Bayern 1


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Materialrest Baumaterial gebraucht kaufen, Umwelt schonen

Umwelt schonen und Geld sparen: Der Umweltkommissar über ein Start-Up, das übrig gebliebene Baustoffe und Materialreste weiterverkauft, statt im Lager verstauben zu lassen.

Stand: 30.06.2020 | Archiv

Spart Geld und schont die Umwelt - Baustoffe wie Dachpfannen (hier im Bild beim) oder Fliesen gebraucht zu kaufen | Bild: mauritius-images

Große Mengen – Sehr spezielle Materialien

Das kennt jeder, der daheim gerne werkelt: Sie brauchen 5 sehr spezielle und deshalb auch teure Schrauben oder Haken, müssen aber zehn kaufen, weil es die im Baumarkt nur so abgepackt gibt. Der Rest verschwindet irgendwo in der Resterampe für Schrauben und Haken, in der Hoffnung, dass man vielleicht irgendwann nochmal Verwendung dafür hat.

So geht es auch hunderttausenden Bauhandwerkern in ganz Deutschland. Egal ob Installateure, Schreiner oder Fliesenleger: Die Farben und Formen der benötigten Baustoffe sind oft sehr individuell. Eine Latte kann man vielleicht immer brauchen, eine spezielle Fliese oder Dachpfanne aber nur in einem bestimmten Fall. So passiert es eben auch, dass fünf Quadratmeter gebraucht, aber im Baustoffhandel mindestens hundert Quadratmeter eingekauft werden müssen. Der große Rest landet zunächst im Lager und verstaubt dort oder wird irgendwann entsorgt und weggeworfen.

Simon Schlögl kommt vom Fach und kennt das Problem: „Ich habe 15 Jahre als Dachdecker gearbeitet und wir hatten auf Baustellen ständig die Situation, dass eben neuwertige, hochwertige Materialien übrigbleiben. Weil eben die Vielfalt und Individualität von Bauartikeln und Materialien immer größer und größer wird.“ Dadurch kann eigentlich Hochwertiges, aber übrig Gebliebenes im eigenen Betrieb, bei Folgeaufträgen, nicht mehr weiterverwendet werden. Ein anderer Betrieb braucht aber genau dieses sehr spezielle Material oder jenen bestimmten Baustoff und wäre froh, wenn er das nicht auch im großen Stile einkaufen müsste,

Nachhaltige Plattform für Baumaterial

Deshalb hat der 36-jährige Schlögl auch lange Zeit an einer Art Datenbank getüftelt, die es Handwerkern möglich macht, sozusagen die Lagerbestände der Kollegen zu sichten, ob da vielleicht ein spezieller, benötigter Artikel zu haben ist. Seit März 2017 ist „materialrest24.de“ am Start. „Bundesweit, haben wir mittlerweile über 1.200 Handwerksbetriebe aus ganz Deutschland. Das Ganze weitet sich jetzt auch auf die Nachbarländer aus“, sagt Simon Schlögl, „wir hatten jetzt wieder eine Neuanmeldung aus Österreich, aus Linz.“ Auch aus Südtirol kamen bereits Anfragen.

Maschinenverleih statt Neuanschaffung

Die Plattform ist vor allem bundesweit aktiv und viele Handwerksartikel – gerade im Sanitär- oder Heizungsbereich – lassen sich auch gut versenden. Mittlerweile werden aber nicht nur Glas-Badewannenaufsätze, Klingelplatten oder Membranpumpen verkauft, auf materialrest24 werden auch Geräte und Maschinen verliehen, sagt Bastian Schlögel, der Bruder des Gründers, der mittlerweile auch beim Start Up mitmischt: „Da ist es natürlich auch so. Man hat eine teure Maschine angeschafft, braucht die aber vielleicht nur in der Hälfte der Zeit oder hat sogar nur fünf Prozent Auslastung. Um auch die nachhaltig zu nutzen, kann ein anderer die Maschine dann in der Leerlaufzeit sozusagen „mieten“. Auch hier wollen die Brüder – ganz im Sinne der Kreislaufwirtschaft – eine Art Maschinen-Sharing aufbauen.

