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Was Angst mit uns macht und wer das ausnutzt

RESPEKT Was Angst mit uns macht und wer das ausnutzt

Stand: 18.09.2019

  • Immer mehr Menschen fühlen sich unsicher: Zwischen 2012 und 2017 ist der Prozentsatz der Deutschen, die sich "sehr oder eher unsicher" fühlen, um 4 Prozent gestiegen, auf 21 Prozent der Gesamtbevölkerung.
  • Im gleichen Zeitraum ist die Zahl der Gewaltverbrechen um 3 Prozent zurückgegangen.
  • Fakten helfen wenig dabei, die negative Wahrnehmung zu verändern. Denn die Angst und Unsicherheit entstehen aus einem Gefühl, nicht aus Tatsachen.
  • Populisten und Medien schüren Ängste, indem sie bevorzugt über Negatives berichten, etwa über Kriminalität von Geflüchteten.
  • Die so genannte "kognitive Verzerrung" führt dazu, dass Menschen irgendwann nur noch Negatives wahrnehmen. Viele von ihnen fühlen sich als Opfer: etwa einer "verfehlten Fremdenpolitik".

Statistisch gesehen wird das Leben in Deutschland seit Jahren immer sicherer. Laut Kriminalstatistik geschehen hier immer weniger Straftaten. Gleichzeitig fühlen sich aber immer mehr Menschen in Deutschland unsicher, haben Angst vor Kriminalität oder vor Fremden – mit gravierenden Folgen für die Gesellschaft. Woher kommt dieses Gefühl, wenn nicht als Reaktion auf reale Risiken? Wem nutzt diese Verunsicherung und wird sie gezielt erzeugt? In der RESPEKT-Reportage suchen wir nach Ursachen der Angst – und Mitteln dagegen.

Autos: gefährlicher als Terroristen

  • Deutschland wird laut Statistiken immer sicherer.
  • Dennoch haben immer mehr Menschen Angst, etwa vor einem Terroranschlag. Dabei müssten sie eigentlich Angst vor Autos haben.
  • Zwischen 2001 und 2017 kamen in Deutschland laut BKA-Statistik 24 Menschen durch terroristische Anschläge ums Leben.
  • Zum Vergleich: Allein im Jahr 2017 starben in Deutschland 3.180 Personen im Straßenverkehr.

Zahlen und Fakten: Quellen

Wie unsicher fühlen wir uns?
Viktimisierungssurvey des BKA

Gewaltkriminalität
Polizeiliche Kriminalstatistik 2012, 2017, 2018 (Version 1.0)

Terroristische Anschläge und Todesopfer in Deutschland (2012-2017)
Auskunft des BKA vom 27.06.2019

Zahl Verkehrstote
Deutscher Verkehrssicherheitsrat

Gründe für Zunahme der Ängste
HR Inforadio

Angstverstärker: Populismus und Medien

Populisten sind Meister der Meinungsmache: Sie vereinfachen komplexe Sachverhalte so stark, dass am Ende klar scheint, wer "Schuld" ist: zum Beispiel Geflüchtete. Populistische Parteien wie die AfD schüren gezielt Angst. Damit sie sich anschließend als Retter oder Problemlöser präsentieren und so Wähler gewinnen können. Die Angstmache dient also dem Stimmenfang.

Auch die Medien schüren Ängste, doch aus anderen Gründen. Da Menschen Skandale und Verbrechen aufregend finden, berichten Medien bevorzugt über Negatives. So wollen sie ihre Auflage oder die Zugriffszahlen erhöhen.

Leben in einer Filterblase aus Angst

Soziale Medien nutzen Algorithmen, um die Gewohnheiten ihrer Nutzer zu erkennen und ihnen verwandte Themen vorzuschlagen. Dies führt dazu, dass Menschen, die sich für entsprechende Themen interessieren, Empfehlungen bekommen, die ihre Angst weiter schüren. Diesen Menschen fällt es schwer, die Perspektive zu wechseln oder gar ihr Angstthema objektiv zu betrachten. Sie leben dadurch in einer Filterblase.

Gefährlich ist also vor allem die Angstmache an sich, auch für die Demokratie: Denn wenn eine Gruppe pauschal zum Feind erklärt wird, ist das Grundrecht auf Gleichbehandlung verletzt. Gefährlich ist auch, wenn Menschen sich bedroht und als Opfer fühlen. Dadurch ist nämlich für sie jede Art von "Gegenwehr" gegen die scheinbaren Bedroher*innen gerechtfertigt.

"Was unser Leben bedroht: Flugzeugabstürze? - Eher nicht nach den Statistiken. Aber die Statistiken sind langweilig, farblos und abstrakt. Bilder im Fernsehen, das Leid, das Elend: Das ist etwas, was hängen bleibt und dann auch in der Erinnerung schnell auftaucht. Wir greifen auf die Erinnerungen zu, die relativ weit oben, leicht verfügbar sind, und das sind oft Medienerinnerungen."

Filmzitat Prof. Frank Schwab, Medienpsychologe an der Universität Würzburg

Fallbeispiel Ankerzentrum in Bamberg

Wie Populisten und Rechtsextremisten Angst und Unsicherheit nicht nur im Internet, sondern auch im echten Leben schüren, konnte man im Osten von Bamberg in Oberfranken sehen. Hier ist eines von sechs Ankerzentren in Bayern. In Ankerzentren werden seit 2018 Asylbewerber in Bayern zentral untergebracht, bis klar ist, wie es für sie weitergeht.

In der Nachbarschaft des Ankerzentrums haben im Frühjahr Anhänger der rechtsextremistischen NPD Flugblätter in die Briefkästen geworfen. Sie hetzten damit gegen die Asylbewerber und warnten vor Ausschreitungen. Doch die Bewohner ließen sich nicht irre machen. Warum? - Weil sie Erfahrungen haben mit dem Umgang mit Migrant*innen, und zwar schon seit Ende des Zweiten Weltkriegs: Zuerst kamen die Vertriebenen, dann die Amerikaner, die russischen Auswanderer und nun die Asylbewerber. Der gefühlten Angst standen hier also "erlebte Tatsachen" entgegen.

"Was heißt Unsicherheit, Unsicherheiten? Jemand stellt bewusst einen Mangel an Sicherheit fest. Aber da ist die Schwelle, denke ich, bei jedem Bürger bei jeder Person anders. Wenn ich jetzt nachts durch einen Tunnel lauf und hier liegt ein Obdachloser, dann empfindet es Einer schon als Unsicherheit. Wenn wir aber da in den letzten zehn Jahren kein einziges Delikt hatten, dann kann man nicht davon sprechen, dass das ein gefährlicher Ort ist, oder dass da was passiert."

FIlmzitat Markus Oehme, Pressesprecher der Polizei München

Konkretes Kennenlernen hilft gegen abstrakte Ängste

Wer Angst hat, neigt dazu, sich abzuschotten. Menschen, die vor etwas Angst haben – ob vor gewissen Menschen oder Situationen, vermeiden es, sich ihrer Angst zu stellen. Dieses Vermeiden steigert die Angst aber noch, erklärt Medienpsychologe Frank Schwab. Diesem Phänomen will das Café Lui20 in Bamberg entgegenwirken. Gegründet hat es der Verein "Freund statt fremd". Hier kommen Migrant*innen und Deutsche zusammen und kochen gemeinsam, tauschen sich aus über ihre Kulturen und Sichtweisen auf die Welt. So entsteht mehr Verständnis für Unterschiede. Andersartigkeit wird als Bereicherung wahrgenommen anstatt als Bedrohung.

Autorin: Monika von Aufschnaiter

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