BR Fernsehen - Sehen statt Hören


17

Oliver Heß "Mein Leben ist jetzt!"

Oliver Heß gehört zu den Menschen, deren Leben sich durch schwere Schicksalsschläge immer wieder maximal verändert: Mit 29 Jahren ertaubt er an den Folgen einer Hirnhautentzündung, neun Jahre später folgt eine Querschnittslähmung. Seitdem sitzt er im Rollstuhl. Seine Überlebensstrategie: Rausgehen ins Leben!

Stand: 31.08.2019

Oliver Heß arbeitet seit sieben Jahren als Integrationsberater beim Integrationsfachdienst (IFD) Nürnberg. Er ist für die hörbehinderten Klienten zuständig. Doch nicht nur bei ihnen ist er sehr beliebt: Seine Kollegen schwärmen von "ihrem Olly".

"Ich krieg nur immer mit, dass er eigentlich immer unter den Leuten und immer am Quatschmachen ist, einen guten Humor und keine Scheu hat vor irgendwelchen Auseinandersetzungen - jetzt im Positiven - im Austausch zu stehen. Und ich immer wieder erstaunt bin, wie nahe er eigentlich dran ist am Geschehen, obwohl er nichts hört und da aber gerade durch seinen Humor sehr präsent ist."

Angelika Zagel, Kollegin

Eingestellt hat ihn sein Chef Jochen Prusko, weil Oliver Heß schlichtweg überzeugt hat.

"Wir haben ihn kennengelernt im Rahmen einer Maßnahme, die er bei uns als Honorarkraft durchgeführt hat. Und haben festgestellt, dass er sowohl von seiner  - das klingt jetzt ein bisschen witzig, wenn ich sage 'wegen seiner Kommunikationsfähigkeit' - aber unter anderem wegen seiner Kommunikationsfähigkeit und natürlich wegen seines Fachwissens einfach geeignet war für den Job."

Jochen Prusko, IFD Nürnberg

Ein Arbeitsplatz, zugeschnitten für Oliver

Für diese Kompetenz organisiert der Chef einen individuellen Arbeitsplatz: Olivers Büro ist mit einem elektrischen Türöffner und höhenverstellbaren Schreibtischen ausgestattet.  Für die Arbeit am PC nutzt er eine spezielle Einhandtastatur sowie ein Spracheingabeprogramm. Bei Außenterminen kann Olly allerdings schon mal an seine Grenzen kommen, denn gerade seine gebrochene Wirbelsäule bereitet ihm oft Schmerzen. Für die Betreuung seiner Klienten nimmt der Integrationsberater vieles in Kauf – für diesen Idealismus, seine Kompetenz und sein Einfühlungsvermögen ist er auch bei seinen Klienten äußerst beliebt.

Olivers erstes Leben

Dabei war Oliver Heß nach eigener Aussage nicht immer so. Erst seine Behinderungen haben ihn zu dem werden lassen, was er heute ist.

"Früher war ich eher oberflächlich. Wenn mir jemand erzählt hat, dass es ihm nicht gut geht, dann hab' ich zwar schon zugehört, mir aber nicht wirklich Gedanken darüber gemacht wie ich helfen kann – das meine ich mit 'oberflächlich'. Wenn mir aber jetzt Menschen erzählen, dass es ihnen nicht gut geht, dann bin ich mehr darauf fokussiert, sie zu unterstützen. Mein Gefühl ist dabei ein anderes und auch, wie ich die Situation erlebe, ist anders. Man kann das nicht mehr vergleichen. Ich würde sogar sagen, dass das zwei verschiedene Personen sind, der Olly vor und der Olly nach dem Eintreten der Behinderung."

Oliver Heß

Der Olly vor der Behinderung hatte einen großen Freundeskreis, war DJ und eine Stimmungskanone. Heute hat er überwiegend andere Freunde – die ihn auch unterstützen. Ganz selbstverständlich bieten sie ihm Hilfe beispielsweise beim Einkauf an. Ansonsten lebt Olly sehr selbstständig.

Zehn Jahre zuhause

Gearbeitet hat Olly, als er noch hören konnte, als Arbeitsvermittler bei der Agentur für Arbeit. Nach der Ertaubung hat die Kommunikation mit den Kunden nicht mehr funktioniert. Zehn Jahre bekam er dann eine Erwerbsunfähigkeitsrente und saß zuhause.

"Ein Berufsziel hatte ich damals nicht. Ich hatte keine Zukunftsperspektive, was ich als Ertaubter hätte machen können."

Oliver Heß

Kontakte zur Gehörlosengemeinschaft

Durch "ganz viele glückliche Umstände" kommt Olly in Kontakt mit der Gehörlosengemeinschaft: Das erste Mal begegnet ihm die Gebärdensprache in einer Klinik für Spätertaubte. Er weiß sofort: Das will er lernen. Durch eine gehörlose Familie lernt er dann auch die Gehörlosenkultur kennen – sie nehmen ihn mit zu einer Gehörlosenveranstaltung.

"Klar war es einerseits schön, dabei zu sein und diese andere Kultur und Kommunikation zu erleben. Andererseits war ich völlig überfordert: Ich sah so viele Leute gebärden und dachte mir: Das schaffst du nie! Ich war hin- und hergerissen. Im Laufe der Zeit und vor allem durch den Kontakt mit anderen Gehörlosen oder Hörbehinderten, durch das Zuschauen habe ich immer mehr gelernt und besser verstanden."

Oliver Heß

Ein großes Unglück

2006 zieht Olly nach Nürnberg, übernimmt Ehrenämter im Gehörlosenverband und unterrichtet Gebärdensprache. Doch dann passiert ein weiteres Unglück: Nach einer Operation stürzt Oliver Heß in seiner Wohnung - genau auf die Ecke einer Tischkante. Dabei verletzt er sich die Wirbelsäule so stark, dass er einige Zeit später querschnittsgelähmt wird. Taub und dann auch noch gelähmt. Ein herber Schicksalsschlag, den Oliver kaum verarbeiten kann. Er ist verzweifelt, denkt sogar an Selbstmord. Ein solches Leben auf Dauer auszuhalten, kann er sich nicht vorstellen.

Raus aus der Depression

Wieder kommt ihm der Zufall zu Hilfe: Oliver lernt die richtigen Menschen kennen, die ihn nicht in seiner Depression sitzenlassen. Sie nehmen ihn mit - nach draußen. Sein Heilmittel – bis heute.

"Was meine Strategie ist? Kontakte suchen. Kontakte halten, Freunde. Und immer nach draußen gehen. In meinem Leben immer wieder neue Situationen erfahren und dazu nach draußen gehen. Versuchen, Leute kennen zu lernen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass meine jetzigen Kontakte, wertvolle Kontakte: meine Freunde, Arbeitskollegen, mein Chef – die habe ich alle draußen kennengelernt, nicht hier drinnen in meiner Wohnung! Also Rausgehen!"

Oliver Heß

Oliver Heß schaut nicht zurück – und auch nicht zu weit nach vorne.

"Ich lebe jetzt und es ist gut so."

Oliver Heß


17