Der BAYERN 1 Umweltkommissar zum Nachhören:

Verkaufen: Nur mit Gewerbeschein

Um professionelle Händler oder fragwürdige Angebote von vorneherein auszuschließen, können nur Handwerker mit Gewerbeschein ihre Materialien auf der Plattform anbieten. Das wird auch überprüft. Manche sind mittlerweile besonders rührig, sagt Bastian Schlögl: “Das fängt an bei einem Artikel, weil man eine Maschine verkaufen will, die ungenutzt ist und nicht mehr gebraucht wird und geht bis zu unserem momentanen Spitzenreiter, der um die 380 Anzeigen eingestellt hat. Übrigens gleichzeitig der Sieger von unserem Nachhaltigkeitswettbewerb, den wir durchgeführt haben.“ Im Schnitt haben Handwerker, die auf der Plattform Angebote machen, im Schnitt etwa 20 bis 25 Artikel zu verkaufen.

Materialrest24 - kaufen kann jeder, verkaufen nur Handwerker

Kaufen können aber auch Hobby-Handwerker ohne Gewerbeschein oder Häuslebauer, die gerade den einen oder anderen Baustoff brauchen, sagt Gründer Simon Schlögl: „Natürlich kann man über die Postleitzahlensuche eingeben, ob es das Material generell gibt. Heutzutage ist mit Versand alles auch schnell verschickt. Wenn eine Privatperson die Anzeige findet, kann sie mit uns in Verbindung treten und wir fragen dann den Handwerker, ob wir den Kontakt herstellen dürfen. So erfolgt die Vernetzung.“ Wie auch bei einigen anderen privaten Verkaufsplattformen, kann auch bei „materialrest24.de“ noch gehandelt werden. Ob Preisvorschläge möglich sind, steht immer unter dem angebotenen Artikel.

Statt Verkaufsprovision – jährliche Gebühr

Was das bayerische StartUp von anderen Anbietern unterscheidet: Es fällt keine Provision pro verkauftem Artikel an. „Nein, wir haben uns bewusst dafür entschieden, auf die Provision zu verzichten und eben einen machbaren Jahresbeitrag zu verlangen.“ 99 Euro kostet das die Handwerksbetriebe auf „materialrest24.de“ jährlich. Derzeit aber, sagt der 39-jährige Betriebswirt Bastian Schlögl, kostet es gar nichts: „Im Moment, haben wir eine Aktion. In Zeiten von Corona. Man kann sich anmelden, das erste Jahr ist kostenfrei, wenn man innerhalb von vier Wochen fünf Anzeigen erstellt.“

Je mehr mitmachen, desto besser

Je mehr Handwerker mit Gewerbebetrieb mitmachen, um so reichhaltiger wird das Angebot und umso nachhaltiger wirkt auch „materialrest24.de“. Es gibt in Deutschland rund eine halbe Million Handwerksbetriebe, die ihre vollen Lager über die Plattform leeren könnten, mit ungenutztem Materialien. Konrad Janker, Fliesenleger aus Regensburg sieht das Potential: „Ich finde das klasse. Wenn man etwas übrig hat, kann man es wegschmeißen. Das braucht kein Mensch. Und bis man da jemanden findet, der es da wirklich braucht. Es ist viel zu mühsam. Aber wenn es so eine Möglichkeit gibt, könnte ich mir das gut vorstellen.“

Gründer Simon Schlögel denkt schon weiter und träumt von einer intelligenten Vernetzung, die es den Handwerkern erlaubt, Material, das sie im großen Stil über den Baustoffhandel bestellen, sofort digital zu speichern. Alles was übrig bleibt, wandert dann direkt in den Verkauf über „materialrest24.de“ „Es ist so, dass sich das System bestätigt hat und dass eben die Materialien auch verkauft werden und die Handwerker untereinander handeln. Aber das Ganze hat noch ein Riesenpotenzial. Unser Aufruf ist eben, dass möglichst viele Handwerker mitmachen und ihre ungenutzten Materialien einstellen.“ Die Möglichkeiten der Plattform und die nachhaltige Idee dahinter, ist bereits mehrfach ausgezeichnet worden.


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