Religion


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Neubeginn nach dem Holocaust Jüdisches Leben nach 1945

Fast sechs Millionen Juden in ganz Europa wurden im Holocaust auf grausamste Weise ermordet - nur wenige konnten sich retten und wagten hier, im Land der Täter, einen Neuanfang.

Stand: 08.09.2011 | Archiv

Deutschland im Frühjahr 1945: Der Krieg beendet - das Land stand vor den physischen, seelischen und geistigen Trümmern von zwölf Jahren Nazi-Herrschaft. Fast sechs Millionen Juden in ganz Europa wurden im Holocaust auf grausamste Weise ermordet - nur wenige konnten sich vor den Nazis verstecken, ihre Identität verbergen oder sich rechtzeitig ins Ausland retten. In Bayern hatten 1933 etwa 42.000 Juden gelebt - von ihnen blieben nur rund 1.600 übrig. Vor Hitlers Machtübernahme hatten in München mehr als 12.000 Juden gewohnt. Nach der Shoa schrumpfte ihre Zahl auf 430. Auch nach dem Ende des Nazi-Terrors sahen sich die wenigen überlebenden Juden immer noch einer weit gehend feindlich gegen sie eingestellten Umgebung gegenüber.

"Der Rest der Geretteten"

Zu den wenigen in Deutschland überlebenden Juden kamen nach 1945 noch Tausende von so genannten Displaced Persons (DP). In Bayern zählte man im September 1946 knapp 23.000 jüdische DPs - in der Regel Flüchtlinge oder Zwangsarbeiter.

Überlebt, gerettet, in Regensburg gelandet

Als DPs bezeichnete man überlebende Opfer der NS-Herrschaft. Der größte Teil kam aus Polen, Ungarn, Litauen, Russland, der Ukraine oder Rumänien in die so genannten DP-Lager der amerikanisch besetzten Zone - im wesentlichen also nach Bayern.

Die meisten von ihnen hatten alles verloren: Sie besaßen weder Heimat noch Familie, weder Kleidung noch Nahrung. Sie bezeichneten sich selbst als "She'erit Hapletha", als den "Rest der Geretteten" - ein aus einem Jesaja-Wort abgeleiteter Name, der eine Gruppe verschiedenster Menschen vereinte. Den Grundstein dafür, eine in zwölf Jahren fast völlig ausgerottete Kultur wiederzubeleben, legten sowohl überlebende deutsche Juden als auch Flüchtlinge aus Osteuropa. Geprägt wurde das jüdische Leben in Bayern aber in erster Linie durch die regen Aktivitäten der Mehrheit der so genannten Ostjuden.

Dabei kämpften die neu gegründeten Kultusgemeinden zunächst gegen ein großes innerjüdisches Stigma: Der Jüdische Weltkongress hatte 1948 auf seiner ersten Nachkriegstagung die offizielle "Ächtung jüdischen Lebens in Deutschland" ausgesprochen. Man wollte die in Deutschland verbliebenen Juden zur Auswanderung bewegen. Bis in die 1960er-Jahre blieben die deutschen jüdischen Gemeinden innerhalb der jüdischen Welt weitgehend isoliert.

Hintergrund: Keine Stunde Null nach '45 - der braune Spuk lebt fort

Umgeworfene Grabsteine auf Israelitischem Friedhof in München

Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus wurde die aufkeimende Hoffnung der Juden nach Gerechtigkeit und würdevoller Behandlung durch ihre Mitmenschen schnell wieder erstickt: Der Nationalsozialismus in Deutschland war zwar mit dem 8. Mai 1945 beendet, aber das braune Gedankengut längst nicht auf Kommando verschwunden.

Es lebte in den Köpfen vieler Deutscher weiter. Bis zum Ende der 1950er-Jahre durchlebte Deutschland eine spätnazistische Phase, in der sich ein anfangs versteckter Antisemitismus immer deutlicher zeigte. Manifest wurde er zum Beispiel durch Schändungen jüdischer Friedhöfe: die ersten gab es direkt nach dem Krieg, aber auch danach kam es bis heute immer wieder zu Hakenkreuz-Schmierereien auf jüdischen Gräbern. Während der größten Welle antisemitischer Aktionen im Nachkriegs-Deutschland wurden 1959 nicht nur Friedhöfe geschändet, sondern auch ein Anschlag auf die Kölner Synagoge verübt. International erregte das großes Aufsehen. Der damalige Bundeskanzler Adenauer traf sich ein Jahr darauf in New York mit dem israelischen Premier Ben-Gurion. Es war ein erster Schritt der Annäherung zwischen Israel und Deutschland. Aber erst 1965 kam es zur Aufnahme von diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Staaten.

Antisemitismus heute

Antisemitismus ist auch im Deutschland der Gegenwart vorhanden. Meinungsforscher "messen" seit Jahrzehnten in regelmäßigen Abständen, wie viel Antisemitismus in der Gesellschaft vorhanden ist. Das in etwa gleich bleibende Ergebnis: Etwa 20 Prozent der deutschen Bevölkerung sind antisemitisch eingestellt. Das Problem erledigt sich aber nicht mit dem "Aussterben" der Altnazis. An deren Stelle tritt eine massive Anzahl von Neonazis, die ihren Antisemitismus nicht mehr verstecken, sondern offen zur Schau stellen. Selbst in deutschen Länderparlamenten hat er Einzug gehalten: Im Januar 2005 provozierten rechtsextreme NPD-Abgeordnete einen Eklat, indem sie die Schweigeminute anlässlich des 60. Jahrestages der Befreiung des Lagers Auschwitz verweigerten.

Eingeschlagene Fensterscheibe: Anschlag auf jüdisches Gemeindezentrum

Nicht nur Friedhofsschändungen, auch Gewalt gegen jüdische Einrichtungen legen davon Zeugnis ab. Immer wieder laufen solche Meldungen durch die Presse. Die Brandanschläge 1970 auf das jüdische Altersheim in München, 1994 auf die Lübecker Synagoge oder 2000 auf die Synagoge in Düsseldorf sind nur wenige Beispiele.

Juden haben hierzulande, wie auch in anderen europäischen Staaten, allerdings auch noch mit einem weiteren Problem zu kämpfen, auf das Charlotte Knobloch, Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde in München, immer wieder hinweist: Deutsche Juden werden von vielen für Israelis gehalten und daher mit der Nahost-Politik Israels in Verbindung gebracht. Mit anderen Worten: Stößt die Politik eines israelischen Premiers auf internationale Kritik, machen Teile der deutschen Bevölkerung auch die hiesigen Juden für diese Politik verantwortlich.


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