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Die "Kurbad-Kommune" Experiment in Sulzbrunn

Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass die eigene Familie bis ins hohe Alter Geborgenheit und Rückhalt bietet. Immer mehr Menschen suchen deshalb alternative gemeinschaftliche Lebensformen. Im Oberallgäu hat sich eine kleine Gruppe zusammengefunden, um einen verlassenen Ort zu neuem Leben zu erwecken.

Stand: 21.11.2015 | Archiv

Neue Wege gehen

Im September hat eine kleine Gruppe von Menschen das Gelände einer ehemaligen Fachklinik für Suchtkranke südlich von Kempten von der Diakonie gekauft, eine Fläche mit 8 Häusern und 15 1/2 ha Wald und Wiesen. Hier will die Gemeinschaft alternativ leben: ökologisch-nachhaltig, basis-demokratisch, sozial gerecht und ohne religiöse Ausrichtung.

Der Hauptinitiator ist Herbert Rehle-Reich. Der gelernte Schreiner führt einen Montagebetrieb. Mit Anfang 20 machte er die ersten Erfahrungen mit einem Gemeinschaftsprojekt. Seitdem träumt er von einem eigenen.

"Ich brauche einfach viele Menschen um mich, dass es lebendig ist, dass ich viele Kontakte habe. Ich bin in einer großen Familie aufgewachsen. Wir waren sechs Geschwister. Und ich bin auf dem Dorf aufgewachsen mit einer Dorfstruktur – das ist einfach schön, eine Gemeinschaft zu sein."

Herbert Rehle-Reich, Gemeinschaft Sulzbrunn

Ute-Maria Schröder-Stanszik trinkt das Quellwasser täglich.

Inzwischen wohnen bereits zehn von 16 Genossen in Sulzbrunn - von jeher ein besonderer Ort. Hier entspringt die wohl älteste und reinste Jodquelle Europas. Ute-Maria Schröder-Stanszik, ebenfalls in der Gemeinschaft, trinkt das Wasser täglich. Die Kraft des Heilwassers kann Ute-Maria gut gebrauchen. Die Ayurveda-Köchin möchte bald die Großküche der ehemaligen Klinik aktivieren. Denn im Frühjahr will die Gemeinschaft einen Seminarbetrieb starten.

Franz Hösle vom Nachbarort studierte als Mitglied des historischen Arbeitskreises das Wohl und Wehe der ehemals gut besuchten Heilstätte. In der warmen Jahreszeit macht er regelmäßig Führungen auf einem historischen Wanderweg in der Gemeinde Sulzberg, zu der das einstige Kurbad Sulzbrunn gehört.

Teilen und sich gegenseitig unterstützen - das wollen die Mitglieder der Gemeinschaft Sulzbrunn.

Kürzlich fand das Einweihungsfest in der Gemeinschaft statt. Für die Mitglieder war es der Startschuß in ein neues Leben. Einmal in der Woche wollen sie sich nun treffen, um Organisatorisches und Zwischenmenschliches zu besprechen. Alle haben die gleiche Vision: Besitz und Leben teilen, sich gegenseitig unterstützen und dabei neue Wege gehen.

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1850 begann der Kurbetrieb in Sulzbrunn.

Die Geschichte von Sulzbrunn

Der Name Sulzbrunn hängt mit den stark jodhaltigen Quellen zusammen, die hier - am Nordhang einer Endmoräne - aufgrund einer Erdverwerfung aus dem tiefsten Inneren der Erde austreten. Vermutlich haben schon die Römer die Jodquellen entdeckt und genutzt. 1059 bezeichnete der junge König und spätere Kaiser Heinrich IV. in einer Urkunde über die Wildbanngrenze den Berg mit der salzigen, sulzigen Lache als „Sulzeberch“. Lange Zeit gerieten die Quellen in Vergessenheit, bis schließlich die Leute Tiere beobachteten, die regelmäßig deren Wasser tranken.

1837 wurde Pankratius Kapitel, der Wirt im nahe gelegenen Ort Zollhaus, von einem ballgroßen Kropf geheilt, nachdem er das Wasser einige Monate lang getrunken hatte. Ab 1840 wurde das Wasser der Römerquelle in Flaschen abgefüllt und als Kemptener Waldwasser vertrieben. Zehn Jahre später wurde dann das Heilbad gegründet. In der Blütezeit weilten hier bis zu 300 Patienten. 1890 kaufte Dauphin Dornier, der Vater des bekannten Flugzeugbauers Claude, das Kurbad und besaß es 16 Jahre lang. 1895 wurde eigens der Bahnhof Jodbad Sulzbrunn gebaut.

Der Kurbetrieb blühte bis zum ersten Weltkrieg. Im zweiten wurde die Kuranstalt Internierungslager, Lungenheilstätte und Altenheim. 1960 kaufte die Diakonie das Heilbad und betrieb dort bis Ende März 2014 eine Fachklinik für suchtkranke Männer. Im September 2015 erwarb die Gemeinschaft Sulzbrunn den Ort von der Diakonie.

Führungen:

Von Mai bis September führt Franz Hösle von der Historischen Arbeitsgruppe Sulzberg Interessierte auf den historischen Heinrichweg. Kontakt über die Gästeinformation Sulzberg, Rathausplatz 4, 87477 Sulzberg,Tel.: 08376/9201-19, e-mail: gaesteinformation@sulzberg.de.


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