BR Fernsehen - Lebenslinien


49

Lebenslinien - Rainer Maria Schießler: Predigt, Podcasts und Partnerschaft Pfarrer Schießler - Glaube, Liebe, Rebellion

Er segnet Tiere und homosexuelle Paare, er ist 24 Stunden für seine Gemeinde erreichbar, er bedient auf der Wiesn und spendet die Einnahmen, in seiner Freizeit fährt er Motorrad, er ist immer nah dran an den Menschen und …er lebt mit einer Frau zusammen.

Stand: 09.09.2020 | Archiv

Rainer Maria Schießler kommt 1960 in München-Laim in einer streng katholischen Familie zur Welt. Sein vom Krieg traumatisierter Vater fordert Gehorsam von beiden Söhnen.

Filminfo

Originalitel: Pfarrer Schießler - Glaube, Liebe, Rebellion (D, 2020)
Regie: Daniela Agostini
Redaktion: Sonja Hachenberger
Länge: 45 Minuten
VT-UT, 16:9, stereo

Schon früh entfremdet Rainer, der Jüngere, sich vom Vater und findet mit zehn Jahren eine zweite Heimat in der Kirche, zunächst als Ministrant, später als Jugendgruppenleiter.

Er merkt, dass er hier Bestätigung bekommt und etwas bewirken kann. Sein Entschluss, Priester zu werden, reift heran. In einer Zeit, in der andere erste Erfahrungen mit Liebesbeziehungen machen, geht er ins Kloster – nicht ahnend, dass die Einsamkeit ihn quälen wird.

Als überraschend seine Mutter stirbt, bricht er das Noviziat ab und beschließt, Theologie zu studieren. Nachts fährt er Taxi, um Geld zu verdienen – für ihn die perfekte Vorbereitung auf die Arbeit als Seelsorger.

Als er 1993 seine erste Stelle als Pfarrer in der Pfarrei St. Maximilian antritt, muss der 33-Jährige sich mit einer zerstrittenen Gemeinde im Schwulenviertel Münchens auseinandersetzen.

In dieser Zeit nähert er sich seinem Vater an und erkennt, welche Stärke dieser in der Nazi-Zeit bewies. Bis heute motiviert Rainer der Gedanke, dass es dem Vater darum ging, etwas konsequent zu verfolgen.

Dies macht auch er auf seine Art: unkonventionell in Predigt, Podcasts und Partnerschaft.

Autorenstatement von Daniela Agostini

Pfarrer Rainer Maria Schießler

Was hat dich an Rainer Maria Schießler am meisten beeindruckt?

Es ist ja oft so, dass einen das Gefühl beschleicht, dass medienerfahrene und prominente Menschen in der Öffentlichkeit gerne ein bestimmtes Bild von sich zeigen möchten, sobald die Kamera läuft und man ihnen deshalb nicht wirklich nahe kommt, weil sie eine bestimmte Rolle spielen. Das erstaunliche war, dass ich dieses Gefühl bei Rainer Maria Schießler nicht hatte. Vom ersten Drehtag an habe ich einen sehr offenen, interessierten und authentischen Menschen kennengelernt, der - einmal dem Filmprojekt zugesagt – sich auch hundertprozentig darauf eingelassen hat. Die Türen waren immer für uns geöffnet, wir konnten uns völlig frei im Pfarrhaus bewegen, alle Fragen stellen und haben viele schöne ungezwungene Gespräche im Pfarrhof geführt. Ich denke, dass es diese offene und ehrliche Art ist, die viele Menschen überzeugt.

Was war besonders bei den Dreharbeiten?

Die biografischen Daten von Pfarrer Schießler sind größtenteils bekannt, auch durch seine zwei Bücher, die er 2016 und 2018 veröffentlicht hat. Interessant ist es deshalb, den Menschen hinter den Fakten kennenzulernen, wie verhält er sich, was treibt ihn an, was bewegt ihn? Die ersten Drehtage sind immer besonders wichtig, weil sie Weichen für die kommenden Dreharbeiten stellen. Zwei Dinge haben mich und auch meine Kollegen von Kamera und Ton bei Rainer M. Schießler von Anfang an besonders überrascht. Einmal die unglaubliche Energie, die ihn antreibt. Egal, um welche Uhrzeit wir ihn getroffen haben, immer gab es Programm, am besten ohne Pause. Und während wir nach vielen Stunden Dreharbeiten schon ziemlich müde waren, kam immer noch die Frage „Und, was machen wir jetzt?“ Zudem hat uns zweitens auch seine Fähigkeit, Geschichten zu erzählen, beeindruckt - unabhängig davon, ob die Kamera lief oder nicht, man hört einfach gerne zu. Auch wenn Schießler manche Anekdoten in seinem Buch oder Interviews sicherlich schon öfters erzählt hat, merkt man das nie. Immer erzählt er mit großer Begeisterung – eine Kunst. Oft wusste ich am Ende des Tages nicht mehr, ob ich bestimmte Fragen im Interview mit der Kamera gestellt und aufgezeichnet hatte oder ob das nur so nebenbei mal im Gespräch gefallen ist.

Wie hast du die Beziehung von Gunda und Rainer erlebt?

Leider war ein erstes Treffen mit Gunda zur Vorbereitung der Dreharbeiten lange nicht möglich, weil ab Mitte März die Covid-19-Kontaktbeschränkungen in Kraft getreten sind. So konnten wir nur telefonieren und ich war mir natürlich nicht sicher, wie Gunda vor der Kamera zu ihrer Beziehung mit Pfarrer Schießler sich äußern und zeigen möchte – schließlich ist eine Beziehung eine private Angelegenheit und natürlich auch heikel. Doch schon beim ersten Treffen wusste ich sofort: Gunda ist genauso offen, ehrlich und konsequent wie Rainer Schießler. Wenn sie einmal zusagt, dann bleibt sie auch dabei. Und schon aus diesem Grund verstehen sich die beiden so gut, auch wenn es manchmal hitzige Diskussionen gibt. Ich denke, dass sie sich sehr mögen, dass sie gute Gesprächspartner sind, sich umeinander kümmern und sich hundertprozentig aufeinander verlassen können. Gunda ist es auch, die Rainer Schießler Rückmeldung zu vielen praktischen Dingen ("was soll ich anziehen?") wie auch zu inhaltlichen gibt - sei es zur Qualität seiner Sonntagpredigt oder zu seinem letzten Interview. Es ist gut, dass sie sich gefunden haben. Aus der Pfarrei wäre Gunda auch gar nicht mehr wegzudenken. Und es ist auch durchaus glaubwürdig, dass Rainer Schießler an seinem Zölibat festhält. Geheimniskrämerei liegt ihnen beiden nicht. Sondern konsequentes Handeln und dazu gehört auch, zu Entscheidungen zu stehen.


49