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Nicht allzu fromm Lichtstuben in Unterfranken

Von Martini bis Lichtmeß, dann wenn die Landwirtschaft ruhte, war einst die Zeit der Lichtstuben. Die Dorfjugend traf sich in den Bauernhäusern reihum zum Handarbeiten, Spielen und Ratschen. Was sich dort sonst noch so alles abspielte, ist aber ein kleines Geheimnis ...

Stand: 19.01.2018 | Archiv

Lichtstuben gab es nicht nur in Unterfranken, je nach Region nannte man sie auch Spinnstube oder Rockenstube. Auf dem Rocken wurden Flachs und Wolle zum Spinnen befestigt. Bis ins 15. Jahrhundert lässt sich die Tradition der Lichtstuben zurückverfolgen. Die unverheirateten Frauen mussten ihre Aussteuer fertigen, zusammen arbeitete es sich schneller und geselliger, außerdem ließ sich so Holz und Petroleum sparen. Viele Volkslieder, Sagen und Märchen entstanden in Spinnstuben und wurden durch sie weitergegeben. Das muntere Beisammensein in den privaten Stuben gefiel aber nicht jedem.

"Das ganze Lichtstubenwesen, das war der geistlichen Obrigkeit ein Dorn im Auge, die haben das nicht gern gesehen, weil da viele Ehen angebahnt worden sind, da ist auch viel Blödsinn gemacht worden. Die haben immer wieder versucht, diese Licht- und Spinnstuben zu verbieten, aber es ist ihnen nie gelungen sie auszurotten."

Reinhold Albert, Kreisheimatpfleger im Landkreis Rhön-Grabfeld

Im Landkreis Rhön-Grabfeld, ganz nah an der Grenze zu Thüringen, haben sich die Lichtstuben bis in die frühen 1960er Jahre erhalten. Nur noch wenige haben sie als Jugendliche selbst erlebt. Es gab gemischte Lichtstuben, aber auch reine Männer- und Frauenlichtstuben, die sich gegenseitig besuchten.

"Zuerst sind die Frauen um sieben gekommen und haben ihre Handarbeit gemacht und dann sind die Männer um neun Uhr gekommen, dann mussten die Frauen das Stricken aufhören und dann ist die Gaudi losgegangen."

Bruno Gernert aus Wülfersthausen

"Es war schon lustig, in der Lichtstube haben wir uns näher kennengelernt - da sind einige Ehepaare rausgekommen, da sind viele richtig zusammengekommen."

Walburga und Arthur Bauer aus Alsleben, seit 58 Jahren verheiratet

Die Lichtstube war eine eigene kleine Gemeinschaft innerhalb der Dorfgemeinschaft. Was dort passierte und geredet wurde, sollte nicht nach außen dringen. Manche Lichstuben gaben sich auch Verordnungen. Mit 3 Mark wurde zum Beispiel bestraften, wer etwas aus der Lichtstube ausplauderte, mit 10 Mark, wenn er es dem Bürgermeister verriet. Meistens traf man sich in Privathäusern unter Aufsicht der "Lichtstubenmutter". In Saal an der Saale hat Silesia Glückstein nach dem zweiten Weltkrieg 15 Jahre lang die Jugendlichen in ihre Stube gelassen.

"Unsere Mutter hatte mehrere Lichtstuben, wenn die erste Generation fertig war, dann waren sie alle verheiratet, dann sind sie nicht mehr gekommen, dann sind schon wieder die nächsten Jungen gekommen. Und irgendwann waren wir die Generation, die dabei war, bei der Lichtstube."

Helmtrud Schmidt und Renate Eckert, Töchter von Silesia Glückstein

"Lichtstube" in Untereßbach.

In den 60ern verschwanden die Lichtstuben fast völlig, mittlerweile versucht man sie wieder zu beleben. In Untereßfeld beispielsweise. Dort trifft man sich heute wieder zur "Lichtstube", nicht privat, sondern im Gemeindehaus, und angebandelt wird höchstens noch mit der Stricknadel – Hauptsache es ist gesellig. Es ist eine Lichtstube gegen die zunehmende Anonymität in den Dörfern.

"Das Dorfleben geht so langsam kaputt, weil keine Läden mehr im Dorf sind, es sind keine Gasthäuser da, und dann trifft man sich halt nirgends mehr. Und da wir ein schönes Gemeindehaus haben, dachte ich, da könnte man so eine Lichtstube wieder ins Leben rufen. Ja, und es kommen immer Frauen zusammen. Wir machen das jeden Donnerstag, von Allerheiligen bis zur Karwoche."

Marlis Katzenberger, Initiatorin der Lichtstube in Untereßfeld


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