BR Fernsehen - Sehen statt Hören


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Proud to be Deaf < 0 / Andreas Costrau

Gebärdensprache ist seine Sprache, seine Identität; er lebt ‚Deafhood‘. Um das zu erkennen und in der Gebärdensprache anzukommen, musste er erst ein paar Jahre Pause in der Welt der Hörenden machen.

Published at: 18-10-2023

"Ich bin Andreas. Taub. Ich glaube zuerst kommt Taub und dann Andreas. Ob ich Taub, hörend oder schwerhörig bin, ist egal. Es geht mehr darum, zur Welt der Tauben zu gehören, oder anders gesagt, ich fühle mich in der Welt der Tauben wohl."

Andreas Costrau ist besonders – da sind sich die Menschen, die ihn kennen, einig. Ein Vorbild sei er, einen großen Beitrag für die Taubengemeinschaft geleistet habe er, als zielstrebig und engagiert, ehrlich und direkt wird er beschrieben. Doch gerade deshalb gibt es auch andere Meinungen zu ihm.

"Er hat oft eine starke Meinung, von der er nicht loslässt oder sich beirren lässt. Keine Chance. Total standhaft. Da merkt man, dass das andere verunsichert, zu Reibung führt. Er steht zu seiner Meinung und fertig. Das ist gut für den Aktivismus. So etwas wird gebraucht, Standfestigkeit und Klarheit."

Christine

Ein (unbequemes) Vorbild in der Community

Was allen klar ist, die ihn kennen: Die Deaf Community ist Andreas Heimat, die Tauben-Kultur seine Überzeugung. Und die Gebärdensprache seine Leidenschaft. Und diese Leidenschaft möchte Andreas am liebsten mit allen teilen – auch mit allen Hörenden. 

Andreas ist Vorbild und Unterstützer. "Was die Identität als Taube betrifft, die Tauben-Kultur, wäre ich ohne ihn vielleicht nicht so überzeugt. Wenn es zum Beispiel um Diskussionen mit Hörenden geht, würden mir die Argumente fehlen. Mit seiner Haltung bin ich standfester, weil ich seine Argumente, seine Worte aufgreifen kann. All das ist wie ein Zauber für mich", schwärmt Dana.

Um diese Identität zu stärken, ist Andreas für andere hin und wieder unbequem. So hat Andreas beispielsweise vor etwa zehn Jahren den "Behinderten-Preis“ eingeführt – ein Negativ-Preis für Personen, die Behinderte behindern – ganz nach dem Motto „Wir sind nicht behindert, sondern werden behindert." Ein Ansatz, der Andreas gefällt. "Was meint also "behindert"? Ich stoße auf ein Hindernis, werde behindert. Also bin nicht ich behindert. So wie ein Rollstuhlfahrer durch eine Treppe behindert wird. Es geht um den Zugang. Ich wollte den Begriff "behindert" gerne zurückspielen."

Jahre in der Welt der Hörenden

Dabei war Andreas nicht immer so – im Gegenteil: In seinen jungen Jahren war er mit sich nicht im Reinen. Er wusste nicht, wer und was er war. Taub? Schwerhörig? Zwischendurch war er sogar raus aus der Welt der Gehörlosen – und voll und ganz bei den Hörenden. Olaf Tischmann erinnert sich an diese Zeit: "Er sprach davon, dass viele ihn nicht akzeptierten, weil er schwerhörig ist. Die Ursache oder das Problem lag an der Schule. Gehörlose und Schwerhörige wurden immer getrennt. Sie meinten es also nicht so. Zudem gab es auch einige, die neidisch auf ihn waren, weil er wahnsinnig gut gebärdete und sprechen konnte. Er hatte unheimliche Kompetenzen."

Außergewöhnliche Fähigkeiten

Diese außergewöhnliche Fähigkeit zu Gebärden wurde von vielen bemerkt. Mehr als das: Es war ein "Wow-Erlebnis" für manchen. Olaf Tischmann erinnert sich: "Er war so scharfsinnig, mit seinem Auftreten. Ich war damals Gebärdenkursleiter und kannte einige andere. Andreas aber war so klar, so bildhaft, seine Person, das Verständnis; dann noch als Berliner. Es passte so und ich empfahl ihm, die Ausbildung zum Gebärdensprachdozenten. Er war ganz irritiert und wusste nichts davon. Er dachte, es wäre ganz normal, wie er gebärden würde."

Für Andreas Costrau war die Begegnung mit Olaf Tischmann, "der Bruch" wie er es selbst nennt. Bis dahin dachte er, er würde "Schwerhörigen Gebärden" machen - keine reine DGS, sondern eher eine steife DGS mit viel Mundbild. "Das war das Bild, das ich von mir hatte, womit ich aufgewachsen bin. Und als eben Olaf mir sagte, ich müsse unbedingt unterrichten, war ich verwundert."  

Rückkehr in die Welt der Tauben – mit Deafpower

Damit endeten für ihn "30 verlorene Jahre", wie er das selbst bezeichnet. "Und ich habe nochmal 10 Jahre gebraucht, um fest zu meinem Taubsein zu stehen. Und jetzt bin ich eben ein Tauber." Ein Tauber mit Deafpower. Und die gibt er durch seine Lebensart, aber auch durch seine Kurse weiter. Und die besuchen auch Hörende. "Ich versuche sie immer näher an die Sprache, die Welt und Kultur Tauber Menschen zu führen."

Doch seine Gebärdensprache ist anders – nicht steif, sondern modern, lebendig und locker. Sie zielt auf die Welt der Tauben ab, ist weniger auf den Hörenden ausgelegt. Damit kommt nicht jeder zurecht. "Da braucht’s wohl eine Auffrischung oder Weiterbildung in Sachen Gebärdensprache", ist sich Andreas sicher.

"Gebärdensprache ist für mich heilig. Es ist einfach die Sprache. Irgendwie unbeschreiblich. Sie ist dreidimensional, dann die Art zu gebärden, mit der Mimik, so detailreich. Mit wenigen Bewegungen kann alles verstanden werden; so wie gerade das landende Flugzeug. Wenn ich gebärde, läuft parallel ein Film ab, für den ich keine Untertitel brauche. Es ist einfach unbeschreiblich. Gebärdensprache ist für mich wie das Wasser für Fische, so wie die Luft für uns Menschen. Eigentlich selbstverständlich; sollte es sein. Aber leider ist es nicht selbstverständlich."

Andreas Costrau

Welt der Tauben ist unschlagbar

Heute kann Andreas Costrau sowohl mit Hörenden als auch mit Gehörlosen. Aber er möchte mehr mit Gehörlosen zusammen sein. Da fühlt er sich wohl. Bei Gehörlosen findet er seinen Platz. Das ist ihm durch seine "Pause mit der Welt der Tauben§, in der er voll in die Hörenden-Welt eingetaucht ist, bewusst geworden. Er hat den direkten Vergleich.

Sein Fazit: "Bei den Tauben ist es der Wahnsinn. Sie sind einfach spitze. Das wurde mir da klar. Ich bin also zurück an die Spitze, zu den Tauben zurückgekehrt. Ich möchte den Tauben immer wieder sagen, wir Taube sind im Vergleich zu Hörenden absolut unschlagbar."

Gerne würde Andreas den Hörenden Zugang zu dieser Welt ermöglichen. Für ihn geht das erstmal über die Sprache. Sein Traum: Hörende unterrichten selbst Gebärdensprache. Denn dann ist sie wirklich anerkannt – und gleichgestellt. Deafpower wäre dann nicht mehr nötig, sagt er.


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