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Doku "Die Berge und ich" Wie ich den Grund für meine Bergliebe gesucht habe

Bergliebe ist oft nur ein diffuses Gefühl irgendwo zwischen Kaiserschmarrn und Fernsicht. PULS-Reporterin Kaddi Kestler hat mit anderen Bergsüchtigen nach dem Grund für ihre Bergleidenschaft gesucht und daraus eine Doku gemacht.

Von: Katharina Kestler

Stand: 09.05.2019 | Archiv

Die Berge und ich | Bild: BR

Freiheit. Fernsicht. Natur. Das sind vielleicht die häufigsten Antworten auf die Frage: Was magst du an den Bergen? Gleich danach kommt: Kaiserschmarrn, urige Holzhütten, rot karierte Vorhänge und Steinböcke – sofern sie sich zeigen. Das hübsche Bergklischee eben. Ich mag genau dieses Klischee, hab mir sogar ein Bergpanorama hinter mein Bett gepinselt, auf den Gipfel fährt eine Minigondel. Woher diese Liebe kommt und warum sie so groß ist, das wusste ich nie ganz genau. Und doch wollte ich wissen, was hinter dieser – ja fast schon – Sucht steckt. Also hab ich mich auf die Suche gemacht und mithilfe anderer Berg-Junkies eine Antwort gefunden.

Bergliebe – hält für immer

Ab und zu brauche ich Abstand zu meinem Highspeed-Leben in München, in dem ich mich oft etwas eingekastelt fühle. Sehne mich nach Weitblick statt Häuserschluchten. Brauche was felsenfestes, verlässliches. Nicht nur digitalen Konsum, sondern echte Erlebnisse. Die besten habe ich beim Sport in den Bergen: Mir geht es gut, wenn ich wurzeligen Waldboden unter den Mountainbikereifen habe, staubenden Pulverschnee unterm Ski, mir die Höhensonne auf die Nase brennt und das Adrenalin einschießt. Die Berge sind für mich ein Spielplatz, wenn ich sie anschaue, sehe ich unendliche viele Möglichkeiten mich auszutoben. "Das kannst du nicht abstellen, das kommt ganz natürlich aus einem raus,"  sagt Fotograf Christoph Jorda, mit dem ich in der Doku in Oberstdorf Freeriden war und dem es ganz genauso geht. Aber für ihn sind die Berge noch viel mehr als ein Sportplatz oder ein Fitnessstudio und lieben gelernt hat er sie genau wie ich durch Gene und Erziehung. 

Vererbte Bergliebe

Jeden Urlaub ging es bei uns früher in die Berge - auch wenn meine Schwester und ich nur zu gerne mal ans Meer gefahren wären, wie unsere Klassenkameraden. Irgendwann waren wir dann auch dort, aber mir war es viel zu schnell viel zu langweilig am viel zu flachen Strand. In den Bergen konnte ich zwar nicht faul rumliegen, musste mich anstrengen oder gar quälen, aber oben auf der Hütte hatte ich das gute Gefühl etwas geschafft zu haben. Durch die Zeit mit meinen Eltern in den Bergen habe ich gelernt, nicht so schnell aufzugeben. Die Berge haben mich Geduld gelehrt – vor allem mit mir selbst. Zum 60. Geburtstag unseres Vaters haben meine Schwester und ich das Musikvideo zu "Fenster zum Berg" von Blumentopf auf unser Leben angepasst produziert. Auch mein Vater "muss sein Geld nicht sparen, er hat mir längst was vererbt, wenn’s draußen schneit träum ich von ‘nem Fenster zum Berg". So wie mir geht es den meisten, Studien zeigen: Ist Bergliebe einmal entfacht, hält sie für immer – Bergmenschen bleiben den Bergen treu wie in einer guten Beziehung.

Wochenendbeziehung oder Ehe?

Den Traum vom Fenster zum Berg wollte ich sogar schon in die Realität umsetzen: als Pächterin einer Alpenvereinshütte. Endlich keine Wochenendbeziehung mehr mit dem Berg, sondern eine Ehe! Berge nicht nur in kleinen Dosen, sondern ein richtiger Perspektivwechsel, ein echtes Bekenntnis zum Berg. Doch dafür war ich dann doch zu feige. In der Doku habe ich deshalb einen Tag bei Moni und Lorenz auf der Trausnitzalm am Schinder verbracht, genau zwischen Tirol und Bayern. Sie haben einen Sommer lang den Traum des Lebens am Berg umgesetzt: auf einer kleinen Alm, mit nur einer Milchkuh, zwei Schweinen und ein paar Hühnern. Für sie war es ein Experiment, das Leben in der Natur und mit den Tieren auszuprobieren und sich dabei weitestgehend selbst zu versorgen. Die Zeit mit Moni und Lorenz war großartig: Die Zufriedenheit, die man nach einem Tag Arbeit auf der Alm am Abend beim Bier vor der Hütte verspürt, ist mit der nach einem Arbeitstag im Büro kaum zu vergleichen. Und doch würde dieses Leben für immer und jeden Tag weder Moni noch Lorenz noch mir genügen. Denn so groß ist die vielgepriesene Freiheit nicht mehr, wenn man sich dem Berg verpflichtet.

Die Berge als Insta-Phänomen

In den Fanclub "Berge" treten immer mehr ein – egal ob sie nahe der Alpen geboren sind oder aus dem Flachland kommen. Soziale Medien wie Instagram befeuern diesen Trend und zeigen die Berge als märchenhaft stilisierte Sehnsuchtsorte: inszeniert bis ins letzte Detail, retuschiert und mit Filtern zugekleistert. Viel schöner als die Realität, aber oft auch so beliebig wie Abziehbilder – ein winzig kleiner Mensch steht auf einem ausgesetzten Fels und blickt in die Ferne, wo die Sonne wahlweise auf- oder untergeht – Farbenfeuerwerk, Kitschexplosion. Trotzdem fixen mich diese Bilder an, erzeugen bei mir eine unglaubliche Sehnsucht nach den Bergen. Vorurteile gegen die Fotografen und Fotografinnen dieser Bilder hab ich trotzdem eine Menge: "Die gehen nur in die Berge zum Fotografieren und erleben nichts wirklich!" In meiner Doku hat der Instagramer Bavarian Explorer meine Vorurteile widerlegt: Ihm geht’s ums Wandern mit Freunden, das Foto ist nur die "Sahne auf dem Kuchen". Auch dem Druck ständig was Neues zu posten, kann sich Dominik, wie er in echt heißt, mittlerweile entziehen – trotz 14.000 Folllowern. Den Insta-Kram nicht so ernst nehmen, das lern ich von ihm. Mir fällt es manchmal schwer, das Handy im Rucksack zu lassen, denn meine Bergliebe ist auch Selbstliebe am Berg: Dort mag ich mich am liebsten, gefall ich mir selbst am Besten. Und Bilder von mir in der Rolle der ambitionierten Bergsportlerin in die Welt zu blasen, liefert mir ein Stück weit auch Selbstbestätigung. Die Berge als Ort mich selbst zu inszenieren – definitiv ein bisschen bekloppt, und auf jeden Fall nicht alles, was hinter meiner Bergliebe steckt.

1.000 Gründe für die Berge

Was ich gelernt habe auf der Alm, beim Mountainbiken, beim Trailrunning, beim Insta-Fotografieren, beim Wandern mit meinen Eltern und beim Freeriden: Jeder liebt die Berge ein bisschen anders. Und für jeden können sie in unterschiedlichen Momenten ganz gegensätzliche Dinge sein: eine Schule, die mich was über das Leben lehrt oder ein Wellnesstempel, wo ich einfach nur abschalten kann. Ein Sportplatz, um mich auszupowern oder Meditationsraum, um runterzukommen. Ein Ort, wo ich mich selbst beweisen kann oder eine Kirche, in der ich an das Größere dahinter glaube. Die Liste könnte ich noch ewig fortsetzen... Es gibt keinen Grund für Bergliebe, es gibt unendlich viele.

Weniger Konsum, mehr Liebe

Unendlich viele Gründe, die Berge zu lieben oder wie ich sogar ein bisschen süchtig nach ihnen zu sein. Oft fühl ich mich getrieben, muss wieder hinauf, sonst werde ich nervös, bin auf Entzug. Doch die Menschen in meinem Film haben mir ein Gegenmittel für meine Sucht geliefert: ganz einfach und nebenbei mit ihrer unglaublichen Dankbarkeit für jeden einzelnen Moment in den Bergen. Ich habe mir vorgenommen, die Berge weniger zu konsumieren, sondern bewusster zu erleben. Mir mehr Zeit zum Zurückträumen zu lassen und auch mehr zum Vorausfreuen. Nicht Berg-Erlebnisse jagen, sondern sie länger auskosten. Denn dann hab ich am meisten von meiner Bergliebe.

Sendung: PULS vom 10.05.2019 - ab 15 Uhr