Serie "Beforeigners" Eine Science-Fiction-Serie erzählt von Migration

Es gab viel Applaus von Serien-Fans, als "Beforeigners" startete: Menschen aus der Vergangenheit tauchen im heutigen Oslo auf - und die Gesellschaft muss damit umgehen. Führt die neue zweite Staffel die Idee sinnvoll weiter?

Von: Katja Engelhardt

Stand: 06.03.2022

Szene aus "Beforeigners – Mörderische Zeiten" | Bild: BR / ARD Degeto

Manchmal hilft es, Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten. In der Science-Fiction Serie "Beforeigners" tauchen vor der norwegischen Küste Menschen auf, die dort eigentlich nicht hingehören. Nicht, weil sie von "wo anders" herkommen, sondern von "wann anders". Es sind Zeitmigranten: Menschen aus der Vergangenheit, die auch in Norwegen lebten, aber während des 18. Jahrhunderts oder der Steinzeit. In der ersten Staffel dieser Serie, in der diese Migration wie aus dem Nichts begonnen hatte, musste die Gesellschaft einen Umgang mit den Zeitflüchtlingen finden. Einige Neuankömmlinge wurden integriert, fingen sogar bei der Polizei an, wie die Wikingerin Alfhildr Enginnsdottir (Krista Kosonen). Seit der ersten Staffel ermittelt sie gemeinsam mit ihrem Kollegen Lars Haaland (Nicolai Cleve Broch). 

Jack the Ripper schlägt in Norwegen zu 

In der zweiten Staffel jongliert "Beforeigners" weiterhin gekonnt mit den wahrscheinlich beliebtesten Film- und Seriengenres: Krimi und Historie. Der Fall, der den Bogen über diese Staffel spannt, wurde in der Popkultur schon sehr oft verwurstet: Es geht um die "Whitechapel-Morde". Enginnsdottir und Haaland suchen - nachdem in der Osloer Gegenwart einige sehr ungewöhnliche Morde verübt worden sind - niemand Geringeren als Jack the Ripper. Dass wir heute überhaupt noch von dieser Mordserie wissen, zeugt davon wie bestimmend Großbritannien seinerzeit war und ist. 

Die große Stärke der Serie "Beforeigners": Sie ist klar genug erzählt für einen TV-Abend mit Pizza (oder für die zeitreisenden Wikinger unter uns: mit geräuchertem Wal) und verweist dabei auch immer wieder auf weitere Bedeutungsebenen. Etwa der Handlungsstrang von Olav Haraldsson, einem Zeitmigranten und Influencer, der behauptet der Wikingerkönig Olav Haraldsson zu sein. Aber was heißt das schon im temporalen Durcheinander, da könnte ja jeder kommen. Außerdem besagen die Geschichtsbücher (und Wikipedia), dass er in der Schlacht von Stiklestad gefallen ist. Als er seine Identität genetisch nachweisen kann, stellt sich die Frage: Was passiert in der Gegenwart mit Mächten und Machtstrukturen aus vorherigen Jahrhunderten? Einige der Figuren denken sehnsüchtig an ihr Vorleben zurück. Andere sind froh, sich aus ihrem alten Kontext lösen zu können, sind nicht mehr Opfer der Zeit und der Umstände, in die sie hineingeboren worden sind.

Orte prägen uns - Zeiten auch

Diese zweite Staffel "Beforeigners"  zeigt nicht nur gelungenes Zusammenleben - und doch wird hier nach wie vor beschwingt erzählt. Wikingerin Alfhildr Enginnsdottir ist immer wieder beides: ein Bespiel für eine "gelungene Integration" und auch für eine Zeiten-Fremde, die im Gegensatz zu allen anderen nicht sofort weiß, wer Jack the Ripper ist und auch von der Klitoris noch nie gehört hat. Sie versucht sich im Spagat zwischen mehreren Identitäten.

Einige gegenwärtige Herausforderungen werden in der Serie benannt, wenn auch über einen Umweg: Temporale Neuankömmlinge, deren Herkunftsland nicht klar ist, leben jahrelang in einer Transitzone, bei dem auch das Schengen-Abkommen eine Rolle spielt und eine jüdische Figur erleidet einen Zusammenbruch, als sie vom Holocaust erfährt. Vermeintlich altes Leid, Vergangenes wird nicht automatisch weniger schmerzhaft, nur weil seitdem viel Wasser den Fluss hinuntergeflossen ist. So nimmt die Serie unsere Versessenheit auf eine gegenwärtige Perspektive auf die Schippe und zeigt uns: Alles nur eine Frage der Perspektive. Also sollten wir über die öfter nachdenken. Egal ob bei Pizza oder Walfleisch, aber immer mit einem Blick darauf, dass der Fremde nur in der Fremde fremd ist.

Die erste und zweite Staffel sind in der ARD Mediathek abrufbar.