0

Naturerlebnis für alle und Outdoor-Inklusion in Kärnten Barrierefreies Wandern am Weissensee

In der Natur liegt Kraft – auch für Menschen mit Handicap. Doch mit Rollstuhl, Rollator oder Kinderwagen ist das Naturerlebnis oft nur eingeschränkt möglich. In Kärnten gibt es aber das zertifizierte und preisgekrönte Projekt „Naturerleben für ALLE“. Dazu gehört auch eine barrierefreie Inklusionstour am Weissensee im Bezirk Spittal an der Drau.

Author: Ulrike Nikola

Published at: 5-5-2023

Naturerlebnis für alle und Outdoor-Inklusion in Kärnten | Bild: BR; Ulrike Nikola

Barrierefreiheit ist für viele Menschen wichtig, nicht nur für Helmut Jost, der seit einem Radunfall querschnittsgelähmt ist. Auch für seine Frau Christina, die mit zwei kleinen Töchtern im Kinderwagen nebenher wandert. Am Weissensee in Kärnten nehmen sie daher gemeinsam an einer Inklusionstour teil, begleitet von den beiden Naturpark-Rangern Julian Kogel und Robert Röbl. Von Techendorf geht es am Westufer des Sees entlang zur ornithologischen Beobachtungsstation, wo die Teilnehmenden mit Keschern im Wasser nach Larven fischen und diese dann unter dem Mikroskop bestimmen können. Auf dem Weg dorthin erzählen die Naturpark-Ranger viel Wissenswertes über das Leben im Schilf sowie über die Flora und Fauna am und im Weissensee.

Mit dem Rolli unterwegs am Weissensee

Das Besondere dieser Tour ist die Barrierefreiheit. Der Wanderweg verläuft weitestgehend eben mit nur einer kleinen Steigung. Als der geteerte Weg im letzten Drittel in Schotter übergeht, fragt Naturpark-Ranger Julian Kogler beim Rollstuhlfahrer nach, ob er gut vorankommt. Für Helmut Jost, Handbiker im österreichischen Nationalteam, ist der steinige Untergrund kein Problem. „Ältere Menschen könnten da schon Hilfe brauchen“, merkt er an, „aber da können ja die Ranger schieben helfen.“ Im Rahmen des LEADER-Projekts „Naturerleben für ALLE“ wurden die beiden Ranger Julian Kogel und Robert Röbl entsprechend geschult, Menschen mit und ohne Handicap gemeinsam durch die Natur Kärntens zu führen. Das Projekt wurde sogar mit einem Inklusionspreis ausgezeichnet.

Der blinde Gernot Morgenfurt riecht an einer Baumrinde

Einem blinden Teilnehmer hält einer der Naturpark-Ranger ein Stück Baumrinde unter die Nase, so dass er am Geruch erraten kann, worum es sich handelt: harzig duftendes Fichtenholz. Gernot Morgenfurt hat Multiple Sklerose und diese Nervenstörung hat seine Sehkraft auf fünf Prozent reduziert. So erkennt er nur Schatten, hell und dunkel. In der Natur wünscht er sich auf Wanderungen „möglichst keine Hindernisse und wenig Aufwand.“ Entlang des Weges gibt es mehrere Sitzmöglichkeiten zum Ausruhen und Genießen, ebenfalls speziell barrierefrei konzipiert mit Plätzen für Rollstühle neben den Sitzgruppen, so dass man direkt an den Tisch fahren kann. Auch die Schautafeln sind auch so gestaltet, dass man mit den Knien darunter kommt und alles gut lesen kann. Robert Röbl hat auch eine hölzerne Einstiegshilfe direkt am Ufer des Weissensees gebaut, damit jeder die Füße im Wasser abkühlen kann.

Neben diesem barrierefreien, kostenlosen Wanderangebot mit den Naturpark-Rangern gibt es auch eine Tour am Ostufer des Weissensees, zu der man mit einem barrierefreien Schiff gelangt und vor Ort dann per Audioguide geleitet wird. Der Locandy Audioguide ist als zusätzliches Angebot gedacht, damit Menschen mit einer Beeinträchtigung auf eigene Faust unterwegs sein können. Die Locandy-App gibt es im Play oder App Store kostenlos, der hinterlegte Audioguide basiert auf GPS und ist vor Ort freigeschaltet. Er bietet viel Wissenswertes zum Fischlehrpfad und über die Unterwasserwelt.

Rolli-Fahrer Helmut Jost und Gernot Morgenfurt

Draußen in der Natur unterwegs sein und neue Energie tanken, das gefällt auch Rolli-Fahrer und Handbiker Helmut Jost mit seiner Familie. Einen Ausflug oder eine Reise müssen sie allerdings gut vorbereiten, auch was die Unterkünfte angeht. Deshalb sucht Helmut Jost im Internet nach ÖZIV- zertifizierten Angeboten wie beispielsweise dem Ferienhof Neusachermoser am Weissensee, wo es neuerdings barrierefreie Zimmer und Bäder mit entsprechenden Duschbreiten, Halterungen bei der Toilette und vielem mehr gibt. Bautechnische Lösungen sind ebenso notwendig wie barrierefreie Internetangebote und Prospekte mit entsprechenden Kontrasten, Schriftgrößen oder Blindenschrift. Für Thomas Michor Leiter des Tourismusbüros Weissensee, ist aber auch wichtig, „dass mit diesem Projekt das Bewusstsein geschaffen wird, dass Menschen mit den verschiedensten Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Es geht nicht nur um die sichtbaren Rollstuhlfahrer, sondern auch um die Familien, die Kinderwägen haben und um ältere Menschen mit ganz unterschiedlichen Schwierigkeiten.

Der Österreichische Bundesverband für Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen, kurz ÖZIV, hat einen eigenen Kriterien-Katalog erstellt für das barrierefreie Projekt in Kärnten, das für ganz Österreich beispielhaft sein soll. Gernot Morgenfurt bringt es in einem Satz auf den Punkt: „Die Barrierefreiheit muss in die Köpfe der Menschen.“


0