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München Wiege der "Bewegung"

Published at: 16-3-2009 | Archiv

"Es ist schwer vorstellbar, dass eine vergleichbar erfolgreiche Organisationsgeschichte wie die der NSDAP, eine ähnlich gespenstisch-ambitionierte Politkarriere wie die Hitlers in einer anderen deutschen Stadt ihren Anfang hätte nehmen können", behauptet Andreas Heusler. Der Historiker geht in seinem Buch "Das Braune Haus" der Frage nach, ob es zwischen 1890 und 1933 ein "spezielles Milieu München" gab, das die Erfolgsgeschichte der Nazis begünstigte.

War es Zufall, dass sie München für den NSDAP-Sitz auserkoren? Dass in dieser Stadt SA und SS gegründet wurden und neben Hitler viele spätere NS-Granden wie Göring, Himmler oder Rosenberg ihre Karrieren begannen? Dass dort Hitlers Umsturzversuch von 1923 stattfand? Dass ausgerechnet München die "Hauptstadt der Bewegung" wurde?

Völkischer Ungeist bereits vor 1914

Prominentes Mitglied des rechtsextremen Alldeutschen Verbandes: Münchens "Malerfürst" Franz von Lenbach

Heusler zufolge spielte sich in der "verklärten Prinzregentenzeit ... das eigentliche Präludium ... für ein Klima des Ungeists und damit für den nationalsozialistischen Aufstieg" ab. Schon in den 1890er-Jahren tummelten sich in München diverse völkisch-nationalistische Gruppen und Parteien. Sie hatten so manche gutbürgerliche Honoratioren in ihren Reihen, über die später Querverbindungen zu den Braunhemden der 1920er-Jahre liefen.

Etwa der rechtsextreme Alldeutsche Verband (ADV): Zu dessen Mitgliedern gehörte nicht nur der Maler Franz von Lenbach, sondern unter anderen auch Paul Tafel. Der MAN-Direktor schloss sich später der noch rechtsextremeren, antisemitischen Thule-Gesellschaft an, eine der Münchner Urzellen des Nationalsozialismus. Der bayerische ADV-Vorsitzende war ein Patenkind Richard Wagners: Richard Graf du Moulin-Eckart. Dessen Sohn Karl Léon nahm als Kombattant des späteren SA-Chefs Ernst Röhm am Hitler-Putsch 1923 teil.

Hitlers bürgerliche Steigbügelhalter

Zum ADV-Vorstand gehörte auch der in München angesehene Verleger Julius Lehmann, ein Rassist, der nach dem Ersten Weltkrieg die aufkeimende NS-Bewegung unterstützte.

Freund und Protegé Hitlers: Ernst Hanfstaengl, Nachkomme einer angesehenen Kunstverleger-Familie

Eine ähnliche Rolle spielten in den 1920er-Jahren auch dessen Verlegerkollege Hugo Bruckmann, die Pianofabrikanten-Dynastie Bechstein oder die Kunstverlags-Familie Hanfstaengl. Sie öffneten ihre Münchner Salons und Villen für Hitler und machten den ungeschlachten Emporkömmling gesellschaftsfähig und unterstützten ihn finanziell.

Bayerischer Rechtsruck

War dieser Sympathisanten-Typus vor 1914 noch ein Randphänomen, so war er in den 20er-Jahren in einen tiefen Bodensatz antidemokratischen Denkens eingebettet. Nach der Niederschlagung der linksradikalen Räterepublik im Mai 1919 hatte das Pendel in die Gegenrichtung ausgeschlagen.

Der bayerische Ministerpräsident Gustav Ritter von Kahr war mitverantwortlich für die reaktionäre Wende Anfang der 20er-Jahre.

1920 war der monarchistische Anti-Parlamentarier Gustav Ritter von Kahr Ministerpräsident, dessen erklärtes Ziel es war, aus Bayern die "Ordnungszelle" des Deutschen Reiches zu machen. München wurde zum Sammelbecken für reaktionäre Kräfte, wo Tausende Hitler bei seinen agitatorischen Bierhallen-Hetzreden applaudierten.

Vor diesem Hintergrund ist es auch zu erklären, dass selbst die bayerische Justiz nicht frei von Parteinahme war. So war der Münchner Prozess gegen Hitler nach seinem Umsturzversuch von 1923 eine einzige Farce. Als Rädelsführer wurde er wegen Hochverrats angeklagt, damit drohte ihm theoretisch die Todesstrafe.

Mildes Urteil im Hochverratsprozess: Hitler und Putsch-Gefährten

Doch der mit den Putschisten sympathisierende Richter überließ Hitler phasenweise den Verhandlungssaal als Forum für NS-Propaganda. Am Ende kam er mit einer Strafe von fünf Jahren Haft davon, von denen er nur neun Monate absitzen musste. Überdies blieb ihm auch die Ausweisung aus Deutschland erspart.

Putsch als Urmythos

So verwundert es nicht, dass Hitler das Putsch-Debakel nachträglich in einen Triumph ummünzen konnte. Den gescheiterten Umsturzversuch stilisierte er später zu einem Urmythos des Nationalsozialismus. Er definierte ihn als ein wesentliches Ereignis, um München das Attribut "Hauptstadt der Bewegung" zu verleihen. Er konnte das aber nur, weil auch die bürgerliche Elite ihren Teil zu seinem Aufstieg beitrug.


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