Serie // "How To Sell Drugs Online (Fast)" Wenn ein Schüler zu Walter White wird

Ein Schüler vertickt im Darknet massenweise Drogen und fliegt auf. Diese abgefahrene Story ist 2015 in Sachsen wirklich passiert. Die Macher vom "Neo Magazin Royale" haben daraus jetzt eine neue Serie für Netflix gestrickt.

Von: Vanessa Schneider

Stand: 29.05.2019 | Archiv

Moritz (Maximilian Mundt) geht durch den Schulflur in einer Szene aus der deutschen Netflix-Serie "How To Sell Drugs Online (Fast)" | Bild: Netflix/Bernd Spauke

Diese Serie gehört auf eure Watchlist, wenn ihr... die super-realistische Erzählung der deutschen Teen-Serie DRUCK feiert, jeden Donnerstagabend mit Jan Böhmermanns Neo Magazin Royal verbringt und euch über die quatschige Mockumentary "American Vandal" totgelacht habt.

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Wäre Walter White ein Teenager in einer deutschen Kleinstadt, seine "Breaking Bad"-Geschichte ginge wahrscheinlich so:

Moritz Zimmermann ist 17 Jahre alt, eher awkward und träumt davon, wie seine Helden Steve Jobs und Elon Musk mit der richtigen Idee im Netz richtig viel Geld zu verdienen. Die ersten Online-Startups hat er mit seinem besten Freund Lenny schon gegründet und das USA-Studium mit seiner Freundin Lisa jahrelang durchgeplant. Alles läuft wie geschmiert – bis Lisa ihn für den Stufenschönling Dan sitzenlässt.

Weil Dan sein selbstverdientes Geld mit Partydrogen-Dealerei macht und Moritz seiner Ex-Freundin imponieren will, besorgt er sich den gesamten Vorrat vom lokalen Drogenversorger. Ein paar unüberlegte Entscheidungen später ist Moritz auf dem besten Weg zum Walter White des Internets zu werden, Firmensitz Kinderzimmer. Nicht weil er unheilbar krank ist, sondern aus Liebeskummer.

Vom Streber zum internationalen Drogendealer

Moritz und sein Buddy Lenny sind zwar völlig verpeilt, aber trotzdem schlau genug, keinen Verdacht auf sich zu ziehen – für die beiden sind die Drogen halt irgendwas, womit man Geld verdienen kann. Auch Moritz' Vater, ein alleinerziehender Polizist, ahnt nicht, was da in seinen eigenen vier Wänden los ist. Wie auch, sein Sohn ist ein schüchterner Streber und Lenny ein Junge im Rollstuhl, der kann ja gar nichts Kriminelles aushecken. Diese perfekte Tarnung hilft den beiden Weirdos zwar, ihre Geschäfte vor den Erwachsenen zu verbergen, aber Lenny und Moritz sind immer noch Teenager und die haben manchmal einfach echt dumme Ideen.

Hinter "How To Sell Drugs Online (Fast)" steckt die Kölner Produktionsfirma BildUndTonfabrik (btf), die auch das Neo Magazin Royale mit Jan Böhmermann produziert. Die Serie trägt die Handschrift ihrer Showrunner Philipp Käßbohrer und Matthias Murmann. Wer das Neo Magazin schaut, wird das sofort erkennen: am schnellen Schnitt, der aufwändigen Produktion, dem unberechenbaren Humor und der ungewöhnlichen Umsetzung. Das sehr junge Team von btf versteht, wie ihr Publikum tickt und – ganz wichtig – online lebt und kommuniziert, sagt Matthias Murmann: "Wir hatten einen hohen Authentizitätsanspruch, weil wir es hassen, wenn in einer Serie auf einmal sowas vorkommt, wo man denkt: Oh Gott Leute, warum macht ihr das nicht cooler?”.

Total überladen, genau wie das Internet

Wie im echten Leben sind die Protagonisten permanent online. Das zeigt sich auch auf dem Serienbildschirm, wo sich Chatverläufe, Google-Suchen, Youtube-Videos und authentische Codezeilen überlagern und das Auffassungsvermögen des Publikums auf die Probe stellen. Die Metaebenen und Referenzen springen uns quasi ins Gesicht, weil das Internet eben so funktioniert und wir es gewohnt sind, überall Anspielungen zu suchen.

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How to Sell Drugs Online (Fast) | Trailer | Netflix | Bild: Netflix Deutschland, Österreich und Schweiz (via YouTube)

How to Sell Drugs Online (Fast) | Trailer | Netflix

Die Serie basiert lose auf einem wahren Fall, der sich vor ein paar Jahren in einem sächsischen Kinderzimmer zutrug. Darum erzählt Moritz seine Geschichte auch wie eine von Netflix‘ vielen True-Crime-Dokus aus seiner eigenen Perspektive. Wenn man der letzten Folge glauben kann, ist Moritz nicht unbedingt der zuverlässigste Erzähler, aber er hält alle Fäden in der Hand. Immer wieder wechselt er in die Zuschaueransprache, um Details und Fakten zu erklären – oder lässt andere Figuren aus der Serie das übernehmen. In einem irren Gastauftritt führt zum Beispiel Star-Trek-Darsteller Jonathan Frakes in die Tiefen des Darknets ein, wie in einer Sonderfolge seiner kultigen Trash-Serie "X-Faktor". Die Idee, das für das Verständnis der Serie notwendige Wissen über kleine Erklär-Bits zu vermitteln, stamme ebenfalls aus der Arbeit an Projekten, wie dem Neo Magazin Royal, so Murmann: "Es macht Spaß innerhalb von 30 Sekunden, wie in einem Werbespot, einen komplexen Zusammenhang runterzubrechen."

Trotzdem ist "How To Sell Drugs" mehr als eine Aneinanderreihung von übriggebliebenen Sketchen. Man muss den fragmentierten Erzählstil schon mögen, die überspitzte Darstellung und natürlich Teenserien an sich – aber darunter offenbart sich eine kenntnisreiche und oft kritische Story über die sagenumwobene Generation Z, die ganz genau weiß, dass das Gesetz vor Erfolg oft Halt macht. Wie die Geschichte für Moritz ausgeht, verrät die erste Staffel nicht. Sie endet nach sechs halbstündigen Folgen so plötzlich und unmotiviert, dass ich nochmal zurückspulen musste, um zu sehen, ob es nicht doch weitergeht.
Ein Happy End für Moritz ist jedenfalls unwahrscheinlich. Der echte Kinderzimmer-Dealer landete für sieben Jahre im Gefängnis.

"How To Sell Drugs Online (Fast)" ist ab dem 31.05. komplett bei Netflix abrufbar.

Ein ausführliches Interview mit dem Showrunner Matthias Murmann hört ihr im PULS Serienpodcast "Skip Intro":

Von Böhmermanns Neo Magazin Royale zur deutschen Netflix Serie: Wir sprechen mit der Kölner Produktionsfirma btf darüber, wie die Serie "How To Sell Drugs Online (Fast)” entstanden ist und was Jonathan Frakes damit zu tun hat. Abonniert Skip Intro hier!

Sendung: Hochfahren vom 29.5.2019 – ab 7 Uhr.