BR Fernsehen - Sehen statt Hören


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Kunst, Kultur und Unterhaltung "Klappe ab!"

In diesem Jahr sind fast alle geplanten Kulturveranstaltungen der Gehörlosen aufgrund der Corona-Pandemie ausgefallen. "Sehen-statt-Hören"-Moderator Ace Mahbaz hat sich deswegen in Sachen Kultur und Unterhaltung umgesehen - und das nicht nur in Deutschland. Und dabei hat er so einiges entdeckt.

Stand: 12.11.2020

Ace Mahbaz | Bild: BR

Bei "Klappe ab!" geht es um Kultur, Unterhaltung und aktuelle Sachen. Wir hoffen, ihr könnt euch dabei zurücklehnen und die Sendung genießen.

Rosana sieht es mit Humor

Rosana ist eine gefeierte Comedian, aber schon eine ganze Weile nicht mehr aufgetreten. "Sehen statt Hören“ konnte sie für"„Klappe ab!" gewinnen.  Für uns hat sie ihren ganz normalen Alltag mit Maske geschildert – auf ihre unvergleichliche Art und Weise.  

Danas Vlog

Im ersten Shutdown der Corona-Pandemie wurde eine Kulturform besonders groß: Videos und Vlogs boomten im Netz. Auch Dana machte aus der Not eine Tugend. Durch Corona hatte sie plötzlich nichts zu tun, weil alle ihr Projekte passé waren und so suchte sie sich eine andere Aufgabe: Dana teilt Themen im Netz, die es in sich haben – und fordert zur Diskussion auf: Sex, Rassismus, Menstruation. Dafür erhält sie riesigen Zuspruch. Ihr Erfolgsrezept?

"Taube Menschen reden ja gerne über alles und schmücken wild aus. Aber keiner stellt so etwas online. Ich glaube, viele haben auch Angst in Zeiten von bestimmten Unterdrückungen oder in Bezug auf Sexismus etwas falsch zu machen und lassen lieber davon ab. Sie wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. Obwohl man das auch etwas lustig oder witzig aufziehen könnte. Also habe ich das so thematisiert und es hat die Leute in den Bann gezogen."

Dana Cermane

Für Dana ist das Projekt durchaus ausbaufähig: Sie plant Vor-Ort-Reportagen, Interviews, am liebsten mit Team. Mehr will sie im Moment noch nicht verraten.

Visual Vernacular weltweit

Auf den Social Media Plattformen ist auch jetzt eine besondere Kunstform gehörloser Menschen zu finden: Visual Vernacular, kurz VV. Sie wird auf der ganzen Welt verstanden – unabhängig von DGS oder anderen Gebärdensprachen. Erwan präsentiert online Live-Sessions, die tatsächlich weltweit mitverfolgt werden. Eigentlich tritt Erwan vor Publikum auf und gibt Workshops – doch als Covid-19 begann musste auch er zuhause bleiben. Seither geht er online auf die Bühne.

"[..]Ich hätte nicht gedacht, dass es solche Ausmaße annimmt. Vielleicht 100 oder 200 Leute, die mir bei den Sessions zuschauen – mehr nicht. Aber das lief bombastisch gut. Es wurden immer mehr und viele waren davon begeistert. […] Ich habe nicht damit gerechnet. Es waren viel mehr als ich dachte, aber super. Zudem wissen viele nichts von VV. Es ist aber wichtig, Visual Vernacular zu kennen. Schließlich ist es DIE Kunstform von uns tauben Menschen. Also nutzte ich die Gelegenheit, um VV mehr zu verbreiten. Klasse. Das fühlt sich gut an."

Erwan Cifra

Erwan hat einen wichtigen Traum: Er wünscht sich, dass Visual Vernacular auf der ganzen Welt an gebärdensprachlichen Schulen zum Unterrichtsfach wird.  Die Kinder sollen das lernen, genauso wie hörende Kinder über Gedichte oder Poesie unterrichtet werden. 

Theater aus Schweden

Gehörlosenkultur geht aber auch ganz anders als in Deutschland – wie beispielsweise die schwedische Theatergruppe Tyst Teater beweist. Sie besteht seit 50 Jahren und wird finanziell voll und ganz von der Regierung unterstützt. Waren am Anfang noch viele Hörende eingebunden, so wurde aus der Truppe im Laufe der Jahre eine nahezu ausschließlich taube Theatergruppe. Doch auch sie sind von der Corona-Pandemie betroffen.                                  

"[…] Wir folgen natürlich den Auflagen, also mit Abstand halten, Hände desinfizieren und so. Doch für die Jubiläumsveranstaltung mussten wir unseren Plan ändern. Es gibt also keine Feier. Dafür werden wir live im Internet zu sehen sein. Bekannte Persönlichkeiten sind eingeladen, mit den wir Gespräche führen werden. Wir hoffen, dass das alles klappt."

Mindy Drapsa, künstlerische Leiterin des Tyst Teater

Erfahrungen in anderen Ländern sammeln

Natürlich darf bei „Klappe ab!“ Giuseppe Giuranna nicht fehlen.  In Deutschland kennt ihn jeder als Visual-Vernacular-Maestro, aber auch wegen seiner Poesie-Darstellungen und vielen Theaterauftritte ist er bekannt. Gerade ist er in Schweden - nicht trotz, sondern gerade wegen Corona. Sein Rat an alle deutschen Künstler*innen: durch die Welt reisen und sich kulturell umzusehen.

"Der Austausch ist enorm wichtig. So arbeitet jeder für sich alleine und ist erst einmal wie vor den Kopf geschlagen, wenn er andere Projekte sieht. Es braucht mehr Zusammenarbeit. Hoffentlich passiert das in Zukunft."

Giuseppe Giuranna

Preisgekrönter Kurzfilm

Abschließend wirft Ace Mahbaz noch einen Blick auf den Bereich "Film". Hier gibt es eine tolle Nachricht: Kürzlich hat ein Tauber mit seinem Kurzfilm, den er bei verschiedenen Festivals einreichte, einen Preis für die beste Cinematography bekommen. "Scarlett" heißt das Werk von Regisseur Tobias Lehmann. Der dreht gerade seinen zweiten Kurzfilm – komplett auf eigene Kosten. "Sehen statt Hören" durfte beim Dreh dabei sein, obwohl es auch hier in Corona-Zeiten Einschränkungen gibt. Doch davon lässt sich der Filmemacher nicht abhalten. Im Gegenteil: Er wünscht sich mehr Kollegen hier in seiner Heimat.

"In Deutschland gibt es schon ein paar taube Filmemacher. Leider sind das nicht viele. Wenn man nach Amerika schaut, da gibt es etliche. Hier sind es gerade mal vier Filmemacher. Vielleicht gibt es noch den einen oder anderen. Ich hoffe aber, dass es mehr werden. Vielleicht trauen sich aufgrund meiner Filme weitere Leute."

Tobias Lehmann, Regisseur

Ein Fazit

Es gibt sie noch, die Gehörlosenkultur. Auch in Corona-Zeiten. Da sucht sie sich eben andere Wege. Und wir glauben fest daran, dass mit nachlassendem Corona-Virus, auch die Kultur wieder stärker wird. Vielleicht sogar durch die neuen Erfahrungen mit anderen Facetten.


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