Die Serie "Inventing Anna" bei Netflix Hochstapelei wie ein Start-Up betreiben!

Die neue Serie von Serien-Hit-Produzentin Shonda Rhimes ("Grey's Anatomy", "Bridgerton") fiktionalisiert die wahre Geschichte der falschen deutschen Erbin Anna Sorokin. Unter dem Namen Anna Delvey hatte sie 2017 die New Yorker Elite um hunderttausende Dollar betrogen. Der perfekte Serienstoff?

Von: Vanessa Schneider

Stand: 10.02.2022 11:17 Uhr | Archiv

In bester Gesellschaft: Julia Garner als Anna Delvey in einer Szene aus der Serie "Inventing Anna" von Netflix. | Bild: Cr. David Giesbrecht/Netflix © 2021

Der Vorspann von "Inventing Anna" macht klar: "Diese Geschichte ist absolut wahr, bis auf die Teile, die frei erfunden sind". Sie steht also ganz im Geiste der reichen deutschen Erbin Anna Delvey, an der – wie sich im Laufe der neun Folgen herausstellen wird – auch nicht viel mehr echt ist als ihr Vorname.

Als wir Anna (Julia Garner, bekannt aus "Ozark") begegnen, sitzt diese bereits seit einigen Monaten in Untersuchungshaft auf der Gefängnisinsel Rikers Island. Es ist Mai 2018 und ihre unglaubliche Story geht um die ganze Welt. Ausgelöst hat den Rummel ein Porträt im New York Magazine, das die Serie "Inventing Anna" inspiriert und viele Details geliefert hat. Die Autorin Jessica Pressler ist Produzentin der Serie und tritt darin als ein stark fiktionalisiertes Alter Egoauf, deren Recherche die Rahmenhandlung von "Inventing Anna" bildet.

Täuschend echt: Der Artikel aus dem fiktiven Manhattan Magazin sieht der der realen Vorlage zum Verwechseln ähnlich.

Leider ist diese die große Schwäche der ansonsten gewohnt unterhaltsamen, aufwändig ausgestatteten und dicht erzählten Arbeit von Serienschöpferin und Autorin Shonda Rhimes: Natürlich steht für die fiktive Journalistin Vivian Kent (unter Strom: Anna Chlumsky) genauso viel auf dem Spiel wie für ihren Recherche-Gegenstand Anna Delvey, zu der Vivian –natürlich– eine viel zu enge Beziehung aufbaut. Hochschwanger will die Journalistin noch vor dem bald nahenden Geburtstermin die Story ihres Lebens abliefern und herausfinden, wer die Hochstaplerin wirklich ist – gelingt ihr das nicht, ist ihre angeknackste Karriere endgültig ruiniert. Ihre Recherche beginnt auf Instagram, wo Anna sich als Teil einer exklusiven Gesellschaft inszeniert und sich so Zutritt zu den oberen Zehntausend verschafft. Hier macht die Reporterin schnell Weggefährten, Bekannte und Freunde ausfindig.

Dreist und unerschrocken

Als Anna 2013 in New York auftaucht, hat sie ihren eigentlichen Nachnamen Sorokin bereits gegen Delvey getauscht. Sie hat große Träume – aber ist pleite. Und sie weiß: Wer hat, dem wird gegeben. Also schleicht sie sich geschickt in höhere Kreise ein und gibt sich als Millionenerbin aus Deutschland aus. Das bietet ihr gleich mehrere Ausreden, wenn sie mal wieder nicht für teure Hotelzimmer, Reisen oder Restaurantbesuche zahlen kann: auf ihren Treuhandfonds von über 60 Millionen Dollar könne sie noch nicht zugreifen, ihr Vater drehe ihr bei jeder Kleinigkeit den Geldhahn zu und internationale Überweisungen – die seien einfach unberechenbar. Nur allzu bereit und freigiebig springen selbst flüchtige Bekannte mit ihren Kreditkarten ein.

Allein unter Männern: Anna Delvey pitcht potenziellen Investoren die Idee für ihren Privatklub.

Anna Delvey ist dreist und unerschrocken. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, ist oft selbst zu Freunden grundlos gemein. Doch ihre Impulsivität wird ihr von der High Society, Bankern und Kunstliebhabern als Marotte einer reichen, verwöhnten Prinzessin schnell verziehen, ja sogar von ihr erwartet. Für Anna sind die Begegnungen ohnehin nur Mittel zum Zweck: Sie will einen Privatklub für Kunst-Aficionados eröffnen – wie das Soho-House, nur noch exklusiver, noch teurer und noch spektakulärer: mit teuren Restaurants, intimen Lunch-Lounges, Ausstellungen, Privatshopping. Alles, was sie dafür braucht, sind 40 Millionen Dollar und namhafte Unterstützer.

