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Regensburg mit Stadtamhof Deutschlands besterhaltene mittelalterliche Stadt

Die gefühlte Heimat von Papst Benedikt XVI. blickt auf eine reiche Vergangenheit zurück. Europäisches Handelszentrum im Mittelalter, politischer Kern des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation und kultureller sowie religiöser Mittelpunkt über Jahrhunderte. Spuren einer opulenten Vergangenheit begegnen dem Besucher in der Altstadt von Regensburg auf Schritt und Tritt. Seit 2006 zählt Regensburg mit dem am nördlichen Donauufer gelegenen Stadtamhof zum Weltkulturerbe der UNESCO.

Stand: 11.11.2015 | Archiv

Steinerne Brücke und Dom in  Regensburg | Bild: Bild: Regensburg Tourismus GmbH

Von den Römern 179 n. Chr. als Castra Regina gegründet, erlebte Regensburg im Mittelalter seine Blütezeit. Dass sich die Stadt zu einem der florierendsten Handelszentren des Mittelalters entwickelte, ist der verkehrsgünstigen Lage an Donau, Naab und Regen sowie an wichtigen europäischen Handelswegen genauso zu verdanken wie dem Geschick findiger Handels- und Kaufmannsfamilien. Dem wirtschaftlichen Aufschwung folgte der politische: Regensburg wurde bereits 1245 per Privileg Kaiser Friedrichs II. „Freie Reichsstadt“ und von 1663 bis 1806 tagte hier der „Immerwährende Reichstag“, die Vertretung der Stände im Heiligen Römischen Reich. Seit 1810 gehört Regensburg zu Bayern. Da die Altstadt im zweiten Weltkrieg von Bombenangriffen verschont geblieben ist, entspricht sie heute noch der Ausdehnung Regensburgs nach der letzten mittelalterlichen Stadterweiterung von 1320 – ein Grund unter vielen, der der Stadt den Welterbe-Titel eingebracht hat.

Ein Weltwunder des Mittelalters: Die Steinerne Brücke

Die Steinerne Brücke

Fast metergenau am nördlichsten Punkt der Donau entstand zwischen 1135 und 1146 ein Wunderwerk der Zeit: Auf massiven Pfeilern wurde eine Brücke errichtet, die über Jahrhunderte hinweg den einzigen steinernen Übergang über die Donau zwischen Ulm und Wien bilden sollte. Wer in dieser Zeit von Norden nach Süden oder in umgekehrter Richtung unterwegs war, musste an dieser Stelle den Fluss passieren. Das brachte den Regensburgern den Vorteil, dass sie den Handelsverkehr geschickt durch ihre Stadt lenken konnten. Das vom Kaiser verliehene Privileg, Maut erheben und die Brücke verwalten zu dürfen, bescherte der Stadt hohe Einnahmen. Bis zu 100 Ochsenkarren passierten täglich den Donauübergang. Heute fließt der Verkehr allerdings nur noch eingeschränkt über die Donaubrücke in die Stadt. Seit 2008 ist sie auch für die Stadtbusse gesperrt, sodass heute nur noch Fußgänger über die Steinerne Brücke ins Welterbe strömen.  

Das sagt die UNESCO

"Die Regensburger Altstadt stellt ein außergewöhnliches Zeugnis kultureller Traditionen im Heiligen Römischen Reich dar. Im Hochmittelalter war Regensburg bevorzugter Tagungsort für Reichsversammlungen, aber auch zur jüngeren europäischen Geschichte leistete die Stadt als Sitz des Immerwährenden Reichstags von 1663 bis 1806 ihren Beitrag. Die Überreste zweier Kaiserpfalzen aus dem 9. Jahrhundert sowie die zahlreichen gut erhaltenen historischen Gebäude legen Zeugnis ab vom einstigen Reichtum und der politischen Bedeutung der Stadt.  Die Altstadt von Regensburg ist ein herausragendes Beispiel für eine binneneuropäische mittelalterliche Handelsstadt, deren historische Entwicklungsstufen gut erhalten sind. Vor allem die Entwicklung des Handels vom 11. bis zum 14. Jahrhundert wird dadurch außergewöhnlich gut veranschaulicht."

Bürgerstolz und Frömmigkeit

Der Goldene Turm

Besonders im 13. Jahrhundert entwickelte sich Regensburg von einem Umschlags- und Zwischenhandelsplatz zu einem eigenständigen Handelszentrum. Patrizierfamilien erwirtschafteten durch den Fernhandel ein Vermögen. Sie verkauften auf Reisen bis nach Venedig, Kiew oder Byzanz Güter wie Wachs, Leder und Pelze und brachten im Gegenzug Luxusartikel wie Südfrüchte, feine Stoffe oder kostbare Gewürze nach Regensburg. Die Geschlechtertürme, jeweils von einzelnen Familien erbaut, symbolisierten Reichtum und Selbstbewusstsein der herrschenden Bürgerschicht in Regensburg. Um trotz ihres Strebens nach Gewinn Gnade vor Gott zu finden, spendeten viele Patrizier große Summen an Bettelorden und investierten in den Bau von Sakralbauten wie in den Neubau des Doms.  Aber auch für die Entwicklung des Protestantismus spielte Regensburg eine „Schlüsselrolle“, wie die UNESCO anerkennend hervorhebt. Die Neupfarrkirche von 1542 gilt als Mutterkirche der lutherischen Christen im südöstlichen Mitteleuropa.

Die heimliche Hauptstadt des Reichs

Das Alte Rathaus

Nachdem die deutsche Ständevertretung immer wieder in Regensburg getagt hatte,  wurde der Reichstag ab 1663 auf Grund der akuten Bedrohung des Reichs durch die Türken zu einer „immerwährenden“ Institution – auch wenn das zunächst alles andere als beabsichtigt war. Bereits nach wenigen Jahren ließen sich nicht nur Kaiser, sondern auch Fürsten von Bevollmächtigten vertreten. Seit 1743 übernahm diese Aufgabe für den Kaiser die Fürstenfamilie von Thurn und Taxis. Sowohl das Alte Rathaus als Austragungsort des Reichstags als auch eine große Anzahl der Quartiere der Gesandten sind heute ausgezeichnet erhalten und vermitteln laut UNESCO einen Eindruck von den „politischen, transnationalen Strukturen des Heiligen Römischen Reichs“. Am Ende der Regensburger Reichstagsgeschichte steht der Reichsdeputationshauptschluss, der 1803 das Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation einläutete.

Leben mit dem Welterbe

Mit Erhalt des Titels „UNESCO-Weltkulturerbe“ 2006 begann auch die Vermarktung des neuen Aushängeschilds der Stadt – mit Erfolg. 20 Prozent mehr Übernachtungen verzeichnete die Tourismus GmbH Regensburg nach fünf Jahren Weltkulturerbe. Am Fuße der Steinernen Brücke gibt es ein eigenes Welterbe-Besucherzentrum, das an manchen Wochenenden mehr als 1.500 Besucher zählt. Gleichzeitig steckt aber auch Regensburg in dem Dilemma zwischen Bewahren und Modernisieren. Die rattan-bestuhlte und baumfreie Innenstadt gefällt nicht jedem Bewohner des Welterbes. Und dem Plan für eine Ersatzbrücke für die autofreie Steinerne Brücke hat die UNESCO eine klare Absage erteilt. Die Stadt hat sich bis heute dieser Empfehlung gebeugt. Ein ähnliches Schicksal wie Dresden, dem mit dem Bau der Elbschlösschenbrücke der Titel „Weltkulturerbe“ aberkannt wurde, möchte man in Regensburg nicht erleiden.


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