BR Fernsehen - Sehen statt Hören


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KODAs Mein Kind ist hörend - was nun?

Die Kinder sind hörend, die Eltern gehörlos – für diese Familienkonstellation gibt es einen eigenen Namen: man spricht von KODAs ("Kids of Deaf Adults"). Eine Herausforderung? Durchaus.

Stand: 08.10.2019

Kinder zu erziehen ist eine große Aufgabe. Und die allermeisten Eltern wünschen sich, dass ihr Nachwuchs selbstbewusst und stark durchs Leben geht. Genauso geht es natürlich auch gehörlosen Müttern und Vätern. Dabei gibt es einen besonderen Umstand: Meistens sind die Kinder gehörloser Eltern hörend. Und so macht sich nicht selten Unsicherheit breit: Wie schafft man es in diesem Fall, ein Kind zu erziehen und gut mit ihm zu kommunizieren?

Info

 „Coda“ mit C nennen sich die erwachsenen Kinder gehörloser Eltern.
„Koda“ mit K steht für die Jüngeren.

Familie Keller

Familie Keller

In der Nähe von Frankfurt wohnt die Großfamilie Keller in einem Häuserkomplex (= eine Gruppe von Gebäuden). Hier gibt es Gehörlose, Schwerhörige, Hörende und Kodas. Das Thema Kommunikation ist also besonders wichtig. Und nicht ganz unproblematisch. Schließlich haben Manuela und Stefan Familien-Gesprächsregeln aufgestellt, damit die Gebärdensprache Vorrang hat.

Wie die Familienmitglieder miteinander kommunizieren ist situationsabhängig: Je nachdem, wer anwesend ist, wird gebärdet oder gesprochen. Doch manchmal – gerade in Stresssituationen – fühlt sich das eine oder andere Familienmitglied außen vor. Ein Beispiel: Die Kinder streiten lautsprachlich und die Mutter kann nicht eingreifen, weil sie nicht weiß, um was sich der Streit dreht.

Bei besonderen Anlässen sorgen die Eltern vor: Für Leopold, den Sohn der Familie, ist es nichts Besonderes, dass auf seiner Geburtstagsparty auch eine Gebärdensprachdolmetscherin ist. Seiner Mutter ist wichtig, direkt mit seinen hörenden Freunden kommunizieren zu können.

"Mir ist wichtig, dass die Kinder sich nicht belastet fühlen und sich keine Gedanken machen müssen. Sie sollen sich gut und normal fühlen und Freude haben. So soll es bleiben. Es soll keine Last sein, dass sie hören können. Denn sie sind nicht für uns Eltern verantwortlich, weil wir „anders“ sind. Sie sollen sich nicht verstellen müssen, wenn sie gebärden. Für meine Kinder soll es ganz natürlich sein, dass ihre Eltern gehörlos sind. Es gehört dazu und soll sich so weiterentwickeln."

Manuela Keller-Schmidt

"Für die Kinder sehe ich auch einen Gewinn darin, wenn die Eltern gehörlos sind. Ich hab‘ gehörlose Eltern – na und?! Ich kann gebärden! So ist das in Familien aus anderen Kulturen auch. Die Kinder ziehen ebenso einen Gewinn daraus wie unsere Kinder: Sie können zwischen den Sprachen und Kulturen hin-und-her-switchen, das macht Spaß!"

Stefan Keller        

Was in der Familie und im Freundeskreis scheinbar mühelos klappt, ist gerade im Kontakt mit der Außenwelt manchmal ein Kraftakt: Als Eltern müssen Manuela und Stefan immer präventiv denken. Nur ein Beispiel: Ein Lehrergespräch ohne Dolmetscher kann nicht gut funktionieren.

"Ich will in meiner Kommunikation nicht behindert werden. Also nehme ich immer eine Gebärdensprachdolmetscherin mit. Dann erlebt auch das Kind, dass die Kommunikation in beiden Sprachen klappt. […] Ich lasse mich nicht in die Rolle des Hilfsbedürftigen drängen. Ich stelle mich dem Problem und finde eine Lösung. So bleibt man auf Augenhöhe."

Stefan Keller

Familie Paulus

Familie Paulus

Laura ist 19 Jahre alt und wohnt zusammen mit ihren Eltern in Mering, einem Ort in der Nähe von Augsburg. Laura ist Coda. Ihre Eltern waren immer sehr darauf bedacht, ihre Tochter zu fördern. Auch wenn die Mutter die einzige Gehörlose unter hörenden Müttern war, ist sie mit ihr in Krabbel-, Mutter-Kind-Gruppen und in den Kindergarten gegangen. Sie wollte, dass Laura möglichst viele Höreindrücke bekam.

Laura wurde erst viel später im KODA-Camp bewusst, dass es noch viele andere Kinder gibt, deren Eltern gehörlos sind. Seither findet sie, dass sie nicht nur in zwei, sondern sogar in drei Welten lebt: der Gehörlosen, der Hörenden und der dazwischen, der KODA-Welt.

"[…] Viele Leute sagen ja, ach Gehörlose, was können die schon? Ich finde meine Eltern sind was Besonderes! Sie sind gehörlos und können so viel […] Und ich freue mich, dass sie mich immer unterstützt haben. Sie haben mir Gebärdensprache und viele andere Dinge beigebracht. Ich schaue immer zu meinen Eltern auf und sie sind mir ein großes Vorbild."

Laura Paulus  

Trotzdem gab es auch für sie schwierige Zeiten. Gerade in der Pubertät hatte Laura Schwierigkeiten in der Schule. Sie wurde gemobbt, die Mitschüler verspotteten sie und die Lehrer erkannten das eigentliche Problem nicht. Die Eltern Elisabeth und Franz fühlten sich überfordert – ohne Dolmetscher.

"Wir stießen ständig an Grenzen. Statt direkt zu kommunizieren, mussten wir schreiben. Die Barrieren waren das Problem. Für jedes Gespräch hätte die Schule ganz selbstverständlich einen Dolmetscher bestellen müssen, weil wir Eltern gehörlos sind. Das wäre gut gewesen! Aber leider ist das bis heute noch nicht so…"

Franz Paulus

Laura hat es auch durch die Unterstützung ihrer Eltern geschafft: Sie hat ihre Schule abgeschlossen und geht ihren Weg.

Die KODA-Familienwoche

Kindererziehung ist für alle Eltern eine große Herausforderung. Wichtig ist auch ein Erfahrungsaustausch. Auch für gehörlose Eltern und ihre hörenden Kinder.  Daher treffen sich die Betroffenen regelmäßig. Im Sommer kamen wieder 60 Familien aus vielen Teilen Deutschlands hochmotiviert zur KODA-Familienwoche ins Allgäu – mit Vorträgen und Gesprächen und viel Zeit für persönliche Gespräche.

"Also mein Ziel ist, dass die Kinder als glückliche und starke Kodas wieder heimgehen. Dass sie neu ermutigt werden und eine stolze Identität entwickeln können – bis hin zum Erwachsenenalter. Stabilität ist es, was ich mir für sie wünsche."

Nadine Höchtl, Organisationsteam CODA-Familienwoche

Während sich die Erwachsenen austauschen, lernen sich die Kinder kennen: 17 CODA-Betreuer kümmern sich um 90 KODA-Kinder. Die Nachricht ist: Du bist nicht allein als KODA und alle sind etwas Besonderes.

"[…] wir möchten, dass auch die Betreuer Codas sind, weil sie sensibilisiert sind und ein Austausch möglich ist über die Erfahrung, wie es ist, mit gehörlosen Eltern aufzuwachsen. Die Kinder sehen: Ach deine Eltern sind auch gehörlos? Dann sind wir ja gleich. Das ist unser Konzept!"

Jasmin Klohe, Organisationsteam


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