Die Kirche St. Michael im Ort Alxing zwischen den Masten einer Hochspannungsleitung vor der Alpenkette
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Die Kirche St. Michael im Ort Alxing zwischen den Masten einer Hochspannungsleitung vor der Alpenkette (Symbolbild)

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Energieexperten für lokale Strompreise – Staatsregierung dagegen

Deutschland in mehrere Strompreiszonen aufteilen – das fordern mehrere namhafte Energieökonomen. Die bayerische Staatsregierung ist weiterhin dagegen. Im Freistaat würde der Strompreis durch mehrere Preiszonen wahrscheinlich teurer.

Über dieses Thema berichtet: BR24 im Radio am .

Die Diskussion über eine mögliche Aufteilung Deutschlands in mehrere Strompreiszonen bekommt neue Nahrung. Eine Reihe namhafter Energieökonomen hat an diesem Mittwoch einen Aufruf zur Einführung lokaler Strompreise veröffentlicht. In Bayern würde Strom dadurch wahrscheinlich teurer.

Viel Windenergie aus dem Norden kommt nicht in den Süden

Wenn es lokale Strompreise gäbe, würde kein Strom mehr verkauft, der in Wirklichkeit wegen fehlender Leitungen gar nicht transportiert werden kann. In Deutschland ist das aktuell oft der Fall, wenn im Norden viel Windenergie verfügbar ist, die wegen nicht ausreichender Kapazitäten teils nicht im Süden ankommt. Die Folge sind Milliarden Euro teure Ausgleichsmaßnahmen durch die Stromnetzbetreiber.

Ein weiterer möglicher Effekt mehrerer Strompreiszonen: Neue Industrie könnte sich dort ansiedeln, wo das Stromangebot am besten und im Vergleich günstigsten ist, weil ihre Energiekosten dort geringer wären.

Aiwanger will weiter "deutschlandweit einheitliche Strompreiszone"

Letzteres fürchtet die bayerische Staatsregierung. Weil in Bayern so wenig Windräder stehen, würde der Strom hier teurer, und in Norddeutschland billiger – das wäre ein Standortnachteil für den Freistaat. Da drohe Bayern der wirtschaftliche Abstieg, warnte vor einem Jahr schon Ministerpräsident Markus Söder (CSU). "Wir fordern weiterhin die Beibehaltung einer deutschlandweit einheitlichen Strompreiszone", bekräftigt auf BR24-Nachfrage Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (FW). Ähnlich hat sich auch Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) mehrmals geäußert.

Zwölf namhafte Energieökonominnen und -ökonomen fordern jetzt trotzdem, dass eine Aufteilung der Strompreiszonen kommt. Den Text hat die Frankfurter Allgemeine Zeitung veröffentlicht. Unterzeichnet haben unter anderem die Nürnberger Wirtschaftsweise Veronika Grimm, die Energieexpertin am Münchner ifo-Institut Karen Pittel und Christoph Maurer, der an der Universität Erlangen-Nürnberg lehrt.

EU ist schon lange für mehrere Strompreiszonen

Die EU verfolgt den Grundsatz, dass die Marktgebiete beim Strom die physischen Gegebenheiten des Stromnetzes widerspiegeln sollten. Das heißt: Dort, wo es nur wenige Leitungen gibt, sollten Preiszonen voneinander abgetrennt werden. Um eben zu verhindern, dass zum Beispiel Windstrom aus Norddeutschland virtuell nach Bayern verkauft wird, obwohl er in Wirklichkeit gar nicht transportiert werden kann.

Denn in solchen Fällen müssen dann teure Kohle- oder Gaskraftwerke im Süden angeworfen werden, um die Energie trotzdem zu liefern. Und die daraus entstehenden sogenannten Redispatchkosten werden auf alle Stromverbraucher umgelegt.

Aufteilung in Preiszonen schon lange im Gespräch

Wegen den Leitungsengpässen zwischen Süd- und Norddeutschland kam die Trennung der Preiszonen bereits im vergangenen Jahrzehnt auf die Tagesordnung, befeuert durch die Verzögerungen beim Netzausbau. Die europäischen Übertragungsnetzbetreiber arbeiten seit Jahren an einer Empfehlung, wie künftige Strompreiszonen aussehen könnten. Die Veröffentlichung wurde immer wieder verschoben – und ist nach Angaben des Übertragungsbetreibers Tennet jetzt für Ende dieses Jahres geplant. Die politische Entscheidung über die Strompreiszonen soll danach innerhalb von sechs Monaten fallen, sieht laut Tennet der Zeitplan vor.

Bereits 2022 hat die EU-Agentur für die Zusammenarbeit der Energieregulierungsbehörden (ACER) vorgeschlagen, Deutschland in bis zu fünf verschiedene Strompreiszonen aufzuteilen – ähnlich wie das in Schweden oder Italien bereits der Fall ist.

Grafik: EU-Vorschläge für Strompreiszonen in Deutschland

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Die EU hat vorgeschlagen, Deutschland in bis zu fünf verschiedene Strompreiszonen aufzuteilen .

Mehrere DGB-Bezirke gegen verschiedene Preiszonen

Nach Ansicht zweier großer Bezirke des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) gefährdet eine Teilung des deutschen Strommarktes in verschiedene Preiszonen allerdings Wohlstand und Beschäftigung in Deutschland. Der Vorschlag von unterschiedlichen Strompreiszonen verunsichere Industrie- und Dienstleistungsunternehmen ebenso wie private Haushalte und Unternehmen aus dem Bereich der erneuerbaren Energien, teilten die Bezirke Bayern und Nord vor einigen Monaten mit. Dass durch eine Verteuerung des Strompreises im Süden mehr Industrie in den Norden wandere, sei eine Illusion.

Nicht nur die Energieexperten um Grimm sind in Deutschland für mehrere Strompreiszonen. Auch die norddeutschen Bundesländer wollen mit Hilfe von Zonen günstigere Strompreise für ihre Bürger und Unternehmen erreichen. Die Regierungschefs der südlichen Bundesländer wie Bayern sind dagegen.

Mit Informationen von dpa

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