Serien auf der Berlinale Mehr Frauen, mehr Alltag, mehr Europa

Die Berlinale war 2015 das erste der großen, internationalen Filmfestivals mit einem eigenen Serienprogramm. Hier feiern jedes Jahr internationale Serien ihre Weltpremiere – und neue Produktionen werden internationalen Sendern und Streamern vorgestellt. Ein Blick darauf, was uns 2022 auf den Serienbildschirmen erwartet. Inklusive neuer, erfreulicher Entwicklungen.

Von: Vanessa Schneider

Stand: 16.02.2022 16:48 Uhr | Archiv

Sofie Gråbøl als Hebamme Ella in der dänischen Krankenhausserie "The Shift" aus dem offiziellen Berlinale Series Programm 2022. | Bild: © Henrik Ohsten

Die Pandemie ist keine Zeit für Experimente. Schon gar nicht auf den Serienbildschirmen. Das spiegelt auch die Berlinale Series wider: Die beim Publikum geschätzen Genres Krimi, Mystery und Thriller sind im Programm ebenso vertreten wie eine halbstündige Comedy und sogar eine Krankenhausserie. Die Wahl ist ungewöhnlich für ein internationales Filmfestival: Statt kreativer Spielereien greifen die Serienschöpferinnen und -Schöpfer zu altbewährten Genres und Erzählmustern – um die Erwartungen des Publikums dann zu brechen.

Weibliche Protagonisten werden Normalität

Die Krankenhausserie "The Shift" aus Dänemark etwa, "erzählt durch die Episoden horizontale Geschichten, anstelle dass sie sich pro Folge immer einen Fall raussucht. Da wird auch von uns eine andere Einlassung gefordert, dieser Geschichte zu folgen und dafür bekommen wir sehr tiefe, präzise Einblicke in diese Welt", sagt Julia Fidel. Sie leitet die Berlinale Series und hat mit ihrem Team das Serien-Programm kuratiert. Fast alle der sieben gezeigten Serien haben weibliche Protagonisten und geben Einblicke in Lebensrealitäten, die meist nur in klassischen Soaps sichtbar sind: Das Leben als berufstätige Mutter, Altenpflegerin oder auch als Hebamme, wie in "The Shift". Denn die begleitet die größtenteils weibliche Belegschaft einer Geburtstation, die sich zwischen wirtschaftlichen Zwängen und persönlichen Idealen aufreibt – und trotz allem nicht den Humor verliert. Die Oscar-nominierte Regisseurin Lone Scherfig ("An Education") inszeniert die Geburten abgeklärt und ungeschönt. Sie thematisiert Fragen um Mutterschaft und Weiblichkeit, die sonst in Dramaserien selten Platz finden.

Das tut auch die tschechische Arte-Serie "Suspicion", in der eine Krankenpflegerin verdächtigt wird, einen Patienten umgebracht zu haben – weil sie, anders als ihre Kolleginnen weder einfühlsam, noch mitfühlend ist. Die Frauen in diesen Berlinale-Serien sind ganz selbstverständlich vielschichtig und lebensecht – anders als in vorherigen Jahren, sagt Julia Fidel: "Ganz oft waren diese Frauenfiguren dann nur stark, oder nur gebrochen und wir haben hier wirklich durch das Programm hindurch sehr besondere und in allen Lebensfacetten gezeichnete Frauenfiguren."

Komplexe Frauenfiguren wie selten zuvor

Eine dieser Facetten ist weibliches Begehren. Die schwedische Dramedy "Lust" von HBO Max lässt vier Frauen ihre Sexualität erkunden – das Besondere daran: Sie sind alle jenseits der 40. Ein Alter, in dem Schauspielerinnen immer weniger ansprechende Rollen finden (wie diese neue MaLisa Studie belegt). Die Idee zu "Lust" stammt von den Darstellerinnen der Serie selbst, sie vermissten Serienstoffe, die ihre eigenen Erfahrungen abbilden – mit all den sinnlichen, komischen und unangenehmen Momenten. Und dazu gehört auch: Sex mit Terminplan, die Schamhaare pubertierender Söhne oder versehentliche Übergriffe im Ehebett. Die Serie lotet humorvoll und sehr pointiert das Sexleben der Schweden aus und wählt dafür Szenen, die wie aus dem Leben gegriffen wirken. Viele davon basieren auf Erfahrungen der Schauspielerinnen (darunter Sofia Helin aus "Die Brücke"), die auch am Drehbuch mitgewirkt haben.

Für Julia Fidel spiegelt sich darin ein größerer, gesellschaftlicher Trend zu mehr Teilhabe – aber auch Sichtbarkeit von Frauen: "Der Mut zu dieser Selbstermächtigung, seine eigene Geschichte zu erzählen und auch zu verstehen, dass es einen Platz und Interesse daran gibt, und dass diese Geschichten sehr wohl erzählt gehören – das ist eine Reaktion darauf, was wir gesellschaftlich als Diskurs hatten."

Schritt für Schritt zu besserer Repräsentation

Ein weiterer Diskurs, der die internationale Serienbranche auch bei der Berlinale beschäftigt, ist der um Vielfalt und Inklusion vor und hinter der Kamera. Auf einem virtuellen Panel der Series Market Conference erklärt Amazon das firmeneigene und auch in Deutschland viel diskutierte Diversity Handbuch, bleibt bei der Anwendung der dort beschriebenen Richtlinien zur Förderung von Repräsentation in allen Produktionsabläufen aber schwammig – an einer dem deutschen Markt angepassten Version werde gearbeitet, Ausbildungsprogramme für Nachwuchs in allen Bereichen überdacht.

Noch tun sich europäische Produktionen – auch im Programm der Berlinale Series – schwer damit, die gesellschafliche Vielfalt ihrer Heimatländer selbstverständlich abzubilden. Viel von der bisher gezeigten Vielfalt wirke noch sehr "quotig", so Julia Fidel, aber das sei ein Zwischenschritt, der dazu führe, dass Autoren besser überlegen, wie sie bestimmte Rollen schreiben. In der stimmungsvollen isländischen Krimiserie "Black Sands" von Baldvin Z ("Trapped") beispielsweise aus dem offiziellen Berlinale Programm ermittelt eine Schwarze Polizistin, deren Familiengeschichte und rassistische Alltagserfahrungen in den zwei gezeigten Folgen vage angedeutet wird. Sie ist die einzige Person of Color in ihrer Gemeinschaft – was das für sie bedeutet, erfahren wir allerdings nicht.

Sieben Serien aus sieben Ländern

200 Serien hat das Team von Fidel gesichtet – die sieben Serien aus dem Programm stammen aus Argentinien ("Yosi, The Regretful Spy"), Schweden ("Lust"), Dänemark ("The Shift"), Island ("Black Sands"), Tschechien ("Suspicion"), Kanada ("Le Temps de Framboises") und Großbritannien ("The Rising") – nur eine englischsprachige Produktion also. Eine weitere Entwicklung, die durch die Pandemie-bedingten Produktionsstopps in den USA beschleunigt wurde, und sich auch auf dem Serienmarkt der Berlinale abzeichnet: Das Interesse an fremdsprachigen Serien bei den Streamingdiensten und Sendern wächst – und das Angebot ist so international wie nie.

Die nordischen Serienproduzenten setzen weiterhin auf Krimis und Coming of Age, flechten aber aktuelle Bezüge zur Klimakrise und den Umwelt-Aktivismus der Generation Z in die Handlung (z.B. "Trom" von den Faröer Inseln und "Saving the Fucking Planet" über die indigenen Sámi in Norwegen) ein. Aus Russland und Südost-Europa wird eine ganze Welle an Serien auf dem internationalen Markt angeboten, die sich mit der lokalen Geschichte ("The Family" über die Tage vor der Festnahme von Slobodan Milošević), Mythologie ("Black Wedding") oder Generationen- und Geschlechterkonflikte ("Catfish") auseinandersetzen.

High-End-Serien durch große Koproduktionen

Auch die deutschen öffentlich-rechtlichen Sender wollen hier mitmischen. Auf dem Series Market der Berlinale haben WDR, SWR und NDR die neue "Fab Fiction"-Initiative vorgestellt, mit der sie künftig über die deutschen Grenzen hinaus große Serienprojekte koproduzieren wollen – um die jüngeren Zuschauer mit seriellen Erzählungen zu erreichen, die sie bisher nur im Angebot der Streamingdienste finden.

Die Konkurrenz um die Fernsehzeit ist groß – vier deutsche Produktionen, die im Herbst starten, wurden dem Fachpublikum auf der Berlinale Series vorgestellt: Sky zeigte erste Szenen aus der deutsch-israelischen Thriller-Serie "Munich Match" von Philipp Kadelbach ("Wir Kinder vom Bahnhof Zoo") und Michal Aviram ("Fauda") über ein Freundschaftsspiel der israelischen und deutschen Fußballnationalmannschaft am 50. Jahrestag des Olympia Attentats von 1972. Die Netflix-Serie "Kleo" von den "4 Blocks"-Schöpfern verspricht grelle Comic-Action im Berlin Anfang der 90er Jahre: Jella Haase spielt darin eine DDR-Auftragskillerin, die nach der Wende Rache auf ihre ehemaligen Auftraggeber schwört. WarnerTV Comedy hat mit Detlev Buck und Kida Ramadan eine selbstironische Allstar-Comedy-Serie über die deutsche Filmwelt produziert. In "Greenlight – German Genius" geben u.a. Maria Furtwängler, Tom Schilling und Volker Schlöndorff eine überzeichnete Version von sich selbst. Und RBB, SWR, NDR und WDR stemmen gemeinsam die erste koproduzierte High-End-Doku-Serie "Reeperbahn: Special Unit 65" (Gebrüder Beetz) über das Rotlicht-Millieu Hamburgs in den 80er Jahren zwischen organisiertem Verbrechen und Undercover-Agentinnen. Das Ende des Serienbooms ist – zumindest in Europa – noch lange nicht in Sicht.

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