Religion


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Zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus Die Kinder von Indersdorf

Im Sommer 1945 wurde aus dem Kloster Indersdorf ein internationales Kinderzentrum. 70 Jahre später treffen sich hier Menschen aus Israel, Polen, England, den USA und anderen Ländern. Sie wollen den Ort wiedersehen, der in ihrer Jugend eine Wende in ihrem Leben bedeutet hat.

Von: Andrea Roth

Stand: 26.01.2017 | Archiv

Jüdische Kinder, Überlebende aus Konzentrationslagern | Bild: BR

Im jahrhundertealten Gebäude wurde im Juli 1945 von der UNO mit US-Unterstützung ein Heim eingerichtet, das Kindern, die ohne Eltern aufgefunden wurden – jungen Überlebenden der Konzentrations- und Zwangsarbeitslager genauso wie Kindern von Zwangsarbeiterinnen – eine erste beschützende Umgebung bieten sollte. Unter der Leitung der Sozialpädagogin Greta Fischer wurden hier, in einer Zeit, in der die deutsche Gesellschaft über das Geschehene schwieg, Therapien für die meist tief traumatisierten Kinder entwickelt.

Ghetto, KZ oder Zwangsarbeit

Martin Hecht

Ob bei der gewaltsamen Trennung von den Eltern und Geschwistern oder beim Miterleben, wie die Liebsten im Ghetto, KZ oder bei der Zwangsarbeit umkamen: Diese Kinder hatten ihre Kindheit  verloren. Wie Martin Hecht, dessen ältere Brüder auf dem Todesmarsch nach Flossenbürg erschossen wurden. Bis heute treibt es ihn um, warum er als Jüngster überlebte.

Kleinkinder im Kloster 

Im Kinderzentrum Indersdorf wurden auch viele Kleinkinder versorgt. Sie waren Überlebende der Kinderbaracken, die die Nationalsozialisten errichtet hatten, um Kinder von Zwangsarbeiterinnen unterzubringen. In den NS-Kinderbaracken vegetierten die Kleinkinder ohne ausreichende Nahrung und Betreuung dahin. Ein Stelenfeld in Indersdorf erinnert an die Kinder, die in den NS-Kinderbaracken starben. Die überlebenden Kleinkinder wurden im Kinderzentrum Indersdorf 1945 mit besonders viel individueller Fürsorge betreut, man versuchte ihnen ein Gefühl von Geborgenheit und Familie zu vermitteln.

Jugend in Indersdorf

Nach einer Kindheits-Zeit, die keine war, in KZs, Lagern und Fabriken, konnten die Jugendlichen in Indersdorf hier wieder ein Stück Jugend erleben: Sie sangen, machten Freizeit-Unternehmungen und viele verliebten sich zum ersten Mal.

Weiterreise nach Israel

Indersdorf-Kibbuzgruppe in Israel - Von links: Miriam Schwartz, Nachum Bogner, Yankele Rotem, Ora Rotem, Miriam Kruk, Avremale Litman

Mehrere hundert Kinder lebten hier zeitweise, bis sie in ihr Heimatland wie Polen oder Ungarn zurückkehren oder nach England, den USA oder Israel auswandern konnten, meist ohne Eltern und Geschwister und mit ungeahnten Herausforderungen. So wurde die 13-jährige Ora Rotem mit einer Kindergruppe Richtung Palästina geschickt – auf der berühmten "Exodus", in ein Land im Aufbau, das noch längst nicht der Staat Israel war.

Zurück ins Leben

Anna Andlauer

Vor einigen Jahren entdeckte die Lehrerin Anna Andlauer die Geschichte des Klosters neu. Sie machte in aller Welt ehemalige Schützlinge Greta Fischers ausfindig und sorgte dafür, dass sie nach Indersdorf eingeladen wurden. Über das internationale Kinderzentrum Kloster Indersdorf veröffentlichte sie das Buch "Zurück ins Leben".


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