebiet vom Fichtelgebirge bis zum Oberlauf der Altmühl, in das auch die Stadt Nürnberg gehört, mischen sich nordbairische und oberostfränkische Mundarten. Der heutige Freistaat Bayern versammelt auf seinem Sprachgebiet die drei wichtigsten Regional- und Literatursprachen aus den Zeiten als das Deutsche entstanden ist.

Eine Frage der Macht

Sprache orientiert sich immer daran, wo die Mächtigen sitzen, die nicht nur den Ton, sondern auch buchstäblich den Tonfall angeben. Nach dem Krieg hat halb Europa unzählige amerikanische Ausdrücke übernommen. Einfach, weil es immer schick ist, auch sprachlich auf der Siegerseite zu stehen. Den Osteuropäern gings mit den Russen genauso. Und in Deutschland selbst, wo die Macht seit der Gründung des Deutschen Kaiserreichs im Jahr 1871 in den Norden gewandert ist, dort gilt heute das Hochdeutsche aus dem Süden in der Aussprache Norddeutschlands als deutsche Standardlautung. Einer Ausspracheart, an der sich leider auch immer mehr Leute aus dem Süden orientieren. Aber: Die beste deutsche Sprache ist dieses Standarddeutsche aus Hamburg, Hannover oder neuerdings auch Berlin keinesfalls! Und schon gar nicht die schönste!


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