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Ausstellung Die Verfolgung der Sinti und Roma in München

Seit Jahrhunderten ist der Blick auf Sinti und Roma geprägt von Stereotypen und Abneigung. Mit dem Nationalsozialismus begann die staatlich organisierte Verfolgung und Ermordung dieser Minderheit: Bayern und München spielten hier eine Vorreiterrolle. Im NS-Dokumentationszentrum München befasst sich nun eine Ausstellung mit diesem Teil der Geschichte und der folgenden Diskriminierung im Nachkriegsdeutschland.

Stand: 04.11.2016

Ausstellung "Die Verfolgung der Sinti und Roma in München und Bayern 1933-1945"; Familie Höllenreiner | Bild: NS-Dokumentationszentrum

Das größte Foto in der Ausstellung stammt vom 4. April 1989 in der KZ-Gedenkstätte Dachau. Deutsche Sinti, darunter Überlebende von Ausschwitz, waren in den Hungerstreik getreten: sie forderten "moralische Wiedergutmachung" und vor allem ein Ende der fortdauernden Diskriminierung durch Justiz und Polizei.

Der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, war einer von ihnen. 13 Familienmitglieder, darunter seine Großeltern, wurden in Konzentrationslagern ermordet.

"Die Nachkriegswirkungen des Holocaust, die haben sich auch in meiner Familie abgezeichnet. Die Demütigungen und Erniedrigungen, die meine Eltern erleiden mussten, die haben sich natürlich auch auf uns Kinder übertragen."

Romani Rose

Sein Vater, Oskar Rose, überlebte unter falscher Identität, als Alexander Adler. Der gläubige Katholik hatte sich 1943 vergeblich an Erzbischof Kardinal von Faulhaber gewandt, angesichts der Massendeportation von Sinti und Roma. Im letzten Jahr tauchte ein Tagebucheintrag Faulhabers auf und belegt, dass er den Empfang Oskar Roses und Hilfe verweigert hat.

Bayern bzw. München waren Vorreiter darin, Sinti und Roma rassistisch zu diskriminieren, sie zu kriminalisieren und zu stigmatisieren. 1899 wurde bei der Münchner Polizei eine "Zigeunerzentrale" eingerichtet. Das Ziel:  die systematische Erfassung mit Fingerabdruck. Später diente diese "Zigeunerpolizeistelle" als zentrale Nachrichtenstelle für die Nazis und ihren Völkermord. 500.000 Sinti und Roma wurden allein ihrer Abstammung wegen ermordet.

"Wir sind Deutsche gewesen. Unsere Großväter waren im Ersten Weltkrieg z. B. Soldaten. Sie haben in Frankreich gekämpft, und all diese Normalität - katholisch zu sein, überwiegend sind wir ja katholisch oder protestantisch, monarchistisch zu sein, oder Republikaner zu sein - alle diese Normalitäten, die wir mit dem größeren Teil der Bevölkerung geteilt haben, haben nicht dazu geführt, dass die Nazis das berücksichtigt haben, sondern sie haben uns ausgesondert, auf der Grundlage der Abstammung: Blut und Boden."

Romani Rose

Das "Anderssein" wurde akribisch vermessen und in rassischen Kategorien eingeteilt. Ärzte und Beamte, die dieser rassistischen Überzeugung Folge leisteten, diskriminierten nach dem Krieg in ihren neuen Posten Sinti und Roma weiterhin und widersetzten sich der Rückkehr und Integration der Überlebenden. Die Bilder des minderwertigen "Zigeuners" waren und sind leider zum Teil heute noch in den Köpfen der Gesellschaft tief verankert: 1956 entschied der Bundesgerichtshof sogar, dass die von den Nazis angeordnete Deportation als "Umsiedlung" zu werten ist. Damit war ein Entschädigungsanspruch fast unmöglich. Erst 1982, nach der Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma, wurde offiziell der Völkermord aus "rassischen Gründen" anerkannt. Bis dahin pflegten Politik und Medien die alten antiziganistischen Ressentiments.

56 Jahre später, dort, wo in München einst das "Landfahrerlager" war, im Volksmund "Zigeunerschlucht" genannt, findet ein theatraler Stadtspaziergang statt. Junge Sinti und Roma, Anwohner und Schauspieler, erzählen in dem Stück "Schluchten" der Regisseurin Dorothea Schroeder Geschichten, authentische Geschichten. Das Projekt wurde unterstützt von Mad House, einer Institution, die sich für Sinti und Roma einsetzt. Ihr Wunsch nach einem eigenen Kulturzentrum wurde in diesem Jahr von der Stadt München abgelehnt.

"Wir haben versucht, klar zu machen, dass wir sichtbar werden wollen. Dass sich viele nicht trauen, sich zu outen, weil sie Repressionen fürchten müssen. So haben wir also den Vergleich gebracht, dass die frühere israelitische Kultusgemeinde, die früher in der Reichenbachstraße war, nicht sichtbar war. Seit sie am St. Jakobsplatz ist, ist sie sichtbar."

Alexander Diepold, Mad House

Wie bedeutend diese Sichtbarkeit für Sinti und Roma ist, zeigt die Ausstellung im NS-Dokumentationszentrum. Das wissenschaftliche Team recherchierte erstmals alle damals in München lebenden Opfer des Völkermordes. Und so erinnert die Ausstellung "Die Verfolgung der Sinti und Roma in München und Bayern 1933-1945" auch an die bayerischen und Münchner Sinti und Roma.

Weiterführende Informationen

Ausstellung "Die Verfolgung der Sinti und Roma in München und Bayern 1933-1945"
im NS-Dokumentationszentrum München, bis 20.01.2017

"Schluchten"
Performance am 23.11. im NS-Dokumentationszentrum München

Autorin des Filmbeitrags: Fatema Mian


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