"Fake it till you make it" – oder Täuschung?

Hinter Gittern: Journalistin Vivian Kent (Anna Chlumsky) besucht Anna Sorokin (Julia Garner) auf Rikers Island.

Es ist kein Zufall, dass Anna Delvey mit einem Start-Up-Gründer ausgeht und in den gleichen Kreisen verkehrt, wie die Gründer des legendär gescheiterten Fyre Festivals. Die Serie fragt: Wo hört die "Fake it till you make it"-Attitüde der männlich geprägten Start-Up-Kultur auf und wo beginnt die Täuschung? Warum ist Anna Delveys Schwindlerei kriminell, aber nicht die fantastischen Businesspläne von Start-Up-Bros, die dieselben Investoren und Banken mit leeren Versprechen um ihr Geld bringen? Eine Antwort bietet "Inventing Anna" nicht. Dass Anna Delvey mit dem später wegen Betrugs verurteilten, skrupellosen Pharma-Unternehmer Martin Shkreli auf einer Party Champagner trank, ist eine interessante Randnotiz, die die Serie genüsslich aufgreift. Obwohl sie immer wieder betont, wie schwer es weibliche Gründer haben, erwähnt die Serie folgendes nicht: Shkrelis fast acht Millionen Dollar großer Betrugsschaden wurde mit sieben Jahren Haft bestraft. Anna Sorokin hatte für die gestohlenen 275.000 Dollar eine Gefängnisstrafe von mindestens vier Jahren bis zu 12 Jahren erhalten (Sie kam allerdings schon nach 20 Monaten auf freien Fuß).

Eine klassische "Shondaland"-Produktion

Serienschöpferin Shonda Rhimes hat mit der Krankenhausserie "Grey's Anatomy" 2005 einen bis heute erfolgreichen globalen Serienhit geschaffen und den ersten Baustein ihres einflussreichen Fernsehimperiums ("Shondaland") gelegt. Dank eines Deals mit Netflix ist sie die bestbezahlte Showrunnerin in Hollywood – die erste Shondaland-Produktion für Netflix, die History-Soap "Bridgerton", war zeitweise die meistgestreamte Serie der Plattform. "Inventing Anna" ist jetzt die erste Serie, die Shonda Rhimes selbst für einen Streamingdienst geschrieben hat – und die erste Serie aus ihrer Feder seit ihrer Anwaltsserie "Scandal" (2012). Ihre Serien stehen für komplexe, oft sperrige weibliche Charaktere mit großem Identifikationspotenzial, zwischenmenschliches und berufliches Drama, unerwartete Wendungen sowie sorgfältig eingesetzte Kostüme – in all diesen Punkten ist auch "Inventing Anna" eine sichere Bank.

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Inventing Anna | Offizieller Trailer | Netflix | Bild: Netflix Deutschland, Österreich und Schweiz (via YouTube)

Inventing Anna | Offizieller Trailer | Netflix

Anna ist ein schwer fassbarer Charakter, den sich selbst Shonda Rhimes nicht ausdenken könnte. Wie das virale New-York-Magazin-Porträt über die Hochstaplerin kratzt auch Rhimes nur an der Oberfläche des Phänomens Anna Sorokin, obwohl sie sie von allen erdenklichen Seiten beleuchtet. Es ist verlockend sie in eine Schublade zu stecken, zu psychologisieren – Rhimes verzichtet darauf. Und so bleibt Anna Sorokin auch im Rampenlicht noch so rätselhaft und faszinierend, dass man der Serie die einfallslose und konstruierte Rahmenhandlung um die Journalistin Vivian Kent schnell verzeiht.

Ob die Gefängnisstrafe das Ende von Anna Sorokins Story ist? Sicher nicht. Nachdem sie 2021 vorzeitig aus der Haft kam, postete sie direkt neue Updates auf Instagram. Kurze Zeit später nahm die Einwanderungsbehörde Anna Sorokin allerdings wieder fest: Sie hatte ihr Visum überzogen.

"Inventing Anna" ist ab dem 11.02. bei Netflix abrufbar. Mit dabei sind auch Laverne Cox ("Orange is the New Black") und Anthony Edwards ("Emergency Room"). Die Serie basiert auf dem Artikel "How Anna Delvey tricked New York" von Jessica Pressler aus dem New York Magazin.

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