Von München in die Welt: Donna Summer bei einem Auftritt 1987.
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Von München in die Welt: Donna Summer bei einem Auftritt 1987.

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Disco-Demokratie und Lebensfreude: Buch über den Sound of Munich

New York, London, Munich – so klang in den Siebzigern und Achtzigern der popmusikalische Dreiklang. Munich Disco sendete futuristische Schwingungen um den Globus. Jetzt hat der Münchner DJ Jens Poenitsch ein Buch über diese Zeit geschrieben.

Über dieses Thema berichtet: Bayern 2 Die Welt am Morgen am .

Er sei damals gerade mal Anfang zwanzig gewesen, erzählt Jens Poenitsch, als er Freddie Mercury kennengelernt habe. "Und er hat mir gesagt", so Poenitsch, "weshalb er es in München so geil fand und weshalb er auch so gerne hier gefeiert, gearbeitet und später auch gelebt hat: dass er hier in Ruhe gelassen wird. Er hat gesagt, die Münchner sind eine ganz eigene Gattung. Die sind so eitel und so arrogant, die würden niemals zugeben, dass sie mich erkennen, sondern finden sich selbst viel, viel geiler."

Weltstars feiern und leben in München

Jens Poenitsch traf Freddie Mercury, Sänger der Band Queen, zum ersten Mal in den frühen Achtzigern. Und zwar in den legendären Musicland Studios im Arabella-Hochhaus im Münchner Norden. Nicht nur Queen haben damals in München gearbeitet – und gefeiert: Auf der illustren Liste finden sich auch die Rolling Stones, Deep Purple, Amanda Lear oder Elton John. Die Bands und Musiker versprachen sich mit dem Besuch in München eine Frischzellenkur für ihren Sound. Denn natürlich war es nicht nur die Arroganz der Münchner, die die Pop-Ikonen ins größte Dorf der Welt lockte:, sondern ein gewisser Giorgio Moroder (externer Link).

Denn Giorgio Moroder, aus Südtirol über Berlin nach München gekommen, hatte hier sein einzigartiges Aufnahmestudio eingerichtet und bastelte am Sound der Zukunft. Mit überwältigendem Erfolg: Bald schon landete er mit Donna Summer und anderen Künstlern weltweit auf Platz eins der Charts, auch in den USA. Von dort war Disco in die Welt geschickt worden, und München sendete seine eigenen Schwingungen zurück.

Lebensfreude statt Nihilismus

Bald waren es mehr Studios, mehr Produzenten, mehr Sängerinnen, Sänger und Bands. Der neue Sound elektrisierte die Stadt. Nicht grauer Nihilismus wie in Berlin, sondern grelle Lebensfreude war die Antwort der Münchner auf die Atomkriegs-Drohkulisse der Zeit. Das Café Größenwahn war einer der ersten Orte, an dem die neue Freiheit gelebt wurde. "Ab dem Größenwahn war plötzlich klar", erinnert sich Jens Poenitsch, "dass all diese scheinbar getrennten Welten zusammengehörten – davor gab es Schwulenclubs, Hetero-Clubs, reine Punk-Clubs, reine Black Music Clubs, reine Rockclubs – im Größenwahn war plötzlich über Nacht alles möglich. Es gab keinen echten Duktus, außer neu und geil und frisch und nicht von der Stange. Und dieser Aufbruchsgeist war da. Obwohl der Club klein war, haben ganz viele Leute sich da wohlgefühlt und auch gut vertragen. Das war schon neu, und cool."

Disco-Demokratie nennt Jens Poenitsch das in seinem Buch "Munich Sounds Better with You" (Der Titel ist eine Anspielung an den Stardust-Hit "Music Sounds Better With you"): Wenn Studenten und Arbeiter, Models und Bohèmians, Etablierte und Gestrandete sich auf der Tanzfläche in den Armen lagen. Er war selbst mittendrin, nahm als Sänger und Musiker in den Musicland Studios auf, tanzte im Café Größenwahn, im Sugar Shack oder im New York. Später legte er als DJ Platten auf, zu denen andere tanzten. Das war dann schon Mitte der Neunziger, zur Zeit der zweiten großen Musikexplosion in München, als Techno und House Energiewellen durch die Stadt schickten. Wieder mit dieser ganz eigenen Münchner Lebenslust.

"Erst jetzt in der Retrospektive", so Poenitsch, "können die Leute sagen: Das war ja wirklich eine geile Zeit. Und sie haben nicht immer diesen Schuldkomplex, das nihilistische, dürre, tolle Berlin ist der Maßstab, oder Detroit oder New York. Sondern eben auch München. Gerade weil es hedonistisch ist, weil es opulent ist, weil die Mädchen hier nicht aussahen wie von Egon Schiele gezeichnet, sondern eher opulent sind und Lebensfreude ausstrahlen. Das ist natürlich ein Klischee. Aber das stimmt."

Ein Schatz voller Geschichten

In drei Teile hat Jens Poenitsch sein Buch über den "Munich Sound" aufgeteilt: Der erste Teil besteht aus lexikonartigen Einträgen zu den Orten, den Menschen und den Musikacts, die den Sound der Stadt prägten. In Teil 2 kommen "Munich People" zu Wort, Szene-Menschen aus drei Jahrzehnten, vom DJ bis zum Türsteher. Teil 3 bilden persönliche Geschichten und Gedanken von Jens Poenitsch, ursprünglich festgehalten in Facebook-Posts.

Die große popmusikalische Analyse findet man nicht in "Munich Sounds Better with You" – eher eine Vielzahl von Einschätzungen und Meinungen. Insgesamt ist das Buch ein unglaublicher Schatz an Geschichten aus vier Jahrzehnten Exzess in einer zu Unrecht oft als schnarchig eingeschätzten Stadt. Denn die Energien von Munich Disco und Münchner House und Techno sind noch immer spürbar in den Clubs der Stadt. Und wer weiß: Vielleicht steht die nächste musikalische Revolution ja kurz bevor?

"Munich Sounds Better With You" von Jens Poenitsch ist am 01. Juli im Hirschkäfer Verlag erschienen, 208 Seiten, 19,90 Euro.

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