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Doku-Typen im Überblick Von der Geschichtsdoku zur Mockumentary

Romina Ecker studiert "Dokumentarfilm und Fernsehpublizistik" an der HFF München. Dabei wirkt ihr Film "Trennen lernen" nicht wie ein klassischer Dokumentarfilm. Aber gibt es einen klassischen Dokumentarfilm überhaupt?

Von: Linda Zahlhaas

Stand: 21.09.2015

Sacha Baron Cohen als Borat | Bild: picture-alliance/dpa

Als die Brüder Lumiere 1895 den Film "Die Ankunft eines Zuges auf dem Bahnhof in La Ciotat" in einem kleinen Café in Paris vorführten, war das Publikum so überrascht von den bewegten Bildern, dass viele Besucher das Café angeblich in Panik verließen, weil sie dachten, der Zug würde in das Café einfahren. Der erste Dokumentarfilm war geboren. Mittlerweile gibt es Dokumentarfilme wie Sand am Meer und mit ihnen die unterschiedlichsten Gattungen und Subgenres.

Seitdem haben sich Dokumentarfilmer auf unterschiedlichste Weise dem Genre genähert. Dadurch haben sich mit der Zeit unterschiedliche Gattungen des Dokumentarfilms entwickelt. Wir stellen euch fünf verschiedene Arten vor.

Die Geschichtsdokumentation

Die Geschichtsdokumentation erklärt geschichtliche Geschehnisse anhand von Archivmaterial, um die Richtigkeit der im Film gezeigten Fakten zu unterstreichen. Das können zum Beispiel zeitgenössische Fotographien, Tagebucheinträge oder Briefe sein. Durch den Film führt ein allwissender Off-Kommentator. Es werden "Experten" oder Zeitgenossen hinzugezogen um die Argumentationskette des Films zu bestärken.
Eine typische Geschichts-Doku ist zum Beispiel der 1990 entstandene Film "Der amerikanische Bürgerkrieg" von Ken Burns.

Direct Cinema

Die Filmemacher des Direct Cinemas arbeiten intuitiv und ohne Skript. Ihr Anspruch ist es, die Realität möglichst unverfälscht und unvoreingenommen einzufangen. Mit ihrer Kamera beobachten sie ihre Umgebung, ohne dass sie in die Geschehnisse eingreifen. Dieser Stil der "beobachtenden" Kamera kam zeitgleich mit der Erfindung kleinerer und leichterer Handkameras in den 1960er-Jahren auf.
In "Titicut Follies" (1967) dokumentiert Regisseur Frederick Wiseman kommentarlos den Umgang mit den Patienten des Bridgewater State Hospitals in Massachusetts, einer ehemaligen staatlichen Anstalt für geisteskranke Straftäter.

Die Biographie-Doku

Die Biographie-Doku beleuchtet das Leben einer Person durch Selbstzeugnisse, Interviews mit Wegbereitern, sowie schriftliche und bildliche Dokumente aller Art. Die Zeugnisse ergeben eine facettenreiche Rekonstruktion des Charakters oder der Biographie des Porträtierten.
"Das Salz der Erde" von Wim Wenders wurde 2014 für einen Oscar nominiert und setzt dem brasilianischem Ausnahmefotographen Sebastio Salgado ein Denkmal. Dieser dokumentierte in den letzten 40 Jahren auf allen Kontinenten Menschen, Kulturen und den Wandel unseres Planeten.

Der investigative Dokumentarfilm

Einen weniger bekannten Sachverhalt aus einer anderen Perspektive zu berichten oder überhaupt erst aufzudecken - das ist das Ziel eines Investigativen Dokumentarfilms.
Der erfolgreichste Film dieser Art ist "Fahrenheit 9/11" von Michael Moore aus dem Jahr 2004. Weltweit hat er über 222 Millionen US-Dollar eingespielt. Durch den Zusammenschnitt aus Nachrichten- und Spielfilmschnipseln, Straßeninterviews und Off-Kommentaren beleuchtet der Film die Hintergründe des Anschlages vom 11. September 2001 auf das World Trade Center und versucht dadurch, die aus der Sicht des Filmemachers missglückte US-Politik aufzudecken.

Die Mockumentary

Eine Mockumentary gibt sich formell als Dokumentarfilm. Interviews, eine verwackelte Kameraführung oder eine schlechte Tonspur sind widerkehrende Elemente. Allerdings sind alle Szenen inszeniert. Und eben das macht die Mockumentary aus: Sie vermischt dokumentarische Formen und fiktionale Inhalte und macht sich so über ihr Thema lustig.
Überzeugend gelang das dem Comedian Sacha Baron Cohen in dem Film "Borat" (2006). Denn der vorgebliche Fernsehjournalist Borat aus Kasachstan, der in die USA reist, um seinem Volk die Kultur Amerikas näher zu bringen, ist natürlich eine Kunstfigur. Die Menschen, die Cohen als Borat interviewte, hatten davon aber keine Ahnung. Sie vertrauten dem skurillen Typen blind und lieferten ein manchmal geradezu beängstigendes Zeugnis menschlicher Naivität und Dummheit.


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