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Die Wieskirche Rokoko in höchster Vollendung

Ein Tränenwunder um das Gnadenbild des Gegeißelten Heilands war Anlass für den Bau einer Wallfahrtskirche bei Steingaden im Pfaffenwinkel. „Die Wies“ zählt heute laut UNESCO zu den schönsten Rokokokirchen der Welt und zieht jährlich mehr als eine Million Besucher an. Seit 1983 ist die Wieskirche UNESCO-Weltkulturerbestätte.

Stand: 11.11.2015 | Archiv

Wieskirche von Norden | Bild: Kath. Wallfahrtskuratiestiftung St. Josef-Wies


In den 30er Jahren des 18. Jahrhunderts schusterten einige Prämonstratenser aus dem Kloster Steingaden notdürftig eine Christusfigur aus Einzelteilen verschiedener Heiligenfiguren zusammen. Während Kopf und Hände ausgearbeitet waren, wurde der restliche Leib lediglich aus Holz und Papier geformt und anschließend mit Leinwand umhüllt.

Der Gegeißelte Heiland

Diese erbarmungswürdige Figur des Gegeißelten Heilands sollte die Gläubigen bei Karfreitagsprozessionen an die Leiden Christi erinnern. Allerdings wurde sie bereits nach drei Jahren wegen ihrer Unansehnlichkeit ausrangiert und landete 1736 zunächst in der Kleiderkammer des Klostertheaters und dann auf dem Dachboden des Klosterwirts. Dort fand sie zwei Jahre später dessen Verwandte, die Wiesbäuerin Maria Lori. Der Anblick des Gegeißelten Heilands rührte ihr Herz derart, dass sie ihn mit auf ihren Hof nahm. Am  Abend des 14. Juni 1738 erblickte sie beim Gebet Tränen in den Augen der Figur. Die Nachricht von diesem Wunder verbreitete sich in Windeseile und noch im selben Jahr wurde unweit vom Lori-Hof eine kleine Kapelle zu Ehren des Gnadenbilds errichtet.

"… das Angesicht scheinet etwas absonderliches an sich zu haben, es zeiget sich ernsthaft zu einem heiligen Schröcken, jedoch auch lieblich zu einem Trostvollen Vertrauen, und schmertzlich zu einem hertzlichen Mitleyden. Der Leib entgegen ist etwas ungestaltet."

Magnus Straub, im Gnadenbüchlein 1746

Ein glanzvolles Meisterwerk

Innenraum

Geschichten von Spontanheilungen zu Fuße des Gnadenbildes machten schnell die Runde. Schon bald strömten Heilsuchende in Scharen zu der kleinen Kapelle, die es heute noch gibt. Nach kurzer Zeit konnte sie nicht mehr alle Pilger fassen. Auf Drängen der Gläubigen veranlasste der ansässige Abt, Hyazinth Gassner, den Bau einer eigenen großen Wallfahrtskirche. Kein einfaches Unternehmen, denn der Ort, an dem die Kirche errichtet werden sollte, lag inmitten einer Einöde und war von Sümpfen und Mooren umgeben. Als Baumeister beauftragte er Dominikus Zimmermann (1685-1766), einen erfahrenen und angesehenen Künstler. Dieser war für sein außerordentliches Talent bekannt, aber auch für sein kostspieliges Bauen. Und trotzdem entstand an ebendieser Stelle eine der schönsten und berühmtesten Rokokokirchen der Welt. Nach neun Jahren Bauzeit wurde die Kirche 1754 geweiht. Dominikus Zimmermann schuf mit der besonderen Raumgestaltung, der Verwendung des natürlichen Lichts, seinen herausragenden Stuckaturen und nicht zuletzt mit dem Hochaltar ein Gesamtkunstwerk, das seinesgleichen sucht. Die Fresken der Wieskirche stammen ausnahmslos von seinem Bruder, Johann Baptist Zimmermann (1680-1758). Ohne die Arbeiten dieser beiden Brüder stünde die Wieskirche heute nicht auf der Welterbeliste der UNESCO.

Das sagt die UNESCO

"Die verschwenderischen Stuckverzierungen von Dominikus Zimmermann und die Deckengemälde seines Bruders Johann Baptist Zimmermann, Hofmaler des bayerischen Kurfürsten, erzeugen eine heitere und leicht bewegte Dekoration, deren Reichtum und Feinheit unerreicht sind. Als ein Meisterwerk menschlicher Schöpferkraft und ein außergewöhnliches Zeugnis einer untergegangenen Kultur wurde die Wieskirche in Steingaden, Oberbayern, 1983 in die Welterbeliste aufgenommen."

Der drohende Ausverkauf

Hochaltar

Die Kirche hatte es Ende des 18. Jahrhunderts nicht leicht. Die Französische Revolution in Frankreich und in deren Folge Napoleon verlangten in weiten Teilen Europas die Aufhebung der Kirchen und Klöster. Besonders hart traf es dabei die Prämonstratenser. Ihr Gründungskloster  in Frankreich wurde zerstört und auch das Kloster in Steingaden fiel 1803 der Säkularisation zum Opfer und wurde zu großen Teilen abgerissen. Auch der Wieskirche drohte 1809/1810 ein ähnliches Schicksal. Dem unermüdlichen Einsatz der Gläubigen und besonders der umliegenden Bauern ist es zu verdanken, dass ihr die Zwangsversteigerung erspart geblieben ist.

Ein besonderes Detail

„Hoc loco habitat fortuna, hic quiescit cor“ (An diesem Ort wohnt das Glück, hier findet das Herz Ruhe)
Abt Marianus II Mayer (Abt in Steingaden von 1745 bis 1772 und Bauherr der Wieskirche), ritzte mit einem Diamantring dieses Zitat aus den Confessiones des Augustinus in eine Fensterscheibe des Prälatensaales.

Leben mit dem Welterbe

Votivtafeln

Als am 31. August 1746 das Gnadenbild von der provisorischen Kapelle in die Wallfahrtskirche übertragen wurde, strömten bereits zwölf bis fünfzehntausend Menschen herbei, um diesem Ereignis beizuwohnen. Der Strom der Pilger aus ganz Europa zog sich durch die Jahrhunderte und setzt sich auch heute fort. Denn neben den vielen Touristen, die für einen kurzen Moment durch die Kirche eilen, um einen Eindruck vom Welterbe zu erhaschen, gibt es auch sie: Die Gläubigen, die unter dem Gnadenbild des Gegeißelten Heilands Schutz, Hilfe oder Rettung suchen oder erfahren haben. Im Frühjahr und im Sommer kommen hunderte Pilger nach Steingaden, wenn im Mai die Wiederkehr des Gnadenbildes und im Juni die Erinnerung an das Tränenwunder gefeiert werden. Der enge Bezug der Gläubigen zu ihrer „Wies“ sorgte dafür, dass die heutige Welterbestätte über die Jahrhunderte immer eine Kirche der kleinen Leute geblieben ist. Wenn man Glück hat, kann man das auch heute noch erleben.


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