ARD-alpha - Dokumentarspiele


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8./9. November 1923 Hitlers blutiger November-Putsch

Als der bayerische Generalstaatskommissar Gustav von Kahr, einige Minister und Bürger am Abend im Bürgerbräukeller eine Versammlung abhalten, sieht der Möchtegern-Mussolini Adolf Hitler seine Stunde gekommen.

Stand: 17.01.2012 | Archiv

Mit bewaffneten Spießgesellen und gezogener Pistole stürmt Hitler in den Saal, gibt einen Warnschuss in die Decke ab. Die anwesenden Minister lässt er verhaften, drei Teilnehmer zwingt er ins Nebenzimmer: Kahr, Bayerns Reichswehr-Kommandaten Otto von Lossow und Landes-Polizeichef Hans von Seißer. Tatsächlich erhält Hitler zunächst die Zusage der drei, bei einer neuen Regierung unter seiner, Hitlers Führung mitzumachen.

Schlüsselfiguren beim Hitler-Putsch

General Erich Ludendorff

General Erich von Ludendorff

Geboren am 9. April 1865 in der Nähe von Posen. Im 1. Weltkrieg wird er als Sieger der Schlacht von Tannenberg gefeiert. 1923 wirkt Ludendorff bei Hitlers Putsch mit und ist Anstifter des "Marsches zur Feldherrnhalle". Er wird freigesprochen. Im folgenden Jahr wird er zum Reichstagsabgeordneten gewählt. Ludendorff stirbt am 20. Dezember 1937 in Tutzing.

Generalstaatskommissar Gustav Ritter von Kahr

Gustav Ritter von Kahr

Geboren am 29. November 1862 in Weißenburg. Jurastudium, ab 1917 Regierungspräsident von Oberbayern. Während des Kapp-Putsches 1920 wird von Kahr Ministerpräsident (bis 1921). 1923 ernennt Bayerns Regierung Kahr zum Generalstaatskommissar. Zum Schein schließt er sich dem Hitler-Putsch an. 1924 tritt er zurück, bis 1930 ist er Präsident des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofes. Am 30. Juli 1934 wird er von den Nationalsozialisten ermordet.

Generalleutnant Otto Ritter von Lossow

Geboren am 15. Januar 1868 in Hof. 1908 tritt er dem Preußischen Großen Generalstab bei und wird Außerordentliches Mitglied des bayerischen Senats beim Reichsmilitärgericht. 1914 wird Lossow zum Generalstabschef des I. Bayerischen Reservekorps ernannt. Ab 1920 ist er vier Jahre lang Kommandeur der Reichswehr im Wehrkreis VII und ab 1922 bayerischer Landeskommandant. 1923 weigert er sich, den Befehl des Reichswehrministers auszuführen, das Verbot der Parteizeitung der NSDAP (des Völkischen Beobachters) durchzusetzen. Deshalb wird er im Oktober 1923 seines Dienstes enthoben und am 18. Februar 1924 in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. Lossow stirbt völlig zurückgezogen am 25. November 1938 in München.

Polizeioberst Hans Ritter von Seißer

Geboren am 9. Dezember 1874 in Würzburg. 1919 wird Seißer Polizeioberst bei der bayerischen Landespolizei und Chef des Landeskriminalamtes im bayerischen Staatsministerium des Inneren. Am 8. Mai 1919 wird er Stadtkommandant von München. 1930 scheidet Seißer aus dem Staatsdienst aus und ist fortan als Fabrikbesitzer tätig. Nach Mai 1945 muss er auf Weisung der amerikanischen Besatzungsmacht einige Monate lang als Präsident der Landespolizei fungieren. Seißer stirbt am 14. April 1973 in München.

Wilhelm Frick, Leiter der politischen Polizei

Wilhelm Frick

Geboren am 12.3.1877 in Alsenz (Pfalz). Von 1919 bis 1923 ist Frick Leiter der politischen Polizei in München und Hitlers Verbindungsmann. 1924 zieht er für die NSDAP in den Deutschen Reichstag ein. Unter den Nationalsozialisten ist Frick Reichsminister des Inneren und ab 1945 "Reichsprotektor" von Böhmen und Mähren. 1946 wird er vom internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg zum Tode verurteilt und am 16. Oktober 1946 hingerichtet.

Erster Rückschlag

Sind es Druck und bewaffnete Erpressung, die die noblen Herren im Bürgerbräukeller zu ihrer Zusage bringen? Ist es taktische Überlegung? Das sind Fragen der bayerischen Geschichte, die bis heute nicht vollständig geklärt sind. Hitler jedenfalls baut auf seine "Verbündeten". Doch die ziehen ihre Unterstützung in der Nacht zurück, wenige Stunden nachdem Hitler sie hat abziehen lassen. Ein erster Rückschlag für die Putschisten.

Die Bevölkerung ist am nächsten Morgen von den widersprüchlichen Botschaften verwirrt. Hitler sieht noch eine Chance. Aus dem Umland treffen immer mehr bewaffnete Verbände ein. Auf Ludendorffs Vorschlag hin brechen die Putschisten auf. Ziel ist das ehemalige Kriegsministerium - nun Wehrkreiskommando. Dort soll sich die Armee Hitler und seinen Gefolgsleuten anschließen, so der Plan.

Blutige Blianz: 20 Tote

Gestoppt hat den Marsch an der Feldherrnhalle der unbeugsame bayerische Innenminister: Kahrs Parteifreund Franz-Xaver Schweyer. Er lässt die Landespolizei auf Hitler und seine Leute schießen. 16 "Kampfbündler" und vier Polizisten sterben. Ludendorff wird festgenommen. Hitler flieht nach Uffing am Staffelsee in die Villa seines Gönners Ernst Hanfstaengel. Dort wird er am 11. November verhaftet.

Hitlers Putsch: Protokoll zum Durchklicken

Ein Schuss zum Auftakt, Bürgerbräukeller

Hitler stürmt gegen 20.30 Uhr mit zahlreichen Bewaffneten eine Versammlung im Bürgerbräukeller. Anwesend sind Generalstaatskommissar Gustav Ritter von Kahr, Bayerns oberster Offizier Otto Ritter von Lossow und Landespolizeichef Hans Ritter von Seißer. Mit einem Schuss verschafft Hitler sich Ruhe und verkündet: "Die deutsche Revolution ist ausgebrochen! Der Saal ist umstellt!"

Bürgerbräukeller

Hitler drängt Kahr, Lossow und Seißer mit vorgehaltener Pistole ins Nebenzimmer, während sein Trupp im Saal die Anwesenden in Schach hält. Hitler versucht, das "Triumvirat" dazu zu überreden, ihn zu unterstützen. Eine Zusage erhält er erst, als Erich Ludendorff im Bürgerbräukeller eintrifft.

Bürgerbräukeller

Hitlers "Personalplanung": Die politische Leitung übernimmt Adolf Hitler. Ludendorff steht der Nationalarmee vor, von Lossow soll Reichswehrminister werden. Für von Seißer ist der Posten des Polizeiministers vorgesehen, für Kahr der des "Statthalters der Monarchie in Bayern". Pöhner soll bayerischer Ministerpräsident werden.

Das "Triumvirat" widerruft

Um 22.30 lässt Hitler das "Triumvirat" gehen. Kahr stellt sich danach gegen den Putsch. Am Morgen des 9. November wird allgemein bekannt, dass Hitlers vermeintliche Verbündete sich vom Putsch distanzieren. Andererseit hängt Hitlers Proklamation mit den Unterschriften der Männer bereits überall aus.

Ludwigstraße

Putschisten unter Ernst Röhm besetzen das Wehrkreiskommando VII in der Ludwigstraße, schaffen es aber nicht, die Kasernen für sich einzunehmen. Aus vielen bayerischen Städten strömen Anhänger Hitlers nach München, um den Putsch zu unterstützen. Trotzdem schaffen sie es nicht, alle Schaltzentralen der Macht in ihre Gewalt zu bringen.

9. November, Bürgerbräukeller

Ludendorff schlägt am Mittag einen Demonstrationszug durch München vor. Ziel soll die Ludwigstraße sein, wo Röhm mit seinen Männern im Wehrkreiskommando festsitzt. 2.000-3.000 teils bewaffnete Putschisten machen sich vom Bürgerbräukeller aus auf den Weg.

9. November, Ludwigsbrücke

Die Landespolizei versucht, den Zug auf der Ludwigsbrücke aufzuhalten. Doch die Putschisten brechen durch die Sperre. Sie marschieren weiter über das Tal und den Marienplatz. Vom Rathaus weht die Hakenkreuzfahne: Eduard Schmid und mehrere Stadträte werden von SA-Männern gefangen genommen.

9. November, Feldherrnhalle

Die Putschisten marschieren weiter Richtung Odeonsplatz. An der Feldherrnhalle werden sie um 12.45 Uhr von einer Polizeisperre aufgehalten. Ein Schuss fällt, ein Polizist wird getötet. Die Polizei erwidert das Feuer. Der Zug endet im Chaos - vier Polizisten und 16 Putschisten sterben. Ludendorff wird vor Ort gefangengenommen, Hitler flieht und wird zwei Tage später verhaftet.

Epilog: Kahr von Hitlers Schergen erschossen

Forschung:

Den wissenschaftlichen Hintergrund bietet das Historische Lexikon Bayerns.

Gedankt wurde Minister Schweyer sein Einsatz für den Rechtsstaat nicht: Einige Monate nach dem Hitler-Prozess verlor er sein Amt als Innenminister auf Druck der Rechten. Kahr selbst fiel Hitlers Rache zum Opfer: Am 30. Juni 1934 - im Zuge des sogenannten Röhm-Putsches - nahm ihn ein NS-Kommando fest. Auf dem Weg ins Konzentrationslager Dachau wurde Kahr schwer misshandelt und dann im Arrestraum der Kommandantur erschossen.